Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 21 (23.5.1876)
- Date
- 1876-05-23
- Page
- Seite 337 (sequence 9)
- Language
- German
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337 Zu diesem Behufe sollen in den Gemeinden Cataster errichtet, das Vermögen der Genossen entweder durch schriftliche Fassion oder Einschätzung unter Androhung des Handgelübdes im Zweifelsfall erhoben und die Cataster zürn Zweck der Landesumlage durch Vermittlung der K. Oberämter und unter deren Controle in Stuttgart zusammengestellt werden. Unter den Israeliten in Ulm erregte dieser Erlaß einmüthigen Widerspruch, da dieselben nicht einzusehen vermochten, warum gerade nur für die Juden behufs einer Cultusbesteuerung neben der Staatssteuerbehörde noch eine zweite Einschätzungscommission mit weitgehenden drakonischen Befugnissen bestehen soll, abgesehen von der großen, den Kirchenvorsteherämtern hierdurch erwachsenen Arbeitslast. Außerdem wurden die Gemüther hier und auf dem Lande dadurch erregt, daß man eine so eingehende Prüfung und Einschreibung des Vermögens jedes einzelnen Juden perhorrescirle. Durch eine Versammlung wurde an die israelitische Oberkirchenbehörde die Bitte gerichtet, die Ausführung dieses Erlaßes zu sistiren, und da diese bis jetzt nur durch Strafandrohungen geantwortet, hat man sich deshalb an das Ministerium gewandt, hoffend, daß dies der gerechten Beschwerde Abhülfe schaffen werde. Oesterreich-Ungarn. Wien, im Mai. (Privatmilth.t Aus dem, an anderer Stelle dieses Blattes besprochenen Werke des Dr. G. Wolf „Geschichte der Juden in Wien" entnehmen wir folgende intereffante Notizen. Seitdem durch die interconfessionellen Gesetze vom 25. Mai 1868 der Ueber- resp. Rücktritt zum Judenthume gestattet wurde, sind bis zum Schluffe des Jahres 1875, also in noch nicht 8 Jahren in Wien allein, bei dem Rabbiner 0r. Güdemann 267 Personen (103 Männer und 104 Frauen) und bei dem Prediger 0r. Jellinek 561 Personen <231 Männer und 330 Frauen», zusammen 767 Personen, also jährlich durchschnittlich 100 Personen zum Judenthume übergetreten. Der Vers, bemerkt hierzu mit Recht: „daß keine Art von Proselytenmacherei bei diesen Uebertritten geübt wird, braucht für alle Jene, die das jüdische Gesetz kennen (vgl. Tractat Jebamoth 47, 1.). nicht besonders hervorgehoben zu werden." — Daßunter den Juden Wiens und Oesterreichs überhaupt das Handwerk immer mehr Boden gewinnt, und zwar auch die schwererern Arten desselben, erweist sich dadurch, daß unter den 258 Zöglingen, die der jüdische Handwerkerverein in Wien im Jahre 1875 unterstützte, 41 Schlaffer, 6 Maschinenschlosser, 37 Spängler, 23 Tischler, 21 Drechsler u. s. w. waren. — Wie bedeutend in der jüdischen Gemeinde zu Wien das Element der Fremden über die Eingeborenen ist, beweist der Vorstand der Gemeinde selbst, der aus 20 Personen besteht, unter welchen nur 5 aus Wien, 5 aus Böhmen, 4 aus Mähren, 3 aus Deutschland, je einer aus Ungarn und aus Rußland sind. — Der Tempel in der Stadt faßt 1500, der in der Leopoldstadt 4000 Personen, also zusammen nur 5500. Es entstanden daher im Laufe der letzten Zeit noch 2 Synagogen in der Stadt mit 400 Sitzen und 6 in der Leopoldstadt mit 1440 Sitzen, ferner ein Bethaus der Chassidim und „das polnische Beihaus", sowie langst eine Synagoge für die „türkische Gemeinde" besieht. Da die Gemeinde jetzt über 40,000 Seelen zählt, so genügen alle diese Synagogen zu den Herbstfeierlagen nicht, und es entsteht daraus jene Unsitte, für diese Festtage ^öffentliche Localitäten zu miethen und daraus eine Privatindustrie zu machen, die um so verwerflicher, als sie in der Wahl der Localitäten zu den, das religiöse Gefühl verletzendsten greift. Es kann dem nicht abgeholfen werden, wenn der Vorstand nicht diese Angelegenheit zu der seinigen macht und rechtzeitig für das ganze Bedürfnis sorgt. Wien, im Mai. (Privatmitth.) Am 7. Mai fand die dritte ordentliche General-Versammlung der „israelitischen Allianz zu Wien" statt, und der in derselben erstattete Jahresbericht über die Wirksamkeit des Vereines und die Caffagebahrung im Jahre 1875 liegt gedruckt vor. Die Zahl der Mitglieder ist gegen 1874 um 10 geringer geworden, dagegen die Zinseneinnahme aus Werthpapieren von 377 fl. auf 3790 fl. gestiegen. Der Verein hat einen dreifachen Zweck, zuerst, den Religions- und Bclksschulunterricht zu fördern, und wurden 1875 8 Gemeinden für ihre Schulen Unterstützungen gewährt. Der zweite, die bürgerliche Gleichstellung da zu erreichen, wo sie noch fehlt, forderte den Verein auf, gegen die berüchtigten Klauseln im rumänischen Handelsvertrag die möglichsten Anstrengungen zu machen, was auch, jedoch ohne Erfolg geschah. Der dritte Punkt der Vereinswirksamkeit betrifft die Förderung jüdisch-geschichtlicher Arbeiten. Im verflossenen Jahre wurden zur Herausgabe der „Geschichte der Juden in Wien von G. Wolf" 300 fl. und für die Fortsetzung rer „Real-Encyklopädie für Bibel und Talmud von vr. Hamburger" 255 fl. bewilligt. Der Jahresbericht enthält noch einen Abdruck der Petition an den Reichsrath, den rumänischen Handelsvertrag betreffend. Erfreulich ist die Wahrnehmung aus dem Verzeichniß der Mitglieder, daß bei diesem Vereine die Theilnahme sich nicht bloß auf Wien beschränkt, sondern eine nicht unbeträchtliche Zahl Mitglieder aus den Kronlänrern sich eingefunden hat. Wir legen hierauf Gewicht als auf ein Zeugniß, daß der Gemeinsinn und das jüdische Bewußtsein auch in diesen Ländern im Wachsen ist. Die ausscheidenten Mitglieder des Vorstandes wurden sämmtlich wiedergewählt. Prag, im Mai. (Privatmittheil.) Der hiesige „Privat- Frauen-Verein zur Erziehung armer israelit. Waisenmädchen" hat seinen Bericht für die Jahre 1874 u. 187 5 herausgegeben. Der Verein besteht jetzt 20 Jahre und begann mit 4 Zöglingen, während er jetzt 14 zählt. Seine Erfolge sind sehr anerkennenswerth, denn viele seiner Zöglinge haben bereits die besten Erfolge im bürgerlichen Leben auszuweisen. Die Waisenmädchen erhalten ihren Unterricht in den besten Lehranstalten der Stadt, je nach 21