Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 23 (6.6.1876)
- Date
- 1876-06-06
- Page
- Seite 374 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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miffär erschien nämlich gewöhnlich schon um diese Zeit im Bureau, und zwar nicht aus Amtseiser, sondern um jene Parteien zu empfangen, die ein Anliegen hatten, für dessen Gewährung sie ihre Dankbarkeit unv Anerkennung bewiesen. An diesem Tage jedoch, als Frau S. mit ihrem Begleiter erschien, bemerkte der wachthabende Polizeimann: „Der Herr Commiffär ist noch nicht hier, da Sie heute Feiertag haben." Der Begleiter, der sich schämte, von dem Polizeimanne für einen Juden gehalten zu werden, fragte Frau Semmler: „Welchen Feiertag haben Sie heute?" und sie antwortete: rirr 77np>7?. (Schluß folgt.) Vermischtes. In Salonichi. Bei dem großen Interesse, welches diese Stadt in den jüngsten Tagen unglücklicherweise auf sich zog, ist es nicht unangemessen, auch noch folgende Stelle aus Mittheilungen eines H. Wnn. im Feuilleton der „N. fr. Pr." hier wiederzugeben: „Bei unserer Ankunft im Hasen von Salonichi erlebten wir ein merkwürdiges Schauspiel. Der Anker war noch nicht auf dem Grunde des Wassers, die kleine Landungstreppe noch nicht vom Bord herabgelassen, als wir uns schon von einer Flottille niedlicher Gondeln umringt sahen. Wie lustige Kinder um ihren Urahn tanzten die kleinen Fahrzeuge um die große „Jmera", und allerhand fremdartige Laute und unverständliche Rufe tönten zu uns heraus. Daß hierzulande ein redeflinkes, geschäftiges Volk hauste, dies lehrt der erste Blick, das erste Lauschen des Ohres. Aber welchen Ursprungs dies Volk sei, wollte mir anfangs nicht klar werden. Und doch schienen mir die Leute so bekannt! Sieht man eben auf fremdem Boden etwas ganz Bekanntes, tagtäglich Heimisches, so stutzt man bisweilen im ersten Augenblicke, und ich bin überzeugt, wenn man plötzlich sich selber begegnete, würde man verwundert fragen, welcher Race wohl der sonderbare Kerl zugehöre. So erging's mir im Hafen von Salonichi. Ich kannte die abenteuerlichen, wie mit Absicht zerlumpten Gestalten, deren Kähne unser Dampfboot umgaukelten — wo aber sollte ich in der Geschwindigkeit ihre Wiege suchen? Diese ausdrucksvollen Nasen, kühn gespannten Ohren, begehrlichen Lippen, prächtigen Zähne, zielbewussten Blicke, sinnlich gefunden Gesichtsfarben — wo in aller Welt hatte ich sie schon gesehen? Auf einmal ward es Licht für Aug' und Ohr. Ich dachte an das alte Thessalonich und daß die Stadt von jeher dem lebensvollsten aller Semitenvölker als eine Art Metropole diente, von jeher eine Herberge aller Stämme Jsrael's gewesen. „Da war eine Judenschule", heißt es schon in der Apostelgeschichte. Kein Zweifel mehr über Art und Stamm meiner bekannten Unbekannten. Es waren Juden, freilich keine directen Nachfahren der berühmten Theffalonicher Juden, sondern die Enkel der spanischen Einwanderer, die gegen das Ende des fünfzehnten Jahrhunderts an der thessalischen Küste gastliche Aufnahme gesucht hatten. Die glaubenseiftigen Osmanen waren ja duldsamer, als die das Evangelium der Liebe lehrten. Einmal gewöhnt an das wirre Reden und Rufen, unterschied auch das Ohr einige spanische Laute. „Caraja! c . . .!“ zankten sie untereinander und sparten nicht die derben Flüche, die mir von Spanien her recht gut bekannt waren. Die Treppe wurde niedergelassen, und nun wollte Jeder zuerst auf dem Deck sein, um den Passagieren seine Dienste anzubieten; sie klammerten sich an das Geländer, drängten sich zu Dritt auf eine Staffel, wo kaum Einer Platz hatte, schrien, tobten, gesticulirten mit den Armen, machten pantomimische Kunststücke, riefen in einem Athem dem Fremden eine Höflichkeit zu und dem Concurrenten harte Worte in's Ohr, geberdeten sich überhaupt in bester Meinung wie ein losgelassenes Pandämonium. Oben am Rande der Treppe stand der Capitan, mit großer Gemüthsruhe die Invasion abwehrend. Da half kein Drängen und Drücken, über die letzte Staffel kam Keiner hinaus. Endlich aber ward der Widerstand der leichtgezimmerten Treppe erschöpft. Ein Krach, und alles heraufstürmende Volk, wohl an die zwanzig Mann, purzelte rückwärts in's Meer hinein, im Falle mit sich reißend, was noch von unten herauf aus den Gondeln hinterdreinschob. Es war das Bild eines fast komischen Schiffbruchs. In buntem Wirrwarr schwammen auf dem Wasser umgekippte Nachen, rothe Mützen, vielfarbige Pantoffeln, Fragmente einer Stiege, Ruder, Planken, Tabakspfeifen. Von den armen Teufeln konnte kein Einziger schwimmen, aber — nur des guten Endes wegen nannt' ich's einen komischen Schiffbruch — sie retteten sich insgesammt mit bewundernswerther Geschicklichkeit, der Eine so, der Andere anders, und Keiner verunglückte, wo ein Türke sechsmal ertrunken wäre. Fürwahr, so treibt Israel um das Schiff der Weltgeschichte, von Gefahren bedroht, von. den Wogen gepeitscht, vom Sturm umhergeworfen. Aber die Kraft des Sturms erlahmt an dieses Volkes Lebenslust: die Woge, die Andere verschlingt, trägt die schmiegsamen Körper, und die Gefahr scheint den zu fliehen, der sich herzhaft vor ihr fürchtet. Israel kann nicht untergehen. Sich zu retten, hascht der Eine einen Balken, klammert sich der Andere an den Rand eines Nachens; der erfaßt ein Tau, der die Ankerkette, der eine Ruderstange. Jetzt klettern sie an der Schiffswand empor; schon setzen sie den Fuß in die Lucken; ein Schwung uber's Geländer, und sie stehen auf dem Verdeck, das durchnäßte Fell schüttelnd, nach überstandener Noch um so geschäftiger und händelsüchtiger. Und genau, wie ich da sage, geschah es im Hafen von Salonichi. In der Gefahr rückten die armen jüdischen Gondoliere ihrem Ziele desto näher; von Verbot und Gehorsam war natürlich keine Rede mehr; in einem Nn kamen sie, ich weiß nicht wie, von allen Seilen her auf's Deck