Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 19 (9.5.1876)
- Date
- 1876-05-09
- Page
- Seite 303 (sequence 7)
- Language
- German
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303 „Selbstmorde in Oesterreich", welcher in dieser Hinsicht nichts zu wünschen übrig läßt. Wir heben solgende Stelle hervor: j „Am Schlüsse seiner specieüen Nachweisungen gelangt der Ver-! fasser zur folgenden allgemeinen Betrachtung: Der Selbstmord hat ' in Oesterreich in diesem Jahrhunderte stetig und in rascker Pro-; gression zugenommen und in den jüngsten Altersclassen weitaus! am meisten. Der Grund liegt wohl in keinem einzelnen Umstande oder Verhältnisse, sondern in der allgemeinen Gestaltung der Dinge, weßhalb die Zahl der Selbstmorde nicht nur in Oesterreich, sondern in ganz Europa stieg. Der charakteristische sociale Typus der Gegenwart ist das nervöse Jagen und Drängen nach Erwerb, welches auch die Menschen häufiger aus dem Leben jagt. So sehen wir auch in Oesterreich, raß die industriellsten Länder rer Monarchie, Nieterösterreich, Böhmen, Mähren und Schlesien, die höchste Selbstmord-Frequenz ausweisen. Nur darf man aus dieser Thatsache keine voreiligen Schlüffe ziehen, wenn es sich um wiffenschastliche Probleme handelt. Die angeführte Ursache der Selbstmorde ist weder die einzige, noch die mächtigste. In einzelnen Fällen muß man sogar zugeben, daß von zwei Menschen, welche daffelbe Schicksal erlitten und von denen der eine sich tödtete, der andere nicht, der Selbstmörder oft der sittlich beffere war. Hierzu tritt noch, daß die Selbstmord-Frequenz in Europa weitaus am größten bei den germanischen Völkern evangelischen Glaubens ist, also bei den tüchtigsten, fleißigsten, reinlichsten, aufgeklärtesten, bestregierlen, wahrend die Katholiken und Romanen, die Griechen und Slaven eine weit geringere Frequenz zeigen. In Oesterreich speciell fallen auf je eine Million Katholiken 524, Griechen 5l‘J, Evangelische 042 und aus eine Million Juden 150 Selbstmorde. Die Zahl derselben ist mithin bei den Evangelischen viermal so groß als bei den Juden, denen man doch hiermit gewiß nicht eine um so viel höhere Sittlichkeit zuerkennen will." Was ist dies für eine frivole Beweisführung! Von zwei ähnlich gestellten Menschen soll der Selbstmörder vielleicht der weniger unsittliche Mensch sein, als der. welcher nicht Hand an sich legt! Das ist ebenso, wie wenn ich sage: Von zwei Menschen, von welchen der eine einen Mord beging, ist vielleicht der der unsittlichere, welcher ihn nicht beging! Beweist dies Etwas zur Rechtfertigung des Selbstmordes oder des Mordes? Nach anderen Beziehungen hin kann cer, welcher nicht tödter, immerhin ein unsittlicherer Mensch sein, aber darin, baß er den Morestahl nicht auf sich selbst oder aus einen anderen zückte, ist er doch jedenfalls sittlicher als der andere. Es ist möglich, daß ein Betrüger kein Selbstmörder wird, und der Selbstmörder sich zu keinem Betrüge hätte bewegen laffen. Aber daß der Betrüger unter gleichen Verhältnissen nickt Hand an sich legt, setzt anderweitige sittliche Eigenschaften bei ihm voraus, deren der Selbstmörder entbehrte. Wer das menschliche Herz kennt, weiß, welche Gegensätze, ja welche bunte Zusammensetzung von Eigenschaften sich in ihm oft verbinden! Der Edelmuth kann mit der größten Schwäche, die größte Härte mit der feinsten Bildung und reichstem Wissen, die aufopferndste Familienliebe mit Raub- und Habgier, die ärgste Hinterlist mit der größten Feigheit, wie wiederum der unerschütterlichste Muth mit rer größten Niedertracht in derselben Seele vereinigt sein. Der Schluß teö Verfassers auf den sittlichen Charakter des Selbstmordes ist daher ein völlig trügerischer, und erschüttert unsren Satz nicht: darin, daß Jemand Hand an sich legt, begeht er eine Thal wider Gott, Recht und Treue, eine Thal der Selbstsucht und der Feigheit, mag er auch sonst sittliche Eigenschaften besessen haben. — So ergeht es auch dem Verfasser mit seinem Urtheil über die Juten. Auch wir wollen nicht behaupten, daß die Juden im Allgemeinen viermal besser als die Evangelischen seien; aber in den sittlichen Eigenschaften, welche vom Selbstmorde zurückhallen, sind sie viermal besser als die Evangelischen nach des Verfassers Statistik. Sie besitzen noch mehr Gottesfurcht, noch mehr Gottvertrauen, noch mehr Muth wider die Uebel des Lebens zu kämpfen und das Mißgeschick zu ertragen, sie besitzen vor Allem noch mehr treue Anhänglichkeit für die Ihrigen, um auf diese nicht die Lasten zu wälzen, Lenen sie sich selbst durch den Selbstmord entziehen, Eltern, Frau und Kinder allein stehen zu lassen, und ihnen noch die Schmack ihrer Unlhat zuzusügen, Dies Alles ist ganz einfach; aber die Publicisten suchen es zu verschleiern und zu verdunkeln und durch allgemeine Phrasen das öffentliche Gewissen zu beschwichtigen oder zu verblenden. Dies ist jedoch nur der Weg um den Krebsschaden erst recht weitersressen zu machen. Cemuitz (Mähren», 25. April. Vergangenen Mittwoch zog eine Rotte, zum größten Theile Weber von Profession, lärmend und schreiend nach rem Judenviertel, um dorr eine kleine '»Hetz" zu insceniren. Lange wollte sich kein des Spasses Würdiger ausfinden lassen, bis sich einer in der Gestalt des harmlos vor seinem Laden stehenden Kaufmanns L. Vogel zeigte. Herr Vogel ging jedoch auf die Spässe nicht ein, sondern wich ihnen aus. Nun wurde ein anderes Mittel versucht. Ein 10-jähriger Knabe, der sich neugierig hinzugedrängl hatte, ward das Opfer. Einer der „Herren" schnallte seinen Leibgut ab und hieb mit der Schnalle desselben den Kleinen über den Kopf, raß derselbe blutend zusammenstürzte. Es entstand ein furchtbarer Lärm, und mehrere handfeste Leute nahmen den Thäler fest, der aus Leibeskräften um Hülse schrie, „weil die Juden ihn kreuzigen wollten". Seine Eollegen eilten zu seiner Rettung herbei, und ein Steinhagel entlud sich über die inzwischen zusammengelaufenen Bewohner der Straße. Viele wurden verwundet und die Fenster der umliegenden Häuser zum größten Theile eingeworfen. Es entstand nun ein Handgemenge, wobei der Urheber des Skandals zu Boden getreten wurde und bewußtlos vom Platze getragen werden mußte. Daß hierdurch der Lärm nur vergrößert wurde, ist selbstverständlich. „Die Juden haben Einen tcdtgeschlagen!" war das' Feldgeschrei. Messer wurden gezogen, und schon waren Mehrere verwundet, als eine starke Gensdarmerie - Patrouille