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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-06-13 · Heft 24 (13.6.1876) · p. Seite 386

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 24 (13.6.1876)
Date
1876-06-13
Page
Seite 386 (sequence 8)
Language
German
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386 große Theile desselben in anderen Ländern beherrscht und die religiösen Gegensätze in Aber- und Unglauben so lebhaft auftreten, daß Jedermann froh sein müßte über das Dasein des rationalen Judenthums! Man fragt sich, woher diese eigenthümliche Erscheinung? Die Antwort jedoch liegt in dieser Frage selbst. Juden, welche zu Abgeordneten gewählt sein wollen, müssen schon an sich einen völlig nivellirten Boden einnehmen; sie müssen in religiöser Beziehung radical sein, sonst werden sie nicht gewählt. Die religiösen Momente sind eben in der Gegenwart wieder so stark hervorgelreten, daß eine specifisch gesinnte Bevölkerung einen Juden nicht wählt, und dieser Jude muß sich eben auch als jedes Religiös - Specifischen entkleidet zeigen. Daß in dieser Richtung die Herren dann mehr thun, als sie brauchten, und über alles Maß hinausgehen, ist auch erklärlich. Die Zeit, wo es anders war, wo ein Rieffer, ein Moritz Veit sich zur nationalliberalen, ein Kosch zur Fortschrittspartei bekannten, und dennoch offen für die Erhaltung der jüdischen Institutionen eintraten, ist eben vorbei, und wir müssen, wenigstens für einige Zeit, darauf verzichten. Männer im Abgeordnetenhause zu sehen, welche für die Rechte des Judenthums einstehen. Um so wohlthuender war es, eine in wissenschaftlicher, wie politischer Beziehung so hochstehende Persönlichkeit wie Dr. v. Sybel gerade für die Institutionen sich erheben zu sehen, welche diese Abgeordneten jüd. Religion verschmäheten! Es ist jetzt noch nicht die Zeit, diese Vorgänge in ihrer ganzen Bedeutung zu zeichnen, und sich den objectiven Standpunkt dabei zu bewahren; aber es wird nicht lange währen, bis das Uriheil sowohl über die Thatsachen, als auch die Personen sich seststellen wird. Berlin, 1. Juni. (Privatmittheilung.) Selbstverständlich waren die Tribünen des Abgeordnetenhauses an den Tagen, wo das Austrittsgesetz zur Verhandlung kam, von unsren Glaubensgenossen stark besetzt. Der Eindruck, den die beiden Reden des Herrn v. Sybel machten, namentlich wie er den beiden jüdischen Abgeordneten, den Herrn Lasker und Hirsch mit ihrem ultramontanen Bundesgenossen vr. Röckerath heimleuchtete, war ein sehr nachhaltiger. Wir sind fest überzeugt, daß dieser Eindruck sich auch in der Abstimmung des Hauses hatte fühlbar gemacht, wenn dieses sich nicht durch seine beiden früheren Resolutionen, gegen welche kein Redner ausgetreten war, gebunden glaubte. Dahingegen machte Lasker, ganz objectiv beurtheilt, durch seine übermäßig lange Rede gar keine Wirkung auf die jüd. Zuhörer. Denn die Phrasen über „die innere Kraft" und das Martyrium der Juden haben wir schon unzählige Male und besser von unsren Kanzeln gehört und es klang doch mindestens sonderbar, das Martyrium der Väter zu rühmen, wo man, um einige Thaler Gemeindesteuern zu sparen, die Einheit der Gemeinde in die Luft sprengen will, und wo man um ein desfallsiges Gesetz die legislatorischen Instanzen ansucht'. Die Schlußrede Lasker's war den Erwiderungen Sybel's gegenüber sehr schwach und wird hier allgemein als eine Niederlage Lasker's angesehen. Der Gesetzentwurf ist nunmehr an das Herrenhaus abgegangen.- Gestatten Sie mir, auf eine Angelegenheit zurückzukommen, welche früher auch in d. Bl. erwähnt worden. Ein Lehrer an der Louisenstäoter Töchterschule, L. Rudolph, sollte sehr verletzende Ausdrücke den jüdischen Schülerinnen seiner Elaste gegenüber gebraucht haben. Diese waren so kraß, daß nicht allein die Tagesblätter darüber berichteten, sondern auch in der Stadtverordnetenversammlung heftige Debatten ftattsanden. Vor Kurzem erschien nun eine kleine Vertheidigungsschrift Rudolph's: „Was heißt Toleranz in der Schule?" Nun findet man in derselben fast nichts, was einer Beantwortung dieser allerdings wichtigen Frage gleich sieht, doch rechtfertigt sich der Verfasser von dem ihm gewordenen Tadel, da er die ihm in den Mund gelegten Worte oder selbst nur ähnlich lautende gar nicht gebraucht hat. Es ist ein 63-jähriger Mann, der 41 Jahre das Lehramt übt und sehr zahlreiche Schülerinnen jeden Alters in den hiesigen jüd. Familien zählt, auf deren Zeugniß über seine Lehr- und Behandlungsweise er sich beruft. Man kann sich also dieser Rechtfertigung nur freuen. Was er aber über den eigentlichen Vorgang berichtet, muß doch unsre Aufmerksamkeit aus sich ziehen, wenn er auch den nicht überraschen kann, der die gegenwärtigen jüdischen Zustände hier und an anderen Orten kennt. Wunde Stellen müssen immer wieder blosgelegt werden, denn dies ist der einzige Weg, eine Besserung womöglich herbeizuführen. Rudolph berichtet an seinen Direktor: „In der Elaste Hb. mit dem Unterrichte in der Geographie bettaut, habe ich im vorigen Quartal die physikalischen Verhältnisse von Asien durchgenommen und bin gegenwärtig zu der politischen Eintheilung des Erdtheils übergegangen. Wie jeder verständige Lehrer, lasse ich es mir angelegen sein, das Unbekannte an das Bekannte anzuknüpfen, früher Dagewesenes zu befestigen und den Schülerinnen zu zeigen, in welchem organischen Zusammenhänge die verschiedenen Unterrichtsgegenstände miteinander stehen. Als ich eine Schülerin an die Wandkarte rief, um mir Syrien und Palästina zu zeigen, stand sie rathlos da. Um ihr zu Hülfe zu kommen, fragte ich: Wo ist die peträische Halbinsel? Dieselbe Verlegenheit! — Haben Sie einmal etwas vom Sinai gehört? Nein! — Von Canaan? Nein! — Vom gelobten Lande? Nein! — Bon Abraham? Nein! — Von Moses? Nein! — Kennen Sie vielleicht die zehn Gebote? Nein! — Erstaunt, von einem 14—15jährigen Mädchen, wenn auch einer Jüdin, dies Alles verneint zu hören, fragte ich: Haben Sie denn nie Religionsunterricht gehabt? Nein! — Das ist aber doch undenkbar, erwiederte ich. Melden sich, setzte ich hinzu, doch einmal die jüd. Schülerinnen, welche Religionsunterricht gehabt haben. Es erhoben sich etwa 8—10. — Nun diejenigen, welche noch keinen gehabt haben! Es standen drei auf. Das hatte ich allerdings nicht geglaubt, fuhr ich fort, daß in unserer Mettopole der Intelligenz Mädchen 14—15 Jahr alt werden können, ohne auch nur das Geringste

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