Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-05-30 · Heft 22 (30.5.1876) · p. Seite 358

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 22 (30.5.1876)
Date
1876-05-30
Page
Seite 358 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227069-3227092--34492-3304375
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

358 Jeuilleton. Die Hypothesensuchl. — Die Wilden. — Die llnsterblichkeitslehre bei den ältesten Völkern. Die Wissenschaft hat seit einem Jahrhundert unermeßliche Fortschritte gemacht. Sie hat aus allen ihren Gebieten die Fülle des Detailwisiens unendlich bereichert; nicht minder aber hat sie auch die allgemeinen Gesichtspunkte geklärt, geordnet, neu aufgestellt und so erst recht die Wissenschaft begründet. Zu diesem Zwecke hat sie sich der schärfsten Kritik bedient, und jede bloße Autorität als eine Voraussetzung zurückgewiesen. Alles dies ist bei einem neuen Geistesausschwunge selbstverständlich und der vollen Anerkennung werth. Allein es ging doch daraus ein Resultat hervor, welches den Boren der Wisienschast selbst schwankend und unsicher macht. Wer gegenwärtig seinen Blick aus die verschiedenen Gebiete der Wisienschasten wirst, schreckt zurück vor rer Verworrenheit der Ansichten, die überall in Kampfe stehenj aus welchem im Augenblicke der Ausgang nicht sichtbar ist. Die Meinungen rer früheren Zeit sind größtenteils beseitigt; aber an deren Stelle sind so verschiedenartige Anschauungen getreten, welche mit gleicher Heftigkeit bestritten und verlheidigt werden, daß man sich kaum eine Ansicht verschaffen kann, wenn man sich nicht irgend einer Seite unbedingt hingiebt. Entstanden ist dies aus einer unbegrenzten Hypolhesensucht. Sobald man eine Reihe von Beobachtungen gemacht und zusammengestellt hat, wird aus denselben ein Aufbau zusammengezimmerr, in welchem das ganze Universum untergebracht werden soll. Oft genug dienen dieselben Beobachtungen einer entgegengesetzten Hypothese zu Belegen. Aus Liese Weise hat man zugleich Gebiete, die man sorgfältig abgegrenzt und auseinanderzehalten hatte, wieder zusrmmengeworsen, wie dies namentlich den Naturwissenschaften und der Philosophie ergangen ist. Am schlimmsten ist hierbei der Laie und Dilettant daran, rem eine einseitige Ansicht als völlig begründet und unzweifelhaft ausgegeben wird, und der sich deshalb, weil er sie selbst nicht zu prüfen vermag, zu eigen macht, und oft schwach genug ist, um seine frühere Ueberzeugung, welche ihm zum festen Halt gewesen, preiszugeben. Fürchtet sich doch das Publicum vor nichts mehr, als vor dem kühn hingeworfenen „veraltet, überwundener Standpunkt" u. s. w. Wie bald aber ist dieser neue Standpunkt selbst wieder ein veralteter und überwundener! Zu dieser Betrachtung veranlaßte uns jüngst ein Aufsatz „Der Ursprung des Glaubens an das zukünftige Leben von L. Garrau" (Revue <les d«ux momles, December 1S75). Dieser Abhandlung liegt eine Reihe englischer Schriften von namhaften Autoren, besonders über den primitiven, vorhistorischen Menschen, den Ursprung der Civilisation u. dgl. zu Grunde. Bekanntlich wurden seit Plato und Descartes gewisie Ideen, namentlich das Dasein Gottes und die Unsterblichkeit der Seele in der Philosophie als „dem Menschen eingeborene Ideen" angesehen. Nicht wie sich die verschiedenen Völker und Menschen die Gottheit und das zukünftige Leben vorstellen, war hierbei entscheidend, sondern daß diese Vorstellungen sich bei allen Völkern, selbst den rohesten und wildesten fanden. Für die Kritik war es nun Bedürfniß, zu untersuchen, ob sich diese Ideen wirklich bei den sogenannten Wilden, und zwar bei allen vorfinden. Man interessirte sich deshalb lange Zeit für Alles, was die Reisenden über die uncultivirten Volksstämme berichteten, denen sie begegneten, und hieraus nun wieder eine lange Reihe von Streitschriften, was man von den Wilden wiffe, und was daraus zu folgern sei. Das Resultat ist, daß Alles darüber unsicher und verworren geworden. Man streitet hin und her über die Frage: Stellen die rohesten wilden Stämme, die Cannibalen, wirklich den ersten Zustand der Menschen dar. oder sind sie aus einer früheren Culturstufe zurückgegaugen und entartet, nachdem sie aus ihrer Heimath verdrängt oder von einem kühnen Häuptling hinweggeführt worden? Für beides werden Beweise herangebracht. Nun kommt aber ein Anderes hinzu. Ueber dieselben wilden Volksstämme liegen die widersprechendsten Berichte der Reisenden vor. Die Einen schildern sie als die niedrigsten, unterhalb jeder Entwickelung befindlichen Creaturen, während die Anderen ihnen Tugenden und Ansichten zuschreiben, welche die Erfolge der Civilisation in Schatten stellen könnten. Wer hat Recht? Hinwiederum macht man geltend, daß die Reisenden selbst ihre Beobachtungen mit Vorurtheilen, günstigen oder ungünstigen, anstellen, daß ihnen die Kenntniß der Sprache meist abgehr, daß sie endlich dem, was sie hören und sehen, ihre eigene Anschauung unterschieben, selbst ohne dies zu wollen. Während also von der einen Seite man sich aus die Zeugniffe der Reisenden stützt, verwirft man sie von der anderen, und von der dritten beruft man sich auf die einen und läßt die anderen unbeachtet. — Wie gesagt, sehr bedeutende Männer, wie Tylor, Rounceville, der Herzog von Argyll, Lubbock, Parkman u. A. behandeln gründlich diese Streitfrage. Wir gestehen offen, daß sie, soweit sie jene großen Ideen betrifft, uns völlig gleichgültig läßt. Wir haben genug daran, daß alle civilisirten und halbcivilisirten Völker aller Zeilen und ohne Zweifel selbst die wilden Stämme, die sich bereits von der untersten Stufe losgelöst haben, den thatsächlichen Beweis für das Vorhandensein der Gottheitsidee und der Unsterblich keitslehre liefern, mögen sie diese symbolisch oder bereits durch das Wort zum Ausdruck gebracht haben. Auf einige andere rohe Stämme kommt es so wenig dabei an, wie daß die Menschenkinder, wenn sie das Licht der Welt erblicken, nicht alsbald von Gott und Unsterblichkeit sprechen. Denn diese „eingeborenen" Ideen bedürfen doch jedenfalls erst einer gewissen geistigen Entfaltung, um in der Seele aus ihren Hülsen sich loszulösen. Ueberhaupt aber, nach unsrer Meinung, sind jene

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.