Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 25 (20.6.1876)
- Date
- 1876-06-20
- Page
- Seite 396 (sequence 2)
- Language
- German
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396 Gladstone stellt ein Schema von fünf Rubriken auf, nämlich 1) den Ultramontanismus, 2) die historische Schule, d. h. die Altkatholiken, welche das Papstthum verwirft, aber au die sichtbare Gestalt der Kirche glaubt, Z) den Protestantismus, 4) die Theisten und 5) die Schule der Verneinung, welche letztere er wieder in 8 Unterabtheilungen bringt. Gladstone ist strenggläubiger Christ. Niemand wird ihm hieraus einen.Borwurf machen. Jedermann aber wiffen, daß, wenn er von diesem Standpunkte aus über andere religiöse und philosophische Erscheinungen urtheilt, dies nur höchst einseitig ausfallen wird. Das Wesentliche des Christenthums ist ihm die Dreieinigkeit, also die Gottheit Jesu, die Menschwerdung Gottes, die Erlösung von der Erbsünde und die Versöhnung mit Gott durch den Glauben an den Tod Jesu und dessen Erlösungskraft. Bon hier aus theilt er den drei christlichen Kirchen, wie er sie oben aufstellte, ihre Vorzüge und ihre Schwächen zu. Bon hier aus bestimmt er aber auch sein Verhältniß zu den „Theisten". Diese sind ihm solche, welche „den Namen und die Person des Messias nicht anbeten, denen die h. Schrift nicht das Höchste ist, die eine übernatürliche, wie eine providentielle Ordnung nicht anerkennen und denen die Religion nicht autoritativ und bindend und aus einer objectiven Grundlage basirt ist." Theisten erkennen nach Gladstone keine religiöse Ueberlieferung an, und erklären eine solche nur für Borurcheil, welches der Jugend nicht eingesenkt werden dürfe. Sie erkennen den einzigen, allmächtigen Gott, mit welchem der Mensch in einem unmittelbaren Berhälmiß steht, sie erkennen die Vorsehung und die Vergeltung an, indem Gott das Gute belohnt und das Böse bestraft. Dies stellt Gladstone im vierten Capitel seiner Abhandlung dar. Wie konnte aber Gladstone, nachdem er die Unitarier als eine theistische Secte besprochen hatte, auch die Juden dieser Charakterisirung der Theisten einordnen? Ja, diese beten den Messias als Gott nicht an — aber haben sie keine religiöse Ueberlieferung, oder nicht vielmehr die älteste und ununterbrochenste? Ist ihnen nicht die h. Schrift autoritativ und bindend, weit mehr z. B. als dem Katholicismus? Aber Gladstone kommt es allein darauf an, ob eine Religion den Messias-Gott als alleinigen Erlöser von aller Schuld und Norh - anerkennt und das Bedürfniß nach einem solchen als Mittelpunkt des religiösen Seelenlebens ansieht, um sie als eine positive Religion gelten zu lasten. Da nun das Judenthum jenen nicht anerkennt, die Dreieinigkeit verwirft, die Menschwerdung als Widerspruch gegen den Gottesbegriff zurückweist, die Versöhnung mit Gott und die Befreiung von Schuld nur durch reuige Umkehr und die Barmherzigkeit GotteS erreichbar lehrt, so weiß Gladstone nichts Anderes mit ihm anzufangen, als es nach der obigen Schilderung des Theismus den Unitariern anzureihen, welche Jesus als den Messias, aber als einen menschlichen, die höchste Sittenlehre predigenden anerkennen. Entweder aber hat Gladstone gar keinen Begriff vom Judenthume oder aber er will ihn nicht haben, um der Schwierigkeit aus dem Wege zu gehen. daß die älteste und grundlegende positive Religion feit viertehalb Jahrtausende besteht ohne Dreeinigkeit und erlösenden Messias- Gott. Dies ist es ja, was den strenggläubigen Christen das Judenthum zu einem Stein des Anstoßes unv des Aergerniffes macht, daß es den reinen Monotheismus nicht als „Pachtgut des Theisten für sein Lebelang", wie Gl. sagt, sondern als ein Erbgut von bereits mehr als 110 Menschengeschlechtern hintereinander enthält, daß es vom Glauben nicht mehr verlangt, als was mit dem Verstände und dem Herzen übereinstimmt. Gladstone weiß übrigens, durch welches Opfer dieser sein Glaubensmittelpunkt erkauft werden muß. Schüchtern und wie in einem Winkel sagt er es, aber er sagt es doch: durch das Aufgeben jedes eigenen Urtheilens — d. h. aber doch der eigensten und innersten Natur des Menschengeistes. Aber der Erfolg scheint ihm dieses Opfers werth. Es ist jetzt nämlich bei den neueren streng christlichen Schriftstellern wieder gewöhnlich geworden, wenn sie sich wegen ihres Glaubens im Gedränge sehen, zum Pessimismus ihre Zuflucht zu nehmen unv das menschliche Wesen unv Leben mit so dunkeln Farben zu malen, daß nicht blos Schopenhauer, sondern selbst Bahnsen seine Freude daran hätte. In diesem Elend, in dieser Noch, in diesem Schmerz, in welche der Mensch, namentlich die Maffe der Menschen versunken ist, kann er des erlösenden Vermittlers nicht entbehren, muß er die „Vorstellungen" von „der Gottheit, die in menschlicher Form verkörpert war, unter den Menschen einherging, an ihren Schwächen theilnahm, an ihrer Brust ruhte, in der Krippe schlummerte, am Kreuze blutete" als alleinigen Rettungsanker festhalten.Die Existenz des Judenthums weist diese Behauptung nachdrücklich zurück. Es erklärt alle diese „Vorstellungen" als dem wahren Begriff von der Gottheit widersprechend, ihn geradezu aushebend, aber auch für den Menschen unnothig, weil dieser seine volle Seelenreinheit und Seelenruhe in dem unmittelbaren Verhältniß zu Gott zu finden vermag, in der vollen Liebe zu Gott „mit ganzem Herzen, ganzer Seele, und ganzem Vermögen", in der unbedingten Zuversicht auf Gott, auf Gottes Fügung unv Barmherzigkeit, in dem Berttauen auf die durch die Gotteslehre und die treue Anhänglichkeit an ihr, dem Menschen verliehene Geistesstarke und in der Gewißheit, daß Gott die Welt, den Menschen und deffen Leben ihren Zwecken gemäß weise gestaltet hat. Unv dies hat das Judenthum auch thatsächlich bewährt, da es in dieser Lehre die ihm anhängenden Geschlechter sicher geleitet hat, ihnen Gottseligkeit einfloßte und sie zu tausendfachem Martyrium begeisterte. Dies ist der jüdische Theismus, wie er seit Abraham tradirt, durch den Mosaismus begründet und ausgestaltet, durch die Propheten und h. Sänger entwickelt worden; in ihm lebten t) Man vergleiche;. B. in dem neuesten Hefte der Revue desdeux mondes vom 1. Juni die Aenßerungeu des Herrn Othenin d'Haussouville in seinem Auffatzc über Jules Michelet S. 483. Meint doch Gl., daß die Unitarier nur darum das Bedürfniß nach dem Messias-Gotte nicht hätten, weil sie alle im Wohlstände lebten. Siehe übrigens über die Unilarier unsre „Weltbewegende Fragen" D. H.