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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-05-16 · Heft 20 (16.5.1876) · p. Seite 322

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 20 (16.5.1876)
Date
1876-05-16
Page
Seite 322 (sequence 10)
Language
German
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322 Ich gehöre hier nämlich zur Retour-Brief- OeffnungScommijften, der es ausgegeben, unbestellbare Briefe an ihre Absender zu remittiren, welches sich indeß mit den aus Rußland gekommenen, jüdisch geschriebenen Briefen nur in den seltensten Fallen ausführen laßt, da sich in ihnen alles Erdenkliche, nur kein Hinweis von wem, oder woher sie gekommen, vorfindet. Ellenlange Begrüßungen und Glückwünsche, die sich bis in's dritte und vierte Geschlecht erstrecken, alles dies ist da anzutreffen, nur keine Ortsangabe, und eine Unterschrift — die wohl an künstlichen Verschlingungen nichts zu wünschen übrig läßt, dafür aber eine Undeutlichkeit an sich trägt, zu deren Entzifferung sicher mehr als gewöhnliche Hieroglyphen kenntmß erforderlich ist. Die guten Leute denken gewiß: wenn sie nur wiffen wer sie sind, und wo sie wohnen, die übrige Welt es selbstverständlich auch wiffen müßte. Was Wunder, daß unter diesen Umstanden der größte Theil solcher Retourbriefe den Absendern nicht mehr zu Gesichte kommt, sondern daß während des Jahres Hunderte derselben als „anonym" der Vernichtung übergeben werden müffen. Wie viele Eltern mögen ihre Kinder für schlecht und leichtsinnung halten, wie viele Frauen ihre Männer der Pflichtvergeffenheit zeihen, wie viele Bräute ihre Verlobten der Treulosigkeit beschuldigen, und alles dies darum, weil sie nicht wiffen, daß ihre Briese gar nicht an ihre Bestimmung gelangt, um eine etwaige Erwiederung zu veranlassen, sondern daß sie im hiesigen Postarchiv ihre verlorene Heimath betrauern. Nicht selten findet man auch Päckchen Zizith in solchen Retourbriefen eingeschloffen, auch Sendungen Mesusos finden sich daselbst vor. Diese betrachtet dann der Postbeamte mit naivem Erstaunen, und wenn der Absender sich nicht hcrausfinden läßt, so haben sie ebenfalls den Weg alles „Anonymen" zu wandeln. Gewiß ein unerquicklicher Gedanke für jeden noch halblich religiösen Juden, dergleichen durch ihre Bedeutung geheiligten Gegenstände in dieser Weise behandelt zu wiffen. Andere Eventualitäten treten indeß noch zu Tage, wenn in den Briefen Geld, oder Werthpapiere und Pässe sich vorfinden, und man nicht weiß von woher sie gekommen. Der Peststempel kann hier keinen Anhalt gewähren, weil dieser nur den Namen der Grenzstation trägt, von welcher die Briefe der umliegenden russischen Städte ohne besondern Vermerk ausgenommen werden. Dann ersucht mich gewöhnlich der Postbeamte, mir doch Mühe zu geben, aus dem Inhalt des Brieses den Absender desselben zu ermitteln. Allein es kann dies nur in sehr seltenen Fällen und in sehr unbestimmter Weise geschehen, da es factisch unmöglich, eine Ortsangabe hineinzulesen, wo solche gar nicht vorhanden, oder von einer Unterschrift einen Namen anzugeben, wo ebensogut hundert andere herausgedeutet werden könnten. Daran denken unsere lieben Polen dort drüben nicht. Wenn sie der deutschen Adresse das jüdisch Geschriebene: bitte abzugeben an :c." — beigesügt, sc glauben sie genug gerhan zu haben, um ein glückliches Eintreffen ihres Briefes bei dem Adressaten mit allem Rechte annehmen zu können. Allein, wie bekannt, läßt sich keine Postanstalt des In- und Auslandes auf irgend ein besonderes Gefälligkeitsverfahren ein, sondern sie sendet den Brief, dessen Adresse zur Bestellung nicht ausreicht, trotz des 'n*b, zurück; und fehlt darin der nöthige Hinweis auf den Absender, so wird in obenbezeichneter Weise mit ihm verfahren. Moritz Scherbel. Amerika. New-Aork, Ende März. lPrivatmitth.) In Baltimore und von da weiter verlautbart sich noch immer der Streit um die Person des Jacob Mayer, der früher Missionär, jetzt Prediger der Har-Sinai-Gemeinve ist. In der That haben alle Manöver des Mayer nicht dahin geführt, zu beweisen, daß er mit dem gedachten Missionär nicht identisch sei. Und weil er nun behauptet hat, es beweisen zu können, und ihm dies nicht gelungen, vielmehr die-von ihm eingeschlagenen Wege sich als trügerisch gezeigt haben: so lauten selbstverständlich die Folgerungen zu Gunsten seiner Gegner. Dies hält jedoch die gedachte Gemeinde nicht ab, ihn als Prediger zu behalten. Man wird sich kaum darüber wundern, wenn man sich der Ansichten erinnert, welche dieser Mayer auf einem sogenannten Rabbiner- Congreß in Clevelanv ausgesprochen, und die so ziemlich aus der Linie des Atheismus standen. Eine Gemeinde, die das vertragen konnte, kann Alles vertragen; sie muß zum Theil aus den unwissendsten, theils aus ungläubigen Leuten bestehen, die nur in ihren Tempel gehen, um das Wortgeklingel dieses Phrasenmachers anzuhören. Diese harten Worte fühle ich mich berechtigt auszusprechen, nachdem ick die in den Jewish Times vom 10. März abgedruckle Rede, die Jacob Mayer vor seiner Gemeinde gehalten, gelesen. Sv etwas ist doch nur in Amerika möglich! d. h. nicht etwa wegen der Freiheit in Amerika, sondern wegen der Rohett und Unwissenheit, eie sich hier zu Lande geltend zu machen Gelegenheit hat. Wer diese Rede liest, weiß nicht, ob er darin mehr Unsinn oder Blödsinn, mehr Wahnwitz oder Bosheit findet. Der Redner ruft Wehe! au« über Sabbath und Fest, über Gebet und Gottesdienst, über Orthodoxe und Reformer, über Juden, Christen und Türken — und dies Alles im Namen des Gottes, den er verleugnet, am Sabbath, mitten in Gottesdienst und Gebet unv vor einer jüdischen Gemeinde! Wäre just ern Fremder, der von diesem ganzen Gebühren nichts wußte, in diese Synagoge eingetreten und hätte diesen Mann diese Rede Hallen hören, so hätte er glauben müssen, einen Tollhäusler wüthen zu hören vor einer Versammlung gleichbeschaffener Geister. Lange indeß kann dies doch nicht währen, und die Har-Sinai-Gemeinve muß sich entweder von ihrem Prediger oder von einander trennen.

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