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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-06-13 · Heft 24 (13.6.1876) · p. Seite 388

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 24 (13.6.1876)
Date
1876-06-13
Page
Seite 388 (sequence 10)
Language
German
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388 Belgien. Brüssel, im Juni (Privatmitth.). Unsren Gemeinden werden in nächster Zeit mancherlei Aufgaben gestellt sein. Der Bau der neuen Synagoge geht rüstig vorwärts. Bekanntlich haben zu diesem Bau der Staat, die Provinz und die Stadt zusammen 350,000 srcs. beigetragen; 200,000 frcs. haben die Mitglieder der Gemeinde durch freiwillige Beiträge gesteuert, aber der gesummte Bau mit der inneren Ausschmückung wird wohl eine Million frcs. in Anspruch nehmen. Mit dem neuen Tempel ersteht natürlich die Frage nach dem Gottesdienste und dessen Gestaltung. Der Weg zu einer angemeffenen Reform ist geebnet; denn es besteht hier Orgel und Chorgesang, die Piutim sind meist beseitigt und andere kleine Verbesserungen angenommen. Das Ganze aber hat noch durchaus keinen einheitlichen Charakter und sieht vielmehr wie ein buntes Gemisch von Alten und Neuem und zwar zu viel auf beiden Seilen aus. Denn wenn;. B. nach der langen Vorlesung aus der Thora und der der Haphtora mit vielen Mischa-Berachs und Nedarim eine moderne Mottete mit Sologesang einer Dame ausgeführt wird, so kann man doch wohl sagen, daß die Einheit fehlt und sowohl vom Altem als vom Neuem zu viel da ist. Doch wird dieser Gegenstand noch große Schwierigkeiten bereiten, da unsre Gemeinde vielfach von Holland rekrutirt wird, diesem gesegneten Lance der Stabilität. Eine andere Schwierigkeit erhebt sich immer wieder durch die Friedhofsfrage. Bekanntlich ist hier eigentlich das betr. Napoleonische Dekret im Gebrauche, nach welchem die Gottesäcker zwar Eigenthum rer Commune sind, aber nach den verschiedenen Confessionen des Ortes abgetheilt werden sollen. Jetzt behauptet mit Einem Male die liberale Partei, diese Dekrete hätten keine Gültigkeit und der Magistrat fei unbedingt der Herr der Gottesacker. Der Bürgermeister von Brüssel will nun nur einen einzigen gemeinsamen Gottesacker dulden, und deshalb den jüdischen Friedhof schließen. Es wird schwer halten hiergegen Etwas auszurichten, noch dazu da unser jetziger Friedhof bald gefüllt ist und wir an den Erwerb eines neuen zu denken hatten, wozu wir gern den erforderlichen Kaufpreis hergäben, aber schwerlich die Concession erlangen werden. Wir sind auch noch im Besitz eines alten, seit 30 Jahren nicht mehr benutzten Friedhofs, der ebenfalls wieder in Gebrauch gesetzt werden könnte. Der Entwickelung dieser Angelegenheit sieht man mit Besorgniß entgegen. Tunis. Tunis, im Mai. Am 5. d. wurde hier auf öffentlicher Straße ein Jude von einem verrufenen Muselmann, an den er unvorsichtiger Weise angestoßen hatte, erstochen. Die Justiz bemächtigte sich in prompter Weise des Verbrechers und dieser wurde schon am 7. Morgens hingerichtet. Trotzdem hatten die Juden laute Manifestationen gemacht, indem sie den Leichnam des Ermordeten mit Geschrei und Rachegesängen durch die Straßen trugen. Die Behörden benahmen sich diesem Auflaufe gegenüber ruhig und zurückhaltend. Nachträglich jedoch erließ der Präsident der Tunesischen Regierung, General Kherednie, eine Bekanntmachung, welche ähnlichen Kundgebungen die strengste Ahndung androhte. Rumänien. Bukarest, im Mai. Der Consul Peixotto ließ in dem Jew. Meffenger zu New-4)ork vom 25. Februar einen Brief veröffentlichen, in welchem er für eine Geldsendung dankt und die wunderbaren Erfolge rühmt, die er nach seiner jüngsten Rückkehr von London durch die schnelle Aussöhnung aller Parteien u. s. w. erreicht habe. Ein „rumänischer Israelit" veröffentlicht nun eine Antwort, in welcher er alle die unglücklichen Pläne aufführt, welche Peixotto betreffs der rumänischen Juden und ihrer Lage während seiner Anwesenheit in Bukarest gefaßt und deren Ausführung versucht habe, so daß ihre traurigen Wirkungen nur mit Muhe verhindert werden konnten. Herr Peixotto selbst sei die Ursache der Zwistigkeiten gewesen, in deren Folge im vorigen Jahre das Hospital und die Schule geschlossen werden mußten. Während Peixotto's Abwesenheit wurde eine Verständigung bewirkt. Schule und Hospital wieder eröffnet, und Herr Peixotto mußte nach seiner Rückkehr den Vorsitz der WohlthLtigkeitsgesellschaft Zion abireten, indem man ihm nur die Würde eines Ehrenpräsidenten gab. Was diese jüngsten Vorfälle betrifft, muffen wir die Richtigkeit des Berichtes dahin gestellt sein lassen. Was die früheren Pläne des Herrn Peixotto betrifft, die Geldfammlungen, die Auswanderung nach Amerika, die Monstre-Petilion, so ist alles wahr, was darüber gesagt wird und die Redaktion d. A. Z. d. I. gehörte zu den eifrigsten Bekampfern derselben. —. Aus Fokschani checkt man uns unter dem 27. Mai von einem traurigen Vorfall mit, der am Tage zuvor daselbst stattgefunden. Ein irrsinniger junger Mann erstach seinen eigenen Vater, einen 46 jährigen höchst vortheilhaft beleumdeten Mann. Der Vater hatte in seiner unbegrenzten Liebe zu seinem unglücklichen Sohne diesen vor einiger Zeit aus der Irrenanstalt zu Brünn abgeholt und ließ ihn frei in seinem Hause umhergehen. Möge man aus diesem traurigen Vorfall die Lehre ziehen, gegen solche unglückliche Menschen die Vorsicht nicht außer Augen zu setzen. Dem Herzen des Vaters hatte es widerstrebt, den Sohn gerichtlich für irrsinnig zu erklären zu lassen, so daß er länger in einer Irrenanstalt gehalten werden könnte. — . Am 2. Juni sind die Ratificationen des österreichischrumänischen Handelsvertrages ausgewechselt worden.

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