Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 24 (13.6.1876)
- Date
- 1876-06-13
- Page
- Seite 389 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227069-3227094--34525-3304410- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
389 9fal§lant>. I Geschworenen bei Den neuen Gerichten betrifft, so schien i Dtc Frage der Zuziehung der jüdischen Bevölkerung Schwie- Aus dem Poseuschen, 3V. Mai. Man schreibt der! rigkeilen zu machen. Ändeß beabsichtigt man. den Juden die- Posener Zeitung aus Warschau: „Seit mehreren Tagen weilt; selben Rechte einzuräumen. wie der übrigen Bevölkerung und in unserer Stadt der russische Justizminister Graf Pahlen, um | will sie bei der Bildung der Geschworenengerichte in dem Versich über die Einführung der neuen Gerichtsorganisation und Die; HLlniß theilnehmen lassen, in dem ihre Gesammtmenge zur übrigen Fortschritte der gegenwärtigen Reformen persönlich zu informiren.! Bevölkerung besteht." Jedenfalls wieder ein Fortschritt'. Feuilleton. Reminiscenzeu von G. Wolf. (Schluß.) Um den Leser nicht zu ermüden, will ich mich von den politischen Verhältnissen abwenden. Mein Geburtsort, Holleschau in Mähren, liegt abseits von der grossen Heerstraße, der Verkehr mit Wien war damals noch sehr gering; aber wenn ab und zu Jemand in Wien gewesen war, sprach er entzückt und begeistert von den Predigten Mannheimers. Allerdings hielt man ihn nicht für einen frommen Juden; denn in meiner Vaterstadt, wo sehr viel Talmud getrieben wurde, ging es sehr fromm her. Ich selber hörte als Kind den damaligen Rabbiner Jesaias Nasch in Deraschorh bittere Klagen darüber führen, daß Juden Brod von christlichen Bäckern ann: de genießen. In großer Erregung hielt er seinen Zuhörern vor, er habe es mit eigenen Augen gesehen, daß Leute am Sabbathe, wenn es regnet, sich eines Regenschirmes bedienen, und in solcher Weise die Sünde begehen, am Sabbathe ein bmst zu construiren. Lebhaft erinnere ich mich noch folgender Scene. Der reichste Mann in der Gemeinde hatte geheirathet. Die junge Frau ging am Mittwoch nach der Hochzeit, wo Wochenmarkt war, auf den Markt, um Einkäufe zu besorgen. Sie trug ihr eigenes Haar. Eine fromme Frau, Gihel Mariacus, bemerkte dieses, und glaubenseifrig wie sie war, versetzte sie ihr auf offenem Markte eine schallende Ohrfeige und rief ihr zu: „Du rrxi-iE, willst Du nach Hause gehen und Dir das Haar abschneiden lassen." Selbstverständlich machte dieser Vorgang ein ungeheures Aufsehen. Der Mann der gekränkten Frau wollte die Klage erheben. Dessen Jugendfreund, mein sel. Onkel, der damals Judenrichler war, hielt ihn von diesem Schritte ab. Allgemein hielt man jedoch das Vorgehen Gihel Mariacus für correct, denn sonst würde die ganze nVnp versündigt werden. Ueberhaupt spielte dieses „Versündigen" eine große Rolle. Noch kann ich mich erinnern, daß einmal in kurzer Zeit mehrere Personen am Typhus erkrankten und starben. Nun wurde steif und fest behauptet, es müsse ein rrwn in der n'rnp sein, und Einige wollten ihn gefunden haben. Es wurde nämlich ein Gemeindemitglied beschuldigt, sich mit dem Messer zu rasiren. Man machte Recherchen und es stellte sich heraus, daß der Mann arg verleumdet wurde, denn auch er benutzte zu dem genannten Zwecke aurum pigmenium. Wie in meiner Vaterstadt, so sah es vor etwa vierzig Jahren in den meisten jüdischen Gemeinden Mährens aus. Es hat sich seitdem Manches und Vieles geändert. Selbstverständlich betrachtete man die synagogalen Reformen, die in Wien eingeführt wurden, als ultra-reformistisch. Nichtsdestoweniger trieb es mich, da ich zum Rabbiner bestimmt war, nach Wien, um Mannheimer predigen zu hören, und mir eine wissenschaftliche Bildung zu verschaffen. Mit sehr geringen Geldmitteln versehen, ohne alle Empfehlungen kam ich als 10jähriger Jüngling hier an. Nachdem ich meine Angelegenheiten beim Judenamte geordnet hatte, sehnte ich mich, mein Ideal mit eigenen Augen zu sehen. Nach vielem Fragen fand ich endlich die Wohnung des Mannes, den ich suchte. Nun aber verlor ich den Muth, mich demselben vorzustellen. Wie konnte ich auch auf ein freundliches Entgegenkommen hoffen? Nichtsdestoweniger wagte ich den Schritt, da ich doch deswegen nach Wien gekommen war. Ich wurde vorgelassen und blieb in seinem Zimmer an der Thüre stehen Mannheimer war sehr kurzsichtig und kam auf mich zu mit der Frage: „Was wünschen Sie?" — Ich antwortete, wie es mir um's Herz war: „Ich möchte bloß das Glück haben, Sie zu sehen." Hierauf lud er mich ein, mich zu setzen. Ich suchte nun mich von der besten Seite zu präsenliren, und zeigte ihm einige hebräische Stilproben, die ihm nicht mißfielen. Ich schwamm förmlich im Entzücken, als er mir beim Weggehen gestattete, ihn wieder besuchen zu dürfen. Ich machte von dieser Erlaubniß Gebrauch, und nun setzte ich ihm meine Verhältnisse auseinander und schüttete mein ganzes Herz vor ihm aus. Er versprach mir seinen Beistand und er hat getreulich Wort gehalten; und wie ich ihm zu allen Zeiten anhing und ihn verehrte, so blieb er mir bis zu seinem Tode ein treuer Freund, und wahrlich, ich werde mich stets seiner Freundschaft rühmen. Wie er gegen mich war, so war er gegen Jedermann, d. h. er unterstützte jedes redliche Streben und förderte wissenschaftliche Bestrebungen. Ich hatte in meinem Leben das Glück, mit verschiedenen hervorragenden Persönlichkeiten, Schriftstellern, Dichtern, Staatsmännern, Künstlern, Gelehrten, im öftern Verkehr zu stehen. Unter diesen waren es drei Personen, deren ■prm nrrc fast stets rrnn war. Diese waren 24 *