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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-05-16 · Heft 20 (16.5.1876) · p. Seite 320

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 20 (16.5.1876)
Date
1876-05-16
Page
Seite 320 (sequence 8)
Language
German
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320 giltigen Abmachung bedürfen wir eures Rathes und eurer Hilfe. Glaubensgenossen! Ueberwältigt von diesem drückenden Gefühle, find wir nicht im Stande, euch heute mehr zu sagen, und wir appelliren an eure Begeisterung, die sich so oft zu Zeiten der Gefahr eingestellt hat, die das Judenthum so sehr auszeichnet, und — Gefahr ist vorhanden, großer als ihr glaubt, Gerüchte der mannichfachsten Art schwirren durch die Lust, und es wird Opfer kosten, sie zum Schweigen zu bringen. Wir laden euch Alle ein, ohne Unterschied des Ranges, arm und reich, einer höchst dringlichen Berathung beizuwohnen, die wir Sonntag, den 23. April d. I., Nachmittags 3 Uhr, im Saale der israelitische» Cultusgemeinde veranlassen. Möge sich Niemand von dieser Berathung ausschließen oder fernbleiben. Möge Niemand den Borwurf auf sich laden, daß durch sein Fernbleiben ein „Zu spät!" der ganzen Gemeinde zugerufen werde! Fünfhaus, 17. April 1876. Der Ausschuß deS Bertrauenscomitös. (Folgen die Unterschriften. »" Frankreich. Pariö, 3. Mai. Aus dem Monatsberichte der Alliance für April bemerken wir, daß in Tecucz in Rumänien und in Smyrna gegen Ostern abermals versucht ward, auf eine hinterlistige Weise die Juden des Blutgebrauchs zu beschuldigen und dadurch den Wbel gegen die Juden zu Hetzen. Die Besonnenheit der Juden und die Festigkeit der Behörden deckten den verbrecherischen Betrug auf und sind deren Urheber zur Untersuchung gezogen. — Nach genaueren Informationen leben in Bosnien 1334 Juden, von denen kaum Hundert einigen Wohlstand besitzen. Ja der Herzegowina bestehen nur etwa 10 Familien mit ungefähr 48 Personen, sämmtlich in Dürftigkeit. Der Chacham- Baschi von Konstantinopel, als officieller Vertreter der Israeliten, hat bei der Pforte Schritte gethan, damit die Israeliten dieser Provinzen an allen Maßnahmen zu Gunsten der nichtmuselmannischen Bevölkerung betheiligt werden. — Die israel. Ackerbauschule bei Jaffa hat ihr Budget für 187 6 eingereicht. Es befaßt 21,300 Francs Einnahme und 49,000 Francs Ausgabe, so daß 27,500 Francs Zuschuß erforderlich ist, welche die Alliance zu zahlen beschloffen hat. Freilich wird es hierbei darauf ankommen, ob der in Anschlag gebrachte Ertrag an Früchten und deren Verwerthung die angesetzten Summen erreichen werden. — Pariö, 3. Mai. Es ist eine eigenthümliche Erscheinung, daß erst jetzt die volle Aufmerksamkeit der Juden auf den Religionsunterricht ihrer die Mittelschulen und höheren Lehranstalten besuchenden Kinder nachdrücklich gelenkt worden. Man kann es nicht damit erklären, daß in Deutschland und Oesterreich die Juden bis jetzt allzuviel zu thun hatten, um sich die vollen bürgerlichen Rechte zu erobern, da z. B. in Frankreich erst jetzt dieselbe Erscheinung hervortritt. Wir muffen vielmehr glauben, daß erst die große Steigerung der Zahl der diese Schulen frequentirenden jüdischen Jugend das Bedürfniß, für deren religiösen Unterricht zu sorgen, hervorgerufen hat. Es besagt dies zwar, daß unsre Glaubensgenoffen keine große Voraussicht bewahren und auf die eindringlichsten Mahnungen wenig hören, so lange nicht das Bedürfniß sich gar zu sehr fühlbar macht, und es ist einsichtlich, daß ein solches Verhalten nicht ohne Schaden verläuft, um so mehr, als es immerhin Zeit und Anstrengungen kostet, bis dem Bedürfniß in genügendem Maße entsprochen wird. Allein es ist doch so, und wir müffen uns schon freuen, wenn selbst dem Bedürfniffe gegenüber die Hände nicht in den Schooß gelegt werden. Zu dieser Betrachtung veranlassen uns folgende Mittheilungen der Arch. isr.: „Nachdem der Seine-Präfect das Consistorium von Paris unterrichtet hat, daß der für die Herstellung des Religionsunterrichtes für die israelitischen Zöglinge der höheren Municipalschulen nothwendige Credit auf das Budget von 1876 eingetragen worden, erwählt das Consistorium Herrn Weil, Rabbiner von Versailles, diesen Unterricht zu ertheilen. Das Consistorium benutzt diese Gelegenheit, um die Aufmerksamkeit des Seine-Präfecten auf die ernsten Unzukömmlichkeiten zu richten, welche die Bereinigung der Schüler verschiedener Culte in den Sälen, wo der Religionsunterricht ertheilt wird, mit sich bringt. Dieser anomale Zustand nöthigt die Schüler des israelitischen Bekenntniffes dem Unterrichte der Geistlichen der übrigen Religionen beizuwohnen. Das Consistorium hofft, der Herr Seine- Präfect wolle sicherlich Verordnungen erlaffen, um so viel als möglich einen Zustand zu beseitigen, der die ärgerlichsten Folgen haben könnte. (Dies ist steilich ein Zustand, den wir hier in Deutschland niemals gehabt. Seitdem jüdische Zöglinge die öffentlichen Schulen besuchen, waren sie stets vom christlichen Religionsunterricht dispensirt. Es macht den jüd. Consistorien in Frankreich keine Ehre, solchem Zustande gegenüber bis jetzt sich gleichgültig verhallen zu haben!) — Der llnterrichtsminister hat auf Vorschlag des Oberunterrichtsraths ein Reglement über die Midraschim genannten jüdischen Schulen in Algerien erlaffen. In Zukunft sollen die Midraschim der Ueberwachung aller Schulbehörden unterworfen sein; diese Schulen sollen nur auf Grund einer Rectvratsautorisation und nach den Vorschriften für die französischen Schulen eröffnet werden können, besonders hinsichtlich der Controle der Schüler und der gesunden Beschaffenheit der Localitäten. Der Unterricht soll auf religiöse Gegenstände beschränkt sein. Kinder von 6—13 Jahren dürfen nicht in den Stunden diese Schulen besuchen, in welchen der Unterricht in den Laienschulen ertheilt wird. — Gegenüber den aus Preußen noch immer laut werdenden Klagen, daß die Juden vom Avancement in der Armee ausgeschloffen bleiben, ist es doch angemeffen, darauf hinzuweisen, wie zahlreiche Beispiele erweisen, daß in Frankreich eine solche Beschränkung, welche dem Gesetze der Gleichstellung so stark Hohn spricht, nicht staltfindet. In diesen Tagen z. B. ist Nathan Blum, Capitän im 129. Linienregiment, zum Bataillonschef im 105. ernannt worden. — Auch in Frankreich gehört jetzt der Uebertritt zum Judenthume nicht mehr zu den Seltenheiten.

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