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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-06-06 · Heft 23 (6.6.1876) · p. Seite 375

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 23 (6.6.1876)
Date
1876-06-06
Page
Seite 375 (sequence 13)
Language
German
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375 geklettert und umstürmten uns mit ihren Anträgen. Man Lenke an den Schiffsüberfall in der „Afrikanerin", um von dem wunderlichen Bild eine beiläufige Vorstellung zu bekommen. Einer der Burschen hatte sich im Krach der Treppe den Arm blutig aufgeschürft; die Wunde war ihm ein kleines Capital werth. Eine Collecte wurde veranstaltet, die eine ganz nette Summe abwarf, und zum Ueberfluß mietheten wir ihn, der Berliner und ich, für den ganzen Tag zur Fahrt im Hafen und zum Geleite durch die Stadt. Ich versuchte mit leidlichem Erfolg, sein corruptes Judenspanisch zu verstehen. Er war groß und stark, von einer grimmigen Häßlichkeit, aber mächtig gebaut, wie ein Held des Alten Testaments. Seine riesige Leibeskraft suchte er hinter dem schlauen orientalischen Lächeln zu verbergen. Ihm glichen seine Kameraden, fast ausnahmslos stämmige, kraftvolle Männer, im Körperbaue ihren europäischen Brüdern ganz unähnlich. Die theffrlischen Juden stehen aufrecht da, haben einen herrischen Zug und scheinen zum Herrschen geboren. Zum Herrschen nach ihrer Art. Ihre lu-rtrumema regni heißen: Sich vermehren und dienen. Junggesellen giebt es nicht in ihrer Gemeinde; sobald Einer heirathsfähig, muß er freien. Die Reichen leben dem Handel, die Armen gehen in einen Dienst. Fast in allen Türkenhäusern, heißt es, seien die Dienstboten jüdischen Glaubens; ebenso die Lastträger, Hafenruderer. Ausläufer, Packknechte. Wird irgendwo ein Dienstbote ungerecht behandelt, so strikt die Gesammtheit, und die bequemen Türken und Europäer befinden sich plötzlich ohne die unentbehrliche Hülfe, das heißt, sie merken, daß sie im Grunde nur die Diener ihrer Diener sind. Es ist schwer, aus einem Netz sich zu befreien, an welchem seit Jahrhunderten gesponnen wird. Seit Jahrhunderten aber weiß es der helle Jnstinct der theffalischen Juden, daß die Herrschaft am liebsten mit der Ueberzahl geht und von dem am besten bewahrt wird, der sich unentbehrlich macht. Es giebt wenig Häuser in Salonichi, wo nicht wenigstens Ein Jude wäre, und ihrer zusammen sind sie stärker, als jeder einzelne dort wohnende Bolksstamm. Man spricht von 36,000, Andere von4O,O00, Manche sogar von 50,000 Israeliten. Unmöglich, die genaue Zahl zu treffen, da die Türkei keine Volkszählungen kennt. Unser hebräischer Cicerone wollte uns natürlich zu allererst das Judenviertel zeigen. Just keine saubere Gegend, aber gewiß fröhlicher denn alle europäischen Ghettos. Die Gaffen sind hell und sonnig, obgleich holperig, schmal und schmutzig; die Häuser reichen selten über das Erdgeschoß, und das Licht findet allerwärts seinen Weg über die niedrigen Dächer. Da und dort ein vereinsamtes Gärtchen, dessen freundliches Grün die graue Umgebung erheitert. Doch wenn auch ewiges Halbdunkel an diesem Orte herrschte und die Sonne niemals ihn besuchte, des Lichtes würde er doch nicht ermangeln, denn die blendend schönen Jüdinnen verbreiten ihren Glanz, und hinter staubigen Fenstern voller Spinngewebe sieht man dunkle Augen brennen, lauter morgenländische Sonnenstrahlen. Man muß auch die Weiber sehen, um die Lebenskraft des theffalischen Judenstammes zu begreifen. Sie tragen einen eigenthümlichen Kopfputz, die sogenannte Kofia, eine Art Barett, zumeist grün gestickt, unter dem Hals gebunden, hinten mit einem Anhängsel, das die Formen eines langen breiten Fischschwanzes nachzuahmen scheint. Kommt man von Konstantinopel, wo man sich an verschleierten Weibern müde sah, so wirkt der Anblick dieser prächtigen Geschöpfe wahrhaft erfrischend auf Herz und Sinne. Aus dem Haremsdunst, der die Türkinnen auch auf die Straße begleitet, tritt man wieder in's offene Leben. _ (Profess or Traube.) Jneinem Feuilleton der Berliner Volkszeitung lesen wir über den berühmten Arzt: „Wie alle Männer, die den Berufspstichten ihre ganzen Kräfte weihen, gab Traube wenig auf Aeußerlichkeiten. So kam es, daß ihn im vorigen Jahre ein Verwandter auf die schlechte Verfassung seines Paletots aufmerksam machte und ihm einen Militärschneider empfahl, der, Künstler in seinem Fach, nur ausnahmsweise Kunden aus der bürgerlichen Sphäre bediente. Traube besuchte den Meister und bat ihn, ihm den alten Paletot gütigst flicken und einen neuen anmeffen zu wollen. „Auf Flickarbeiten", sagte der Schneider von der Höhe seines Sitzes herab, „lass' ich mich schon gar nicht ein, und dann", fügte er mit vornehmem Nasenrümpfen hinzu, „nehme ich nur noble Kunden an". Der Geheime Medicinalrath verließ ohne ein Wort der Erwiderung das Local, und als sein Verwandter die Geschichte erfuhr, sagte er dem hochnäsigen Schneider derb die Meinung. „Das war Traube!" rief dieser entsetzt und ließ die Scheere fallen. „O Gott, und ich Esel hielt den für einen Schnorrer. Na, das hat mir gerade gefehlt; nun wollte ich den Mann seit Wochen wegen meines Herzübels consultiren, er kommt zu mir und ich weise ihn ab. Das ist eine schöne Geschichte. Nun sitz' ich da mit dem kranken Herzen und Traube mit dem alten Paletot". Nach langem Besinnen begab sich unser Schneidermeister zu dem verschmähten Kunden und flehte ihn an, er möge ihm verzeihen und ihm gestatten, daß er Maß nehme; gleichzeitig gestand er, wo ihn der Schuh drücke. „O, lassen Sie alle Entschuldigungen", bemerkte Traube lächelnd, „Ihnen sitzt das Herz näher als mir der Paletot, und zum Glück beschäftige ich mich zeitlebens mit — Flickarbeiten". (Sine Reiter-Statue des Prinzen von Wales.) Der reiche jüdische Banquier in Bombay, Sir Albert Saffoon, hat vom Prinzen von Wales die Erlaubniß erhalten, zum Andenken an dessen besuch eine, Reiter-Statue des Prinzen in Bombay errichten zu dürfen. Die Kosten derselben sind auf 5000 Pfv. St. berechnet.

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