Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 21 (23.5.1876)
- Date
- 1876-05-23
- Page
- Seite 331 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227069-3227091--34464-3304340- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
331 Wahrheit und Heilsordnung" erklärt, verkündet werden konnte und durch eine zahlreiche, alle möglichen Wühlereien unternehmende Partei anerkannt und gestützt wird — der muß die Jubelfeier jenes großartigen Ereignisses, welches nicht blos die Vernunft und die Sittlichkeit und die Verkündigung des Mosaismus als der Grund legenden positiven Religion für sich hat, sondern auch durch das verflossene Jahrhundert bereits die Wucht des historischen Rechts besitzt, auf welchem sich die Existenz der neueren Staaten aufbaut, und das zum Herzschlage der civilisirten Völker geworden, mit ganzem Herzen begrüßen. Und deshalb wollten wir unsere Leser schon heute auf die Annäherung dieses merkwürdigen Festes aufmerksam machen. Es geschieht dies nicht, um sie zu irgend einer thalsächlichen Kundgebung oder auffälligen Aeußerung der Theilnahme aufzufordern — einer solchen bedarf die große nordamerikanische Nation nicht — wohl aber um sie auf den hohen Werth und die schwerwiegende Bedeutung dieses Ereigniffes hinzulenken, und dadurch schon ihre Herzen dafür zu erwerben. Gott hat diese Nation sichtlich gesegnet, und sein Segen wird ihr verbleiben, so lange sie die ihr entgegenstehenden Schwierigkeiten mit -sittlichem Ernst und der durch das Rechtsbewußtsein gestählten Thatkraft zu überwinden strebt. Auf Erden kein Licht ohne Schatten; auch die Freiheit, wie sie Amerika verstanden und durchgeführt wird, ist nicht ohne sittliche und sociale Gefahren, welche zu ihrer glücklichen Besiegung schwere Kämpfe erfordern. Die Dunkelmänner jeder Art benutzen diese Nachtheile, um jene Freiheit zu verdächtigen. Lasten wir uns nicht irre führen. Die Ausschreitungen werden beseitigt und die Segnungen verbleiben; die Schäden werden geheilt durch die gesunden Kräfte, denen ein freier Spielraum gegönnt ist. Gott ist allein mit dem unverfälschten Rechte! Herbarl und Lazarus Am 4. Mai wurde in Oldenburg, als am hundertjah rigen Geburtstage des daselbst geborenen Philosophen Herbart diesem ein Denkmal enthüllt. Die Festrede war dem Prof. I)r. M. Lazarus zu Berlin übertragen. Durch freundliche Zufen düng, für die wir dem Anonymus herzlich danken, liegt uns jetzt diese Rede in der „Beilage zu Nr. 105 der Oldenburger Zeitung vom 6. Mai" gedruckt vor. Doch weder die seltene Trefflichkeit der Rede, die ebenso durch ihren klassischen Styl, ihre Kunstform, wie durch die Fülle der Gedanken und die Tiefe der Empfindungen sich auszeichnet, noch daß der Redner jüdischer Religion ist, bewegt uns, in dieselbe hier näher einzugehen. Vielmehr finden wir die Beranlaffung darin, daß die Anschauungen Herbarr's mit denen ves Judenthums von Gott und Menschengeist, vom Ewigen 'und Zeitlichen in den Gründzügen sich in Uebereinstimmung befinden, und weil Lazarus, der sich als Jünger Herbarr's erklärt und für die weitere Entwickelung der Herbart'schen Philosophie, an sein „Leben der Seele" und seine „Völkerpsychologischen" Arbeiten — so Bedeutendes geleistet, sich in seiner religiös sittlichen Ueberzeugung stets als fest auf dem Boden des Judenthums stehend, beihätigt hat. Ja, wie in einer nebelverhüllten Landschaft der lichte Sonnenstrahl, der durch das Gewölk und die Dünste bricht, und die düstere Decke zertheilt, wirkt auf uns die Erinnerung an Herbarl mitten in den Wahngebilden, welche der Pessimismus Schopenhauers und Hartmanns über das gegenwärtige Geschlecht gebreitet hat, und der eben als Slimmunzsphilosophie und Mode seinen Cours vollendet. To giebt das in Oldenburg errichtete Denkmal, und die Rede, die Lazarus in Gegenwart des Großherzogs, der höchsten Behörden des Landes und eines großen Theils der Bevölkerung im Namen und Aufträge des Comitos, welches die Errichtung des Denkmals bewirkte, gehalten hat, ein laut redendes Zeugniß, daß inmitten der deutschen Wissenschaft und des deutschen Lebens der Widerspruch gegen jene widerwärtigen und den Geist verdunkelnden pessimistischen Philosopheme nicht schweigt, sondern ihren Gegensatz als ein wahres Eigenthum und Heiligthum der Nation, ja der ganzen Menschheit hochhält und eifrig pflegt. Die Rede beginnt mit der Betrachtung, wie unter den vorüberfluthenden Geschlechtern nur immer Wenige hervorragen, die eines bleibenden Andenkens sich zu erfreuen haben. Nachdem der Redner diese klassificirt hat, sagt er: „Die tiefste Wurzel und die edelste Frucht alles menschlichen Strebens aber ist das Wissen. Berständniß dessen, was da ist; Erkenntniß dessen, was da sein soll; Alles Geschaffenen Kraft und Maß und Wirkungsart zu erforschen, der eigenen, menschlichen Geistesthätigkeit Gesetz und Regel zu ergründen und von Allem Endlichen zum Unendlichen den Weg zu suchen; das ist Weisheit, das ist die unmittelbarste, aber auch die nothwendigste Form des geistigen Lebens, ist der Geist selbst und die Keimkraft für jede andere Tchopfungsthat des Menschen. Der Weisheit Einfluß ist der weiteste, ihre Wirkung ist die dauerndste; denn durch die naturgesetzliche Continuitat des Geistes wirkt sie von Generation zu Generation in den Geistern fort; aber auch ihre bleibenden Erzeugnisse selbst werden immer wieder von Neuem ansetzen als bildende Kräfte. Nicht blos Werke sind es, die sie hervorbringt, sondern Werkzeuge." — Der Redner sieht nun das verflossene Jahrhundert als die glänzendste Periode für den deutschen Geist an und bemerkt: ,,Als beglückte Enkel sehen wir Deutschen der Gegenwart auch das politische Reich machtvoll gegründet und rechtlich geeinigt, nachdem, und ganz gewiß auch weil unsere Väter vorher das Reich, das nicht nur von dieser Welt ist, erstrebt, weil sie für die flüchtige Erscheinung das bleibende Gesetz, neben dem Zeitlichen das Ewige, und vor dem Wirken ras Wissen zu erringen sich bemüht; dem Geiste der Realität ist die Realität des Geistes vorangegangen, für welche die Ahnen gelebt, gearbeitet, gerungen, gekämpft und Unsterbliches geschaffen haben." — Zu den leuchnamentlich auf dem Gebiete der Psychologie— wir erinnern nur j Lenden Genien dieses Jahrhunderts zählt nun der Redner Herbart, 21 *