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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-05-09 · Heft 19 (9.5.1876) · p. Seite 299

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 19 (9.5.1876)
Date
1876-05-09
Page
Seite 299 (sequence 3)
Language
German
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299 Literarischer Wochenbericht. Bonn, 11. April. „Reve zur Feier ves fünfzigjährigen Jubiläums ves israelitischen Tempels in der innern Stadt Wien am 26. März 1876 (am 1. Nissan 56.86) gehalten von Dr. Av. Jellinek. Wien, 1876. Verlag der israelit. Cultusgemeinde." Wir sind dem verehr!. Vorstande für die Uebersendung des reichausgestatleten Exemplars dieser, ihres Gegenstandes so völlig würdigen Festrede zu Dank verpflichtet. Der bewährte Redner hat in der Behandlung seines erhebenden Stoffes auch diesmal seinen feinen Tact, seine kunstgemäße Disposition und die reiche Fülle des Ausdrucks bethätigt. Er erinnert zum Beginn, daß am ersten Niffan auch das Heiligt!,um in der Wüste aufgerichlet und geweiht wurde (2 Mos. 40, 1), hebt darin die Bedeutung hervor, welche die Einweihung dieses Tempels durch die Einrichtungen res Gottesdienstes für zahlreiche Gemeinden hatte, und behandelt dann: „das Wort der Todten an die Lebenden" und dann „die Antwort der Lebenden an die Todten". Nach der Erinnerung an die Männer, welche den Tempel gegründet, werden die erhabenen Zwecke gezeichnet, welche jene bei diesem Werke verfolgten, und hierauf die Dankbarkeit, die Verehrung, das Bekenntnis, dieses Werk zu hüten und fortzuführen und endlich die Botschaft der Freiheit, welche unterdeß die Israeliten im Kaiserstaate erlangt haben, als Antwort der Lebenden ausgesprochen. Dies Alles mit ergreifendem Worte und künstlerischem und doch einfachem Zusammenhang. Ausfallend war es uns, daß der Redner keinen Text gewählt hat, denn das zweimal erwähnte Jerem. 2, 2 kann für einen solchen nicht angesehen werden. Da zu gleicher Zeit das erste Heft der bei Veranlagung desselben Festes erschienenen gottesdienstlichen Vorträge Mannheimers, die weiter unten näher besprochen werden, bei uns eingelaufen, verschafften wir uns die Befriedigung, einen vergleichenden Blick auf die Einweihungsprevigt Mannheimers (am 9. April 1826, zu werfen. Zum Texte hatte er Jesajas 66, 1 gewählt und setzt nun auseinander, wozu der Mensch ein Heiligthum baut. Darauf beantwortet er die Frage: „Was heiligt denn das Gotteshaus?" „Gottes Name, Gottes Wort, Gottes Segen und Gottes Friede, der einzieht in des Menschen Herz." Diese vier Momente, aus der Fülle der Gedanken und Gefühle besprochen, geben dieser Rede noch heute eine wahre Anziehungskraft, die durch echte Kunstform getragen wird. Die Vergleichung beider Reben rief in uns einige Beobachtungen hervor. Zn dem - halben Jahrhundert, welches beide trennt, hat das Judenthum an der Entfaltung seines Lehrinhalts bedeutend gewonnen. Seine Geschichtsentwickelung und seine weltgeschichtliche Mission haben eine reiche Bearbeitung gefunden und ein volles Bewußtsein derselben hervorgerufen. Das Licht, das zugleich auf den socialen und politischen Inhalt der jüdischen Lehre ausgestreut wurde, zog diese menschengeschlechtlichen Momente in den Bereich des Judenthums wieder herein. Von der anderen Seite wurde aber die fpecifische Erscheinung des Judenthums klarer aufgefaßt und betont. Hierdurch geschah es, daß auch die jüdische Predigt von dem allgemeinen moralisirenden Boden, auf welchem sie sich anfangs bewegte, hinweggehoben, und ihr all' dieser eben bezeichnete Inhalt gegeben, und doch die specisisch-jüdische Gewandung darum geschlagen ward. Dies macht den Unterschied zwischen der damaligen und jetzigen Predigt der jüdischen Kanzel aus. Dagegen kann nicht verkannt werden, daß riese Verbindung größeren Jceenreichthums und specifischerer Gestaltung die Aufgabe viel schwieriger macht, die deshalb von den jüngeren viel weniger glücklich gelöst wird, als bei den früheren Meistern rer Fall war; caß die Sprache zwar an Mannichfaltigkeit gewonnen, aber an Lebendigkeit, die doch für die Kanzelberedsamkeir so überaus wichtig, an Wärme und an Interesse für den Einzelnen, der gern seine eigenen Seelenzustände berührt fühlt, verloren hat. Eine mehr gekünstelte Satzbildung, ein Zusammenhäufen rer einzelnen Satzglieder, welche schließlich monoton ausfällt, ist an die Stelle der einfachen Sätze, des Wechsels mit Frage und Antwort, mit Ausruf und nachdrücklicher Versicherung getreten. Wir erhalten jetzt mehr Reden und Vorträge als Predigten. Der Srantpunkr ist höher und weiter geworden, aber die Innigkeit und das Ergreifen des Herzens schwächer. — Brün n. Anfang April. „Gottesdienstliche Vorträge, gehalten im israel. Bethause in Wien von I. N. Mannheimer. Ans desien schriftl. Nachlaße herausgegebcn -von S. Hammerschlag». 1. Heft. Wien, 187 6, Brüder Winter" (Vlll u. 158 S.>. Es war ein sinniger Gedanke, für resien Ausführung man allen, die um dieselbe sich verdient gemacht, danken darf, zur Feier des 50-jähr. Bestandes des Wiener Tempels Predigten aus dem Nachlasse Mannheimers zu veröffentlichen — die schönste Festgabe, mit der die Wiener Gemeinde, wie die ganze deutsche Judenheit bei diesem Anläße bedacht wurde. Einmal ist diese Veröffentlichung ein schon längst schuldiger Act der Pietät gegen den verewigten Prediger, Leßen Persönlichkeit und organisatorische Wirksamkeit rem Wiener Tempel seine historische Bedeutung vornehmlich verliehen; sie ist weiter geeignet, belehrende Streiflichter zu werfen auf den Charakter des schöpferischen Mannes, sowie der Zeit, innerhalb deren er gelebt und gewirkt, und sie bildet endlich eine Bereicherung unserer homiletischen Literatur, die ja bekanntlich an guten Mustern keinen Ueberfluß hat. Freilich läßt es sich nicht leugnen, daß gerade Mannheimer, um als Redner vollends gewürdigt werden zu können, gehört werden mußte: so gewaltig war der Eindruck, den die Persönlichkeit dieses Mannes auf die Hörer ausübte. Dieser, den Stempel der ungesuchtesten Natürlichkeit und tief innerlicher Wahrhaftigkeit an sich tragende Vortrag, diese durchgeistigte Lebhaftigkeit des Gesichrsausdruckes und der Action, dieser rasche Wechsel des Tonfalles, diese in der Ruhe sich äußernde Gemürhswärme und in der Leidenschaft heftig durchbrechende Begeisterung — Eigenschaften, 19*

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