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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-06-06 · Heft 23 (6.6.1876) · p. Seite 373

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 23 (6.6.1876)
Date
1876-06-06
Page
Seite 373 (sequence 11)
Language
German
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373 Ieuil Nemimsceuzeu von G. Wolf. Wien, 23. April 1876. Bei Gelegenheit der fünfzigjährigen Jubelfeier des allen Gotteshauses, die jüngst hier begangen wurde, erwachten unwillkürlich mancherlei Remiviscenzen in mir, und zwar nicht aus jener Zeit, La ich noch im zarten Kindesalter war; aber aus der Zeit vor dem Jahre 1848. Die jetzt Heranwachsende Generation und noch weniger die kommenden, werden es kaum glauben, daß solche Zustande möglich waren. Ehrlich gestanden, erscheint es mir manchmal selbst unglaublich, daß die Verhältniffe und Zustande so schlecht sein konnten. Noch erinnere ich mich eines Momentes aus meiner Jugendzeit, der auf mich einen außerordentlichen Eindruck machte, welcher jedoch, wie ich glaube, am besten die damaligen Zustande charakterisirt. Mein seliger Großvater war brrpn -asn in meiner Vaterstadt Holleschau in Mahren. Freitag Abends kam bei ihm die ganze Familie zusammen, und man sprach über die verschiedensten Angelegenheiten. Eines Tages kam ein neuer Amtmann, über den er sich sehr abfällig äußerte: „Er ist ein großer rsn, denn er nimmt gar kein nnw". Ich wagte es nicht, meinem Großvater zu widersprechen; aber meine kindliche Einfalt konnte es nicht fasten, wie man jenen Mann für einen sw-, erklären kann, der sich nach dem Worte der Schrift hielt: „Bestechung sollst du nicht annehmen." Als ich heranwuchs und die elende Lage der Juden begreifen lernte, da verstand ich auch den Ausspruch meines sel. Großvaters. Die Juden konnten sich nur dann erhalten, wenn die damals bestehenden Gesetze umgangen wurden. Ein Beamter, der diese Gesetze zur Ausführung brachte, stürzte die Juden in's Verderben. Es mag bei dieser Gelegenheit eine Anekdote hier Platz finden. In einem Ort, wo Juden wohnten, kam ein neuer Amtmann: Dieser decretirte die Ausweisung derselben. Die Juden hielten nun Rath, was zu thun sei. um das angedrohte Uriheil abzuwenden, und beschlosten den Weisesten unter ihnen zu dem Amtmann zu senden, um ihn umzustimmen. Dieser that das Möglichste, und nach langem Reben, Bitten und Flehen erklärte der Amtmann, er wolle das Ausweisungsdecret zurücknehmen, jedoch unter einer Bedingung; er besitze einen Esel, falls die Juden im Stande sind diesem Thiere das Lesen beizubringen, dann können sie weiter im Orte bleiben. Der Bittsteller ging auf diese Bedingung ein; jedoch meinte er, daß dies einige Jahre dauern würde, da doch ein Mensch einige Monate brauche, bevor er lesen lernt. Freudestrahlend begab er sich hieraus zu seinen Commitenten und theilte ihnen mit: „Alles ist bewilligt." Als diese jedoch die nähere Bedingung hörten, schlugen sie die Hände über den Kopf zusammen, da sie doch unmöglich auszusühren sei. Doch der Weise der Gemeinde beruhigte sie, indem er sprach: feto«. „Wir haben einige Jahre Zeit. Bis dahin ist entweder der Esel oder der Amtmann gestorben." Doch es ist nicht meine Absicht, über die Juden in Oesterreich , sondern bloß Einiges über die Juden in Wien mitzu- Jch kam am 10. October 1839 hierher. Schon aus der Nordbahnstation Gänserndorf, eine Stunde von Wien, wurde mir meine SiMation als Jude klar gemacht. Ein Polizeimann nahm die Päste ab, und den Juden schärfte er ein, binnen 24 Stunden im „Judenamte" auf der Polizeidirection zu erscheinen. Nach mancherlei Fährlichkeiten wurde mir gestattet, studiren zu dürfen und mir die Erlaubnis ertheilt, wahrend des Schuljahres hier zu bleiben. In der betreffenden Bewilligung wurde jedoch ausdrücklich hervorgehoben, daß ich nicht handeln und schachern darf. Das Höchste, was ein Jude hier damals erlangen konnte, war, „Tolerirter" zu werden. Man fühlte nicht die Schmach, die darin lag, blos geduldet zu sein, und betrachtete dies als einen Ehrentitel. Ein Tolerirter konnte ruhig des Nachts zu Bette gehen; er hatte nicht zu fürchten, von der löblichen Polizei aus dem Schlafe geweckt und von Wien weggeschickt zu werden. Manche suchten sich auch durch alle möglichen Mittel diese kaiserliche Auszeichnung zu verschaffen; einige erwarben sich dieselbe, indem sie „Spitzel", Denuncianten, wurden. Der Besitz der „Toleranz" gewährte überdies manche materielle Vortheile. Der Tolerirte konnte nämlich andern Glaubensgenosten „Schutz" gewähren, wofür gezahlt wurde, und zwar manchmal bedeutende Summen. Da es nämlich Juden gab, welche in Wien wohnen wollten, ohne daß es ihnen möglich wurde, sich diese Erlaubniß zu verschaffen, so umgingen sie das Gesetz. Sie gaben nämlich vor, bei diesem oder jenem Tolerirten in Dienst zu stehen, als Buchhalter, Cassier :c., und gingen ihrem eigenen Berufe und Geschäfte nach. Für diese Gewährung des „Schutzes" zahlten sie dem Tolerirten, der ihnen eben darin beistand, das Gesetz zu umgehen. Selbstverständlich ahndete die Polizei derartige Dinge, wenn sie dahinter kam; aber zumeist wußte sie. was vorgeht, aber „Bestechung blendet die Scharfsichtigen" und die Beamten im „Juvenamte" wißen zumeist ihre Stellung auszubeuten und haben sich oft bewährt. Und da bin ich schon wieder bei einer Anekdote: Frau Semmler, Schwiegermutter des verstorbenen Religionslehrers Breuer, eine geistvolle Frau, war durch die Verhältniffe genöthigt, ihre Toleranz zu verwerlhen. Kurz vor dem Paffahfeste erhielt sie einmal eine Vorladung zur Polizei. Sie fürchtete, denuncirt worden zu sein, und bat einen Verwandten, der sich hatte taufen lassen, sie zu dem betreffenden Commiffär zu begleiten, und für sie nöthigenfalls das Wort zu nehmen. Am ersten Pasiahtage gingen sie hin, und zwar nicht zur Zeit der Amtsstunden, die um Uhr- Morgens beginnen, sondern schon um 8 Uhr. Der Herr Com- 23*

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