Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 19 (9.5.1876)
- Date
- 1876-05-09
- Page
- Seite 306 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227069-3227089--34437-3304311- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- hazzan 1× ep/1004827
OCR text
306 bilden die Juden in Endingen also heute wie vor 52 Jahren Corporationsgemeinven. Die Träger und Inhaber der bürgerlichen Heimathscheine wurden amtlich zur Rückgabe derselben angehalten und ihnen dafür wieder solche nach früherm Formulare eingehändigt. Dies ist die Genesis der bürgerlichen Verhältnisse der aargauischen Israeliten, ihrer ganz abnormen bürgerlichen Stellung im Heimathorte, während sie ein vollgültiges und allgemein anerkanntes Bürgerrecht haben. Die jüngste Einladung der Bundesversammlung an die aargauische Regierung ist nichts andres als die Aufgabe, die ortsbürgerliche Stellung ihrer israelitischen Bürger mit den Bestimmungen der Bundesverfasiung und Bundesgesetze in Einklang zu bringen. M. G. Dreifus, Religionslehrer. Italien. Turin, l l - Apr. (Privatm.) Gestalten Sie, Herr Revact., daß ich Sie, wenn auch nur nach stüchtiger Anschauung, einen Augenblick von den Zuständen der hiesigen Gemeinde unterhalte. Der große Schaden, an welchem die Gemeinde von Turin — etwa 1,800 Seelen — leidet, ist bekanntlich die neue Synagoge. Schicken wir voraus, daß dieselbe ein überaus schönes Gebäude ist; nicht nur an Größe und an Pracht des Styles, sondern auch an wahrhaft künstlerischer Schönheit ist sie das vorzüglichste gottesdienstliche Gebäude von Turin. Bon wo man auch eine Ansicht der pimontesischen Hauptstadt haben mag, immer fallt die Synagoge durch ihre Höhe und durch ihren edlen gediegenen Charakter zuerst in die Augen. Wir wollen nun die Frage unerörtert lasten, ob eine Gemeinde, die eine kleine Minderheit der Bevölkerung (nicht ganz ein Procent», und zwar immerhin eine beneidete Minderheit ausmacht, gut daran thut, sich das großartigste und prächtigste Monument der Stadt zu setzen; das ist ja eine Frage, die sich in vielen Hauptstädten Europa's aufwerfen ließe. Dagegen ist es sicher eine Verkehrtheit, ein solches Gebäude zu beginnen, ohne daß man der Mittel der Ausführung sicher ist. Freilich sagt man, der Architect habe die Summe, die man ihm zu Gebote gestellt, unendlich überschritten. Aber war es nicht Sache der Gemeindebehörden, dies zu 'controliren und, wenn sich auch natürlich nicht jede Überschreitung des Voranschlages vermeiden läßt, doch wenigstens eine so koloffale Ausdehnung des Planes zu verhindern? Die Synagoge hat bereits 80",000 Francs gekostet und zur Fertigstellung derselben i mindestens die gleiche Summe noch erforderlich. Die Stadt hat sich erboten, 200,000 Francs dazu zu geben, und das ist wahrlich sehr anerkennenswerth. Jndeß da die Gemeinde schon mit Schulden überbürdet ist, woher die übrigen 5—600,000 Francs nehmen? Es ist also einstweilen keine Aussicht auf Vollendung des herrlichen Gebäudes, dem nicht allein die innere Ausschmückung, sondern auch die Zwischenmauern noch fehlen. Das Schlimme ist dabei, daß diese Angelegenheit in die sonst so einige und in der That hochachtbare Gemeinde einen Zwiespalt gebracht hat, indem ein Theil — und das sind meist die Minderbegüterten — sich der Veräußerung des Gebäudes widersetzt, während ein anderer Theil — und zwar die Reichsten, welche eine Vermehrung der Gemeindeschulden hauptsächlich betreffen würde — ebensosehr der Contrahirung weiterer Verbindlichkeiten zur Fertigstellung desselben sich widersetzt. Es ist also einstweilen ein Austrag dieser Sache gar nicht abzusehen. Dis ist aber um so trauriger, als der augenblickliche Zustand kaum haltbar ist. — Es giebt hier zwei Synagogen, eine nach italienischem und eine nach deutschem Ritus. Beide sind klein, und wenn auch gut gehalten, doch ganz kahl und schmucklos; sie reichen an den hohen Feiertagen nicht aus für die Zahl der Gläubigen und sind für eine Gemeinde, wie die turiner, völlig unangemeffen. Ich kann Ihnen aus persönlicher Anschauung nur von dem Gottesdienst in der italienischen Hauptsynagoge berichten. Es sind zwar in demselben die Piutim abgeschafft, aber von irgend einer sonstigen zeitentsprechenden Reform ist nicht die Rede. Alle Gebete — auch das für den König — werden in hebräischer Sprache (nach der portugiesischen Aussprache) verrichtet. Nicht allein daß der Chorgesang fehlte, es findet auch an den Festtagen keine Predigt statt (wohl, wie ich höre, an einzelnen Sabbathen). Dazu kommt, daß man in den entfernten Räumen der Synagoge den Schachariß-Chasan nicht versteht. Vielleicht ist es diesem Umstande zuzuschreiben, daß die profane Unterhaltung viel zu lebhaft im Gange ist und den Fremden ziemlich unangenehm berührt. Kurz, es läßt sich gerade nicht sagen, daß ein feineres Gefühl hier Beftiedigung des Verlangens nach Erbauung und Andacht findet. Das muß aber üble Folgen für die jüngere, ästhetisch verwöhnte Generation, und zumal für den weiblichen Theil derselben haben; ganz abgesehen davon, daß solche Zustände wenig dazu geeignet sind, das Judenthum in den Augen Andersgläubiger zu heben. Freilich find das nur augenblickliche Eindrücke, Herr Redacteur, aber sie sind vielleicht um so unmittelbarer und gewiß ganz unparteiisch. Spanien. Aus Nordspauie», 20. April. In den baskischen Provinzen, kaum durch die Beendigung des Carlistenkampfes beruhigt, findet eine große Auftegung statt, weil diese Provinzen der zu discutirenden spanischen Verfassung gegenüber ihre alten „Freiheiten" (Fueros) durchaus behalten wollen. Zu diesen „Freiheiten" gehört die Verbannung aller Nichtkatholiken aus dem Lande, so daß diese Provinzen ausschließlich nur von Katholiken bewohnt werden. Die sechs jüdischen Familien, die sich vor einigen Jahren erst in San Sebastian niedergelassen haben, durften somit, falls die Regierung schwach genug ist, diesem Ansinnen zu willfahren, gezwungen werden, wieder auszuwandern. Naturalisirte Protestanten finden sich nicht in den baskischen Provinzen, und die wenigen, die dort Wehnen, stehen alle unter fremdländischem Schutz.