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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-05-16 · Heft 20 (16.5.1876) · p. Seite 324

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 20 (16.5.1876)
Date
1876-05-16
Page
Seite 324 (sequence 12)
Language
German
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324 antwortete: „Ach mein Herr, warte noch ein wenig, lege nicht deine Hand an den Knaben! ich habe ihn in meinem vorgerückten Alter geboren und ihn großgezogen (mit einer Liebe) wie der Adler seine Jungen hegt und pflegt." Er aber sprach: „Ich zögere keinen Augenblick. Der ihn mir gegeben, nehme ihn als sein Theil zurück und bringe ihn in den Schooß unsres Vaters Abraham." — Und er nahm das Schlachtmesser und sprach die Benediction"» des Schächters aus, worauf der Knabe laut sprach: Amen! und schachtete seinen Sohn. Hierauf ergriff er seine laut aufschreiende Frau, nnd sie gingen vereint aus dem Zimmer, und die Herumirrenden tödleten sie. — Und es befand sich daselbst (Worms) ein junger Mann, Isaak b. Daniel. Diesen fragten sie (die Kreuzfahrer»: „Willst du deinen Gott vertauschen?" Er antwortete: „Fern sei es von mir, ihn zu verleugnen. Im Vertrauen auf ihn will ich mich starken und dann ihm meine Seele übergeben." Und sie banden um seinen Hals einen Strick, schleiften ihn damit im Gaffenkoth bis zur Kirche, und da seine Seele noch in seiner Höhlung') (Innere) war, sprachen sie zu ihm: „Noch kannst du dich retten. Willst du deinen Gott vertauschen?" Er aber, der nicht mehr sprechen konnte, gab ein Zeichen mir seinem Finger, andeutend: schneidet mir den Kopf ab! Und sie thaten es. — Und die Uebrigen, nachdem sie täglich gefastet und schwach geworden, daß sie sich nicht zur Wehre setzen konnten, und nachdem sie ihre getödteten Hausgenoffeu und Freunde beweint hatten, übergaben sie ihr Leben, sprechend: „Laßt uns fallen in die Hand Gottes und das große Licht im Jenseits schauen." — Noch ein junger Mann war daselbst, Rabbi Simcha Hakohen, Sohn unsres Meisters und Lehrers Isaak Hakvhen. Dieser gab ihnen zur Antwort: „Ich will euer Verlangen thun, führt mich aber vorher zum Bischof." Und sie thaten es. Als sie nun in der Wohnung des Bischofs ihn zu laufen begannen, zog er ein verborgen gehaltenes Mesier hervor, erstach den Neffen des Bischofs, der unter ihnen thätig war, und noch zwei Andere. Hierauf wurde er getödter. — Auch eine vornehme Frau befand sich daselbst, Minna. Sie hielt sich verborgen in einem Hause außerhalb der Stadt unter dem Erdboden. Da versammelten sich um sie herum alle Stadtleute und sprachen zu ihr: „Siehe, du bist ein biederes Weib. Erkenne doch, daß Gott euch nicht retten will, euere Leute liegen todt auf der Straße, und Niemand begräbt sie. Taufe dich!" — Sie fürchteten Hand an sie zu legen, weil die Fürsten des Landes und die Vornehmen der Stadt bei ihr einzukehren pflegten. — Sie aber antwortete: „Fern sei es von mir, meinen Gott zu verleugnen. Auf ihn und seine heilige Thora sollt ihr mich tödten, zögert nicht!" Und auch diese berühmte Frau wurde getödtel. — Alle wurden daselbst getödtet, sie haben sich auch selbst einander geschlachtet zur Heiligung des göttlichen Namens. Anmerkungen des Einsenders. 1) Manchmal bemerkt man im Manuscript offenbare Schreibfehler. Nach Rectificirung lautet diese Stelle also: am« -non 57 bt* b7 bnpn rrpsn 02173« b« was ich dahin deute: viele Gemeindeglieder haben ihr Geld den Städtern, ihren Versprechungen vertrauend, zur Aufbewahrung übergeben, um es gegen das Raubgesindel zu sichern; aber bei der schlechten Gesinnung der Städter diente dieser Umstand gerade dazu, daß sie dieselben desto eher den Kreuzfahrern zur Niedermetzelung überlieferten, weil sie dadurch enthoben waren, das Gels wieder herauszugeben. — Höchst wahrscheinlich ist's, daß nicht alle Städter solche schlechte Gesinnung theilten, und wenn der Verfasser unter denselben keinen Unterschied setzt, so mag dies ebensowohl an der Ungenauigkeit der mündlichen Ueberlieferung liegen, die ihm geworden, wie der schriftlichen Aufzeichnung, die er uns mittheilt. Die hebräische Sprache hat auch Mangel an partitiven Fürwörtern, wie: einige, etliche, manche rc.; darum bedient er sich kurzweg des persönlichen Fürwortes in der dritten Person „sie", ohne daß er gerade Alle darunter verstanden wissen wollte. Die Solidarität in Beurtheilung der Nichtisraeliten ist ohnehin dem Judenthume fremd, wie im Talmud Beispiele zeigen. Andrerseits steht die Relation dieses Manuscripts in Widerspruch mit der Behauptung des Herrn Dr. Grätz (Gesch. d. I. B. VJ, S. 427): „Endlich waren die Bürger und der Rath ganz unschuldig an dem Gemetzel der Wormser Gemeinde beim ersten Kreuzzug. Ihre Henker waren lediglich die Kreuzzügler und der Bischof". — 2) Die Tagesdaten stimmen mit R. Elieser b. Nathan nicht überein. 3) Bekanntlich eine Vorstellung der jüdischen Mystik, Kabbalah. Neben dieser finden wir in dem Berichte dieses Marlyriums Züge einer jüdischen Askese: Tag und Nacht fasten, sich kasteien, beten :c.; die übrigens in den Büchern d. h. Schrift ihr Vorbild findet, und in Zeiten der Gefahr und des Schreckens so natürlich ist, vgl. Joel 1, l4. 2, 15. 17. Jona 3, 5. 7. 8. Esther 4, 3. 16 u. v. a. St. 4» csirsc Zur Taufe Gezwungenen. Spater, als sich der kreuzzüglerische 'Schwarm verzogen hatte, beanstandeten fromme Israeliten, die als ihre Brüder anzusehen, welche sich aus Todesfurcht hatten taufen lassen, obgleich sie sofort wieder zum Judenthume zurückgekehrt waren. Als dies Raschi zu Ohren kam, sprach er sich entschieden dagegen aus: „Ferne sei es von uns, uns von den Zurückgekehrten abzusondern. Nur aus Furcht vor gewissem Tode haben sie es gethan (sich getauft), sind aber sofort wieder zu uns zurückgekehrt". Nicht lange nachher starb Raschi. 13. Juli 1105. — Um zu zeigen, warum die Israeliten ein unbezwingliches Entsetzen vor dem damaligen Christenthum und der Taufe empfunden haben, verweisen wir auf Grätz »Gesch. d. I., B. VI., S. 103). 5) ivioi-ri rn«b? Wörtlich: und der Gebieterin (Herrin) Zipporäh, seiner Schwester. Also bezeichnet R. Meschullam seine Frau, die er sogleich nachher -iitbsc nennt. Bekanntlich wird in jüdischen Schriften seit uralter Zeit der Frau das Epitheton «rfi» ,rn73 (chald.) Herrin. Gebieterin beigelezt, ein Beweis, in welcher hohen Achtung die Frauen im Judenthume standen. Hier wird dieselbe aber auch noch als Ausdruck inniger Zärtlichkeit (chald.) Zwillingsschwester, Schwester genannt.

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