Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 19 (9.5.1876)
- Date
- 1876-05-09
- Page
- Seite 307 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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307 Ieuil Die Äadenverfolzunyen iu Len Stadien Speyer, Worms und Mainz im Jahre 1096, wahrend -es ersten Lreuzzuges. Aus einem hebräischen Manuskripte übertragen von MoseS Mannheimer, cmerit. Rabbinatsvcrweser in Darmstadt. Die Geschichte der Kreuzzüge ist bis jetzt noch nicht vollständig nach allen ihren Beziehungen aufgehellr, so sehr auch emsige Forscher bemüht waren, alles einschlägige, ihnen zu Gebote stehende Material zu sammeln, zu sichten und daraus ein vollständiges, alles Bedeutsame umsafsendes Bild zu schassen. Am wenigsten ist dies aber der Fall bei demjenigen Theile derselben, der die Judenverfolgungen betrifft, ungeachtet Letztere große blühende Gemeinden mir barbarischer Grausamkeit gänzlich vernichteten und auch mit den allgemeinen politischen Berhältniffen Deutschlands in einigem Zusammenhänge standen. Im Mittelalter hat die mündliche Ueberlieserung die Stelle rer Aufzeichnung versehen. Sie hat in Familien und Gemeinden die Thaten und Begegniffe der Väter, einige Generationen hindurch, frisch und lebendig erhalten, bis sie sich allmälig trübte und dann erlosch. Das Aufzeichnen derselben und das hinlänglich wiederholte Abschreiben des Ausgezeichneten war nicht allgemein verbreirer, nicht genug in Gebrauch und Uebung; daher fließen die Geschichrsquellen von damals außerordentlich dürftig. — Bon den rubricirten Verfolgungen der damals bedeutendsten jüdischen Gemeinden waren kaum einige ftagmentarische Berichte zu uns gelangt. Nur Eine eigentliche interne Geschichtsquelle ist uns aufbcwahrt geblieben, d. i. die von llr. Jellinek zum ersten Male «Leipzig 1854) edirte Konteros tatnu ') „Bericht über die Leiden des Jahres 1096" von Elieser b. Nathan Halevi aus Cöln. Da jedoch der Berfaffer in Cöln wohnte, so hat er über die dortige Verfolgung, deren Augenzeuge er war, ausführlicher berichtet als über die, welche in Speyer, Worms und Mainz stattgefunden hat. Hinsichtlich dieser Städte, die doch den ersten Anprall der verthierten Blulmenschen auszuhalten hatten, ist sein Bericht lückenhaft. Auch die Poetanen-) (Poeten», die in synagogalen Dichtungen die Leiden der Gemeinden und ihren darüber empfundenen tiefen Schmerz ausdrückten, konnten doch nur für ihren Zweck einzelne Züge aus der Reihe der Begebenheiten hervorheben, und da dieselben in ein poetisches Gewand gekleidet waren, so konnte der Leser oder Beter leicht versucht sein, in ihnen anstatt Wahrheit nur hyperbolische Redefiguren zu erblicken. — Unter diesen Umständen muß es uns willkommen sein, wenn hier und da noch irgend ein altes Manuscript zum Vorschein kommt, das uns von Details Kunde bringt, die uns bis jetzt nicht bekannt waren, und die zur Berichtigung und Ergänzung der historischen Darstellung einen Beitrag liefern. Zu einem solchen bin ich dieser Tage gelangt. Dasselbe enthält in l e t o n. hebräischer Sprache einen ziemlich ausführlichen Bericht über -die 1090, während des ersten Kreuzzuges, in Speyer, Worms und Mainz stattgefundenen schrecklichen Judenverfolgungen, und ich fühle mich verpflichtet, denselben, in's Deutsche übertragen, in dieser geschätzten Zeitschrift der Oeffentlichkeit zu übergeben. Dieses Manuscript befindet sich im Besitze der Gr. Hosbibliolhek 3) dahier. Bor Kurzem halte Herr Hofbibliothekar 9,-. Maurer die Güte, mich darauf aufmerksam zu machen. Es bildet ein aus ungefähr >00 Pergameniblättern zusammengehefletes Buch, in Quartformat, ohne Einband. Der Anfang, darunter das Titelblatt, fehlt. Es scheint durch einen Brand geschädigt worden zu sein. — Den Namen des Verfassers, sowie die Zeit, wann er gelebt hat, habe ich bis jetzt noch nicht genau ermitteln können. — Die darin behandelten verschiedenen Materien scheinen übrigens verschiedenen Verfassern '» zu verschiedenen Zeiten anzugehören. — Die ersten l 1 Blätter enthalten scharfsinnige Decisionen, verbunden mit kurzen Erörterungen über die jüdischen Trauergebräuche, wie diese nämlich in besonvern Verhältnissen und Umständen anzuwenden seien; die folgenden 4 Blätter umfassen eine Betrachtung über den damals erwarteten Messias und den Krieg des Gog Magog, und daran schließt sich auf den nachfolgenden 4 Blättern der Bericht über die Verfolgungen während des ersten Kreuzzuges. Die auf diesen 19 Blättern angewandte und sich stets gleichbleibende Schriftart ist eine ganz eigenihümlich aus mehreren Schriftarten zusammengesetzte. Manche Buchstaben haben die Form der Quadratschrift 2.7c), andere kommen der sogenannten jüdischen Eurrenlschrift sehr nahe, bildeten vielleicht ehedem einen Uebergang zu dieser. — Ich werde nun mit der Wiedergabe des Inhalts des Berichts beginnen; jedoch werde ich alle darin vorkoinmenden, wenn auch mit den stattgefundenen Greuelthaten entschuldbaren Ausdrücke übergehen. — Im Jahre 1028 '') nach der Zerstörung des Tempels kamen Verhängnisse über Israel. Es erhoben sich nämlich in Frankreich Herren, Ritter, Grafen und Fürsten, und das gemeine Volk, und beriechen sich zusammen und faßten den Entschluß, sich kämpfend Bahn zu machen und nach Jerusalem zu wallen zum Grabe Christi. — Und sie sprachen zu einander: „Seht, wir wagen unser Leben, um zu streiten mit Königen der Erce und zu morden und zu zertrümmern solche Reiche, die nicht an Christus glauben — sehr doch da die Juden, die ihn gekreuzigt haben — entweder sie müssen sich zu ihm bekennen, oder wir vertilgen sie von Kind bis Säugling."Und sie hefteten das Zeichen des Kreuzes an ihre Kleider ') und setzten Helme auf.- Und als dies die Gemeinden in Frankreich hörten, wurden sie von Entsetzen ergriffen. Sie sandten sofort Boten mit Briefen an die Gemeinden in den Rheingegenden, daß sie doch fasten und den, der in der Höhe thront, bitten möchten, baß er sie 19*