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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-06-13 · Heft 24 (13.6.1876) · p. Seite 390

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 24 (13.6.1876)
Date
1876-06-13
Page
Seite 390 (sequence 12)
Language
German
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390 der Dichter Friedrich Hebbel, Ernst v. Schwarzer, Arbeitsminifier im Jahre 1848, dann Redacteur der Oesterr. Zeitung, und Mannheimer. Bevor M. noch von Amtsgeschäften überhäuft war, studirte er fleißig Talmud, Midrasch, Sohar, die Werke der jüdischen Religionsphilosophen :c. und exercirpte interessante Stellen, und zwar zumeist mit Rücksicht aus die Verwendung derselben in den Predigten. Dieses Excerptenbuch giebt eine sehr interessante Anthologie des jüdischen Schriftthums. Mit peinlicher Gewissenhaftigkeit arbeitete er stets an den Predigten. Wenn er am Sabbath zu predigen hatte, begann er am Montag zuvor, die Parascha und Haftora, Die wichtigsten Commentare derselben und die einschlägigen Midraschim zu lesen. Am Mittwoch schrieb er die Predigt im Brouillon. Ost strich er mehrere Male einen Satz, bis er schließlich jene Form hatte, die er wollte. Manchmal geschah es, daß er erst in der Mitternachtsstunde fertig wurde. Donnerstag schrieb er sie iu's Reine und am Freitag lernte er sie auswendig, und zwar präcise. Es kam nur höchst selten vor, daß er auf der Kanzel extemporirte. Doch an dem Tage, an welchem er predigte, recapitulirte er nicht mehr. Er meinte, daß der Bortrag dann an Ursprünglichkeit gewinne. Meine eigene geringe Erfahrung auf diesem Gebiete bestätigt die Richtigkeit dieser Anschauung. Eigenthümlich genug, war er, wie er mir wiederholt mittheilte, stets befangen, wenn er die Kanzel bestieg. Er konnte trotz langjähriger Praxis die rr-i2L-r sm;-’« nicht überwinden. Wenn die ersten Sätze gesprochen waren, dann hatte er die Befangenheit überwunden, und nun beherrschte er souverän das Gebiet. Gar oft bewahrte sich dann an ihm der Satz: a hot teinper creeps «ver a cold »leerte. Begeistert von seinem Gegenstände, setzte er sich manchmal über Formen hinaus, und diese Begeisterung riß die Zuhörer mit sich fort. Hervorgehoben mag werden, daß unter den Feiertagsreden in der Regel die Neujahrspredigt und die Bormittagspredigt am Bersöhnungstage verhältnißmäßig schwächer als die andern waren. Er selber glaubte Len Grund darin zu finden, weil eine Pause eingetreten war (er besuchte in der Regel nach dem 9. Ab ein Bad) und er nicht mehr „im Zuge" war. Selbstverständlich machte er mir oft Mittheilungen über die jüdischen Zustände und Verhältnisse in Wien in der ersten Zeit seiner Amtswirksamkeil. Es gab da manche harte Kämpfe. Einmal entbrannte der Streit, weil er den Piut msc taa tn gestrichen wissen wollte, Herr v. Neuwall jedoch, besten Kinder damals bereits getauft waren, wollte durchaus dieses Stück nicht misten. Mannheimer wurde heftig, und Biederman, selbst eine energische Natur, manchmal auch ein arrs -122, stellte sich auf seine Seite, und die Sache ging durch. Als das Gotteshaus erbaut war les faßt bei 1500 Personen; die Seelenzahl der Juden war jedoch damals kaum 700), fragte Biederman ganz besorgt: „Was werden wir mit all den Sitzen ansangen?" — Er hatte jedoch noch die Satisfaction, zu sehen, daß daS Gotteshaus sich immer mehr und mehr füllte. Mannheimer versah mit dem hingehendsten Eifer, mit der größten Pünktlichkeit seinen Dienst; aber er wahrte die Würde seines Amtes und seiner Stellung. Er ließ sich nicht, wie dies in den ersten Jahren seiner Amtswirksamkeit manchmal der Fall war, zum „Meschuabod" Legradiren. Er pflegte zu sagen: „Ich bin nicht die mes der Leute." Er würdigte jedes Verdienst; er nahm aber auch kein Blatt vor den Mund und sagte den Kammern oft bittere Wahrheiten in's Gesicht.') Bezeichnend für den Charakter Mannheimer's ist es, daß er während seiner langen Amtswirksamkeit hier, sich nicht ein einziges Mal weder an den Vorstand, noch an eine Behörde mit einer Bitte wendete. Im umfangreichsten Sinne des Wortes befaß er „reine Hände". Er führte selbst die Matrikel; doch wollte er nie zugeben, daß irgend welche Sporteln für die Ausfertigung der betreffenden Geburisschema :c. festgestellt werden, er stellte sie unentgeltlich aus. Den Armen gab er überdies die nöthigen Stempelmarken umsonst. Allerdings pflegte er oft zu sagen: Ich habe durch meine Uneigennützigkeit nichts verloren. Zehn und Zwanzig zahlen nichts, dann ersetzt Einer für Viele. Ich glaube keine Jndiscretion zu begehen, wenn ich Folgendes erzähle. Als er seine erste Tochter verheirathete, besuchte ihn Herr Moritz v. Goldschmidt, um ihm im Aufträge der Frau Baronin Rothschild in Paris mehrere Tausend Francs anzubieten. Doch er lehnte dieses Anerbieten ab, da er gerade so viel erspart habe, als er eben braucht. Herr v. Goldschmidt meinte hierauf, er (Mannheimer) habe ja noch eine zweite Tochter zu versorgen. Doch Mannheimer erwiederte: „Ich hoffe, daß mir Gott bis dahin wieder helfen wird." Und Gott hat ihm geholfen und er nahm nichts an, als er die zweite Tochter verheirathete. Dies waren auch die gesammten Ersparniste seiner Amtswirksamkeit. Er machte nur sehr geringe Ansprüche an's Leben, und sagte häufig: bas Leben ist nicht da, um ein nn: davon zu Schließlich sei mir noch gestattet, anzuführen, daß er auch einmal eine Recension verösfentlichte. Er besprach nämlich meine Schrift: „Ueber die Volksschulen in Oesterreich", Wien, 1851, im „Was dann", der damals von Schwarzer redigirt wurde. Als theures Andenken bewahre ich einen Brief, den er an mich nach der Feier seines 70. Geburisfestes richtete, bei welcher 1) Unwillkürlich fällt mit hier folgende Reminiscenz ein, die, wie ich glaube, heute noch da und dort charakteristisch ist. In meiner Hei- Math war ein Gemeiudcbeamter, der in dem Rufe eines wohlhabenden Mannes stand. Wie die Fama wisfen wollte, besaß er einige Hundert Gulden. Ein Gemeindemitglied, das mit schwerer Mühe seine Familie versorgte, schickte demselben stets zu Neujabr und zu Purim fünf Groschen. Da bemerkte einmal der Sohn: „Der Beamte ist wohlhabend und Du hast mit schweren Sorgen zu kämpfen, wozu brauchst Du ihm etwas zu schicken?" Doch der Bater erwiederte: „Er (der Beamte) muß wissen, daß ich bin sein „Baalbos" und er ist mein Meschuabod".

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