Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 21 (23.5.1876)
- Date
- 1876-05-23
- Page
- Seite 332 (sequence 4)
- Language
- German
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332 dessen Persönlichkeit er mit Wärme schildert. Er bespricht den hohen aber schwierigen Beruf des Philosophen, der „die Last der Probleme" in sich tragt, und entwirft in kurzen aber treffenden Zügen den wesentlichen Inhalt der Philosophie des Gefeierten, seine Leistungen, feine Verdienste. Wir heben nur folgende Stelle hervor: „Die Wahrheit ist einfach, lautet ein alter Spruch; ja die Wahrheit ist einfach, wenn sie gefunden ist; aber die Wege der Forschung sind vielfach und verschlungen. Diese Wege sicher zu zeigen, sucht Herbart vor Allem klare und feste Methoden. Durch reinliche, vielleicht allzustrenge Sonderung der Forschungsgebiete, durch scharf gestellte Fragen sucht er zu Antworten zu gelangen, welche den strengen Forderungen unerbitterlicher Logik und den Thatsachen der Erfahrung gleich sehr genügen. „Die Welt ist voller Wandel und Bewegung; aber die Wahrheit ist ewig, und ewig das reine wandellos Seiende; von allem Schein und dem Wechsel, von der Verneinung und der Vernichtung erlöst, beharrt das ewige Sein. Des Seienden ist Vieles; aber das Biele ist nicht getrennt und vereinzelt, es lebt und regt sich in wechselnden Verbindungen; die Art wie es sich verbindet und trennt, wie es sich flieht und sich sucht, bestimmt das Bild der Welt; aus den „Beziehungen" der wirklichen Wesen zu einander und für unser Denken gewinnen wir die Erscheinung ihrer Wirklichkeit. „Als eine schöpferische Kraft erscheint der Geist sich selbst mitten in den Erscheinungen der Natur. Daß er kein bloßer Widerschein der Materie, aber auch nicht der Schöpfer ihrer Bestimmungen, daß er ein selbstständiges Sein, aber Schranken in seiner Freiheit hat, bringt Herbart zur Erkenntniß, indem er das wahre von dem scheinbaren Geschehen, im Geiste wie in der Natur, unterscheidet. „Mannigfaltig sind die Bestrebungen der Menschen, vielgestaltig die Wünsche, die sie hegen, die Befriedigung, welche sie suchen; aber völlig unserer Neigung, unserem Willen, der erfinderischen und zwecksetzenden Phantasie entzogen und berufen, sie alle in den Dienst zu nehmen, stehen dem Menschen die ewigen Ideen als unentrinnbare Forderung gegenüber; in ihnen ist das ursprüngliche, unwillkürliche und ewig gültige llrtheil über jedes Willensverhältniß enthalten. Die Gestaltung und Erkenntniß der Ideen ist in den Zeiten und Menschen verschieden; in der Geschichte wechselnd und fortschreitend; aber an sich sind sie ewig, die treibende Kraft aller Erkenntniß. Grund und Ziel alles Fortschritts. Denn „das ewig Schöne, das ewig Gefallende und Genügende sucht der Blick des Edlen." An die Stelle des Unvollkommenen soll das Vollkommene treten; der Zug und Druck des begehrlichen, abspringenden, widerstreitenden Wollens soll der inneren Freiheit res Gemürhes weichen; Streit und Hader soll die Gerechtigkeit schlichten und gedeihliche Ordnung stiften; jede menschliche Handlung soll nicht blos als Wirkung der Ursache, sondern ihr wiederum soll lohnende und strafende Vergeltung folgen nach dem Gesetz der Billigkeit; Wohlwollen soll den Eigenwillen überwinden, Güte und Liebe soll Eigennutz und Eigensucht besiegen. Diese Lehren hat Herbart in einer wahrhaft classischeu, der hohen Würde des Gegenstandes entsprechenden Form verkündet. Der Mensch aber ist nicht blos ein beseeltes Individuum, er ist dies zugleich als Glied der beseelten Gesellschaft. In dem Aufbau, in der Ordnung und Bewegung, und im geschichtlichen Lauf derselben soll die Macht der Ideen, ihre schaffende und gestaltende Kraft sich bewähren. „Das Heil ist bei denen allein, welche der sanften Führung der Ideen folgen; der Gesetzmäßigkeit aber sind alle Geister unterworfen. „Diese naturuothwendige Gesetzmäßigkeit alles inneren Lebens zu behaupten, sie im Großen wie im Kleinen, im Ganzen wie im Einzelnen, sie in ihrem Ursprung, in ihrem Fortgang und in ihren Folgen zu erforschen, die Psychologie zu einer strengen Wissenschaft zu erheben, das war das wichtigste Anliegen, die größte That, die segensreichste Frucht im Leben Herbarls." — Wir müssen hier abbrechen, denn die weitere Schilderung dessen, was Herbart für die Psychologie grundlegend geleistet, und wie er besonders für die Pädagogik gewirkt hat, könnte nur mit ven gesammten Worten des Redners wiedergegeben werden, und reicht über dasjenige hinaus, was zum eigentlichen Zwecke dieses Blattes gehört. Mit einer glänzenden Beredsamkeit wendet sich Lazarus zum Schluffe an die Bewohner Oldenburgs und an das aufwachsende Geschlecht, um ihnen zu sagen, was sie aus diesem Denkmal zu lernen haben. Wir würden uns fteuen, wenn diese Rede auch noch weiteren Kreisen zugänglich gemacht würde. *) Pest, 5. Mai 1876. Ist Schächten Thierquälerei? Der Streit über das rituale Schachten ist neuerdings in verschiedenen Gegenden Süddeutschlands und ganz besonders in der Schweiz wieder neu ausgenommen und man recurrirt wieder an die Wissenschaft. Wir können es Herrn Landammann Keller in Aarau nur Dank wissen, daß er von denjenigen Autoritäten der Veterinärheilkunde, welcher sich bis anhin über die rituale Schlachtftage nicht gutachtlich geäußert haben, Gutachten einholen will, erwarten aber dann von der Humanität der Thierschutzvereine, daß sie den nutzlosen Kampf einstellen und aufhören, den Bekennern des Judenthums in ihrer religiösen Ueberzeugung länger entgegenzutreten. l) Wie wir vernehmen, wird die Rede auch in einem besonderen Abdruck erscheinen. Daß unser Urtheil über sie ein objektives ist, ersieht man aus einem Berichte der Köln. Ztg. vom 16. d., worin eS heißt: „Hierauf betrat Professor Lazarus ans Berlin die Rednerbühne und legte in begeisterter und begeisternder Rede die Bedeutung Herbarl'S und dieser Feier dar. Obgleich er fast eine Ltunde die Aufmerksamkeit der Znhörcr in Anspruch nahm, so wußte er dieselbe doch in einem solchen Maße zu fesseln und zu steigern, wie wir es nie sonst erlebt haben."