Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 22 (30.5.1876)
- Date
- 1876-05-30
- Page
- Seite 352 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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352 Gründen Abhülfe schaffen müssen. Es wird sich in der Folge so darstellen: in großen Städten, in denen zahlreiche Dissidenten vorhanden sind, die zu einer besonderen Gemeindebildung schreiten werden, haben diese für einen besonderen Kirchhof zu sorgen; in kleinen Städten aber, wo die Gefahr der Kirchhöfe am meisten gefürchtet wird, wird unzweifelhaft gegen den Austritt des Einzelnen die in dem Paragraphen gegebene richtige Waffe ausreichen, um nicht einen frivolen Austritt zu begünstigen. Ich kann als Zeuge, der allerdings diese Frage allein vom idealen Standpunkt aus vertritt, versichern, daß sämmtliche Mitglieder ans großen Gemeinden, die sich mündlich und schriftlich an mich gewendet haben, die Erklärung abgaben, daß dieses Gesetz mehr reinigend als auflösend wirken werde, daß sie sich aber nicht zu Fürsprechern für die kleinen jüdischen Gemeinden machend') Ich glaube, Herr v. Stzbel wird auch nicht anders berichtet sein. Auch glaube ich, daß der wesentliche Inhalt des Judenthums, der in dem Bekenntniß zu dem einigen Gott liegt, der Gemeinschaft, die zuerst mit dieser erhabenen religiösen Idee in die Weltgeschichte eingetreten ist, so lange Dauer geben wird, als überhaupt Religionsgemeinschaften existiren, welche Annahme eine vieltausendjährige Geschichte bestätigt. M. H.! Wer heißt Sie denn von dem Mißtrauen erfüllt zu sein gegen die Kraft des Judenthums, daß es aus seiner inneren Kraft bestehen werde? ,!i) Dieses Judenthum und die jüdischen Gemeinden haben sich bisher aus ihrer eigenen inneren Kraft erhalten. 1!>) In ganz Amerika existirt kein Zwang für die Bildung der jüdischen Gemeinden, und nirgends ist der feste Zusammenhalt derselben größer als in Amerika. 2", Meistens bestehen dieselben aus Eingewanderten. Es sind also nicht ein- 17) Wer waren diese Herren und wie Viele? Redact. 18) An dieser Kraft zweifeln auch die massenhaften Petenten gegen die Vorlage nicht. Aber wir wollen das Judenthum nicht blos erhalten, sondern auch daß es lebe, daß es in tausend und aber tausend Geistern seine volle religiöse und sittliche Wirkung übe! Das Judenthum hat lange Perioden gehabt, wo es bestand, aber wie bestand es? Das geistige Leben war erloschen und die Institutionen in Verfall! Wir haben auch jetzt zahlreiche Massen unsrer Glaubensgenossen, bei denen das Judenthum besteht, aber wie? Wir brauchten nicht bis nach Persien zu gehen, um Beispiele heranzubringen. Die Phrasen des Herrn Lasker bedeuten also bei näherer Prüfung noch gar nichts! Redact. 19) „Aus innerer Kraft" — weiß aber Lasker nicht, daß die jüdischen Gemeinden stets den Parochialzwang gehabt? Er kann es sich ja von seinen orthodoxen Freunden zeigen lassen, daß auch im Schulchan-Aruch den Gemeinden das Recht beigelegt wird, die Beiträge von den Mitgliedern zu erzwingen — und sie erzw rngen sie, sei eS selbst nur durch Verweigerung des Ostermehls! Lasker möge uns mit solchen hohlen Phrasen verschonen, da die Wirklickkeit ganz anders aussah. Redact. 20) Das ist gänzlich unwahr; wir können es durch viele Beispiele beweisen. Gemeinden, die dort heute Rabbiner und Cantoren anstellen, sind nach einem Jahre zusammengeschmolzen und müssen sie gehen lassen. Redact. mal andere Personen, die in Frage kommen, sondern dieselben, aus deren Stoff die hiesigen jüdischen Gemeinden gebildet werden. M. H.! Ich darf es sagen, welche Entscheidung Sie auch diesem Gesetze geben mögen, ich bin äußerst erfreut und dankbar für die Sympathieen, in denen Unterstützer und Gegner des Gesetzes für die Interessen des Judenthums sich vereinigen. Es ist dies besonders erfreulich in der heutigen Zeit, in der die ungereimtesten Angriffe gegen die Juden als solche von allen Seiten geschleudert werden. Diesen gegenüber sehe ich in der lebendigen Theilnahme dieses Hauses, welchen Ausdruck auch Liese Theilnahme für diesen speciellen Fall findet, ein Zeugniß, welches die Juden gewiß mit Dankbarkeit annehmen werden, und das sie unzweifelhaft ermuntern wird; aber ich bitte Sie doch, daß Sie die Reihenfolge nicht umkehren: bei den Katholiken gestatten Sie, daß ein Theil aus Gewissensbedenken sich absondere und einen Theil des Vermögens an sich nehme; bei den Protestanten gestatten Sie, daß ein Theil sich absondere, aber nicht das Vermögen an sich nehme (hört, hört!), und nun steigern Sie bei den Juden, daß sie sich auch nicht absondern dürfen. «Heiterkeit.) Bis zu den Protestanten hätte ich meinen mögen, daß die größere Liebe rer einzelnen Mitglieder für die eine oder die andere Confession unwillkürlich sich mit in die Entscheidung eingemischt hat; bei den Juden ist diese Annahme ausgeschlossen. Ich kann von der Mehrheit des Hauses nicht annehmen, daß sie aus großer Liebe zum Judenthum hier Privilegien einführen will, die für ihr eigenes Bekenntniß versagt sind. Es bleibt nur noch das einzige Moment der Gefahr übrig, ein sehr wichtiges Moment, daß Sie glauben möchten, bei dem Judenthum würde durch gleiches Recht eine größere Gefahr für den Bestand herbeigeführt sein, als bei dem christlichen Bekenntniß. Nun bekenne ich das in Wahrheit, das Judenthum verdient gegen äußere Gefahr beschützt zu werden. Es bildet im gleichen Maße wie die übrigen Religionsbekenntnisse gute Staatsbürger heran und es ist in seinen moralischen Lehren in Wahrheit frei von jenen Curiositäten, welche Judenfeinde aus cafuistischen Schriften sammeln, um zu zeigen, daß hier die moralische Lehre geringer wäre als in irgend einer andern Religionsgemeinschaft. Wer sich die Mühe nehmen wollte, gleiche Sammlungen aus den cafuistischen Lehren anderer Confessionen, wie z. B. aus den praktischen Geschäftsbehandlungen der Jesuiten und auch, wie ich nicht zweifle, aus gleichartigen Abhandlungen in jeder Religionszesellschast zusammenzustellen, könnte leicht Nachweisen, wie tief die Moral der einen oder andern Religion steht, wenn man solchen Anweisungen folgt. Aber, m. H., die Verständigen wissen, daß nur Haß und Feindschaft solche Sammlungen machen kann, während in Wahrheit jedes Religionsbekenntniß sich durchdringt nicht von den Moralvorschriften, welche einzelne Casuisten ihnen geben, sondern von dem innersten und wahrhaften Kern des Glaubens.-') Deswegen bin ich der Meinung, daß allerdings 21) Lasker übersieht hierbei die Fälschungen und Verdrehungen, welche sich die Sammler solcher Sentenzen zu Schulden