Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 22 (30.5.1876)
- Date
- 1876-05-30
- Page
- Seite 357 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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357 größten Theil den Grundsätzen der Bewegung von!868 gehuldigt und die freisinnige Verfaffung vou 1869 gutgeheißen, wankte auch nicht einen Augenblick, als es sich darum handelte den Weg des Fortschrittes zu verlasien. Canovas, Alonso Martine;, Silvela und M. Nieto haben zwar versichert, daß der Artikel die Unverletzbarkeit des Tempels und des Kirchhofes in sich schließe, aber der Umstand, daß sie sich hartnäckig weigerten, ihre Aussagen und Verheißungen in der Verfaffung niederzulegen, benimmt denselben allen Werth. Wohl hatte Sagasta Recht, als er am Schluffe seiner Rede sagte: „Der Artikel 11' gewährt keine religiöse Freiheit. Er enthält nur ein Zugeständniß, das wir gezwungen wären, dem jetzigen Zeitalter zu machen, selbst wenn wir die religiöse Einheit einfuhrten. Es fehlte auch noch, daß wir diejenigen, welche sich friedlich an einem geschloffenen Orte zur Andacht versammeln, in's Gefängniß werfen, oder daß man heute Leichen ausgraben könnte, um sie wie todte Hunde den Raubvögeln preiszugeben. Wenn wir derartiges verweigern wollten, dann wäre es auch nothwendig, unsere Eisenbahnen zu zerstören, unsere Häfen zu schließen, unsere Fabriken in Klöster zu verwandeln, uns mit einem Worte von der civilisirten Welt zu trennen, damit man mit Recht sagen könnte, daß Afrika diesseits der Pyrenäen anfängt. Wir können nicht erlauben, daß die religiöse Frage über unseren Häuptern schwebt und der Same der Zwietracht verborgen auf unserm Boden ausgefireut wird. In diesem Punkt ist kein Vergleich zulässig. Entweder katholische Einheit oder religiöse Freiheit. Die Duldung von der Sie reden, mußten auch die Anhänger der katholischen Einheit gewahren, denn dieselbe wird bedingt durch die Sitten und Gebräuche unserer Zeit. Der Herr Ministerpräsident, die Herren Moreno Nieto und Jimenez haben in ihren glänzenden Reden erklärt, daß sie die Religionsfreiheit wünschen. Nun wohl, warum verzeichnen sie das nicht in der Verfaffung? Aus demselben Grunde, der Sie veranlaßte, die nationale Souveranetät. die Grundzüge des Wahlrechtes, der Provinzial- und Gemeindeverwaltung, so wie die Hauptbestandtheile einer jeden Verfaffung aufzunehmen, aus Furcht, daß sich die Kammermehrheit zersetze." Leider ist es nur zu wahr, daß Canovas seine eigenen, in mancher Hinsicht freisinnigen Anschauungen dem Geiste, der in dieser „liberalconservativen Partei" herrscht, opfern muß, um die so mühsam zu Stande gebrachte Versöhnung aufrecht zu erhalten." Rußland. Aus dem Posen'schen, im Mai. «Privatmittheilung.) Man schreibt der „Posener Zeitung" unterm 10. Mai aus Warschau: „2n meinem vorletzten Schreiben hatte ich bereits die Mittheilung gemacht, daß in Wilna mehrere Personen wegen Verbreitung von revolutionären Schriften arretirt worden sind. In letzter Zeit haben jedoch die Verhaftungen eine bedeutende Ziffer erreicht, wobei zu befürchten ist, daß Dank dem bei uns üblichen Spionirsystem auch viele Unschuldige. die an der Verbreitung der socialistisch-revolutionären Propaganda keinen Antheil haben, in die „geheimen Kasematten" gebracht werden. Unerklärlich bleibt es, daß die zahlreichen Verhaftungen gerade unter der jüdischen Bevölkerung stattgesunden haben und zwar ohne Rücksicht auf Stand und Alter. In den ersten Tagen der jüd. Osterfeiertage, namentlich am 28. und 29. März (allen Styls) hat man in Wilna allein 35 Personen verhaftet. Auch in den kleinern Städten der Provinz sind Verhaftungen erfolgt und die Betreffenden nach Wilna gebracht. Ein Bekannter aus Wilna versicherte mir, daß die Zahl der Verhafteten bereits vor einigen Tagen auf 56 gestiegen sei, und daß man einen Theil derselben in Ketten geschloffen habe. Die in Wilna befindliche „Talmud Thora" eine jüd. Schule, in der gegen 60 obdachlose Kinder im Hebräischen, Russischen und später in einem Handwerk unterrichtet werden, ist geschloffen worden. Ebenso ist die bekannte, schon seit 126 Jahren bestehende jüd. Druckerei der Gebrüder Rommow geschloffen und versiegelt worden. Nach dem ersten Verhör wurden gleich 16 Gefangene in das Arsenal von Wilna abgeführt. Die meisten Arrelirungen sind auf die Denunciation eines Cigarrenarbeiters erfolgt, der sich unter die jüdische Jugend scheinbar freundschaftlich einzudrängen wußte und nun für seine Angebereien täglich 3 Rubel bezieht (?). Die Verhafteten gehören überwiegend dem ärmsten Theile der jüdischen Bevölkerung an, bei Vielen hat man verbotene Bücher und compromittirende Schriften gefunden. In der ganzen Stadt herrscht große Panik, da es dort fast keine einzige Familie giebt, der nicht ein Bekannter oder Angehöriger enrriffen wäre. Jeder sieht mit Angst der Zukunft entgegen. Bereits zweimal hat man sich mit Vorstellungen an die Polizeibehörde zu wenden gesucht." So weit der Berichterstatter der „Posener Zeitung". Was Wahres an der Geschichte ist, wird abzuwarten sein, da der Berichterstatter der Posener Zeitung sehr oft Berichte aus den judenfeindlichsten Zeitungen Rußland der Posener Zeitung liefert und letztere, ein sich liberal nennendes Blatt, ohne weiteres diese Berichte aufnimmt. So hat derselbe erst kürzlich von maffenhaflen Desertionen von Seiten der jüdischen Soldaten berichtet und angerathen, diese letzteren mehr in's Innere des Reiches zu schicken, um ihnen das desertiren zu erschweren, während im „Hamagiv" amtlich nachgewiesen wird, daß seit Einführung des neuen Rekrutirungsgesetzes in Rußland die Zahl der Deserteure jüdischer Rekruten kaum eine nennenswerthe ist. Der obige Bericht ist daher mit größter Vorsicht aufzunehmen. Samter, den 17. Mai 1876. Kremm. 22*