Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 18 (2.5.1876)
- Date
- 1876-05-02
- Page
- Seite 292 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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292 abzuzapfen. -Schnell wie der Blitz halte sich diese Nachricht über die Gegend verbreitet, und der Bauernpöbel überfiel eine einsam gelegene jüdische Krugwirthschast, plünderte alle Vorräthe, meuchelte vier Personen und zündete zuletzt die Gebäude an. Es versteht sich, daß man in Kowno Alles in Bewegung setzte, um die Wahrheit an's Licht zu bringen und die Schuldigen zur Verantwortung ziehen zu lasien, was denn auch auf Anordnung des humanen Gouverneurs geschehen ist. Mittlerweile hatte die Unchat ihren Weg selbst in die Spalten der Petersburger Zeitung „Golos" gefunden, welche bekanntlich eine grimme Judenfeindin ist, und war dadurch auch zu den Ohren des Generalgouverneurs in Wilna gekommen, dieser forderte eine Berichterstattung und erhielt die Bestätigung des Sachverhalts laut vorstehender Angabe mit den näheren Details, wie der Junge sich, nachdem er den Juden den Weg gezeigt, bei den Seinigen wieder eingefunden, von den Juden belohnt und mit einer Semmel tractirt worden sei. Der Generalgouverneur ordnete darauf an, daß die Schuldigen gleich Meuterern verfolgt und bestraft werden sollten. Wenn ein Menschen-, Aufklärungs- und Freiheilsfreund dieses liest, muß ihm nicht das Herz bluten über solch barbarische Bildungs- und Gesittungszustände? Doch das will Alles noch gar nichts bedeuten gegen ein anderes finsteres Geschick, welches gegenwärtig über den Häuptern von mehr als zweimalhundertlausend Menschen von unseren armen Glaubensgenosien in Rußland schwebt. Ich werde Gelegenheit nehmen, Ihnen davon genauere Miltheilung zu machen, alle Glaubensgenosien, jeden human und wohldenkenden Menschen, sowie die gesammte gutgesinnte, freiheitliche Presie gegen solche Vergewaltigung in die Schranken zu rufen, wenn es nicht gelingen sollte, das Ungemach vorher abzuwenden oder zum wenigsten zeitweise in seinem Verlaufe zu hemmen. vr. Rülf. Ierlilleton. vr. S. Neumann. Eine Lebensskizze. (Fortsetzung aus Nr. 15.) Von Seilen der anderen Mitglieder und der hier anwesenden Juden, wurde Neumann förmlich als Heiliger betrachtet, trcn nannten sie ihn. — Bei all' dieser allseitigen Aufmerksamkeit und Achtung, sah man ihm, nach kurzer Anwesenheit in Petersburg, die große Verstimmung in seinem Innern an. — Personen, bei denen er speiste, erzählten mir, daß sie ihn für krank hielten. — Er, der so die Unterhaltung lieble, wurde einsilbig und schloß sich manche Tage in sein Zimmer ein. — Ich habe einige Male mit ihm über diese Rabbinercommission gesprochen und kann Folgendes vorüber berichten. — Schwere Tage, meint er, habe ich in der ersten Zeit in Petersburg als Präses dieser Commission erlebt. — Ich wußte welche Hoffnungen unsere Berufung bei den Juden wachgerufen und überzeugte mich bald, daß wir gar kein Recht hatten, diese Fragen zu berühren. — Unter irgend einem Vorwand meiner Stellung zu entsagen, erschien mir noch frevelhafter meinen Glaubensgenosien gegenüber. — Nach langem Kampfe faßte ich den Entschluß, mich dem Minister privatim vorzustellen. — Bei dieser Audienz trug ich in gemäßigten Worten Alles vor,' was mein Herz bedrückte, und ich fühlte dabei Erleichterung. — „Gut", war die Antwort von Lanskoi, „reichen Sie mir über Alles ein Memorandum ein und ich will es genau berücksichtigen; von Ihnen nehme ich ein solches entgegen." — In dieser Schrift hob ich haupsiächlich die Domicilgesetze hervor und zeigte, daß diese Gesetze unhaltbar werden, sobald die Juden fortfahren, solche Fortschritte in der Civilisation zu machen, wie es ihnen in der kurzen Zeit von 15 Jahren gelungen ist. — Dieses Schriftstück diente später als Ausgangspunkt zu der Vorstellung, den Juden in Rußland das Niederlasiungsrecht einzuräumen. Von meiner Seite habe ich Alles gewagt, um meine Pflicht zu erfüllen, und haben wir Aller in jeder Hinsicht die unsrige gethan. — Wir nahmen nach Hause das volle Bewußtsein mit, daß die Regierung dieses Mal eine bessere Meinung von uns Juden bekommen habe. — Diese Ueberzeugung der vollständig erfüllten Pflicht gab meinem Gemüthe nicht allein die Ruhe wieder, sondern fachte wieder in mir eine große Energie an, so daß ich weitere Pläne zum allgemeinen Frommen der Juden faßte .. In der Thal finden wir unter den Papieren viele Entwürfe zur Hebung der Bildung und Moralität unter den Juden, welche von dieser Zeit drtiren. — Zu einem derselben hatte er bereits die Erlaubniß vom Minister erhalten. — Es sollten am Sonnabend und an Feiertagen Vorlesungen unter den Juden gehalten werden, und dazu sollten in einzelnen Städten sich freie Gesellschaften bilden. — Allgemeine nützliche Artikel aus Zeitungen und der Geschichte, zeitgemäße Erklärungen aus der Hagoda u. s. w. waren haupsiächlich die Gegenstände, welche dem Minister vorgeschlagen wurden. — Aber nicht allein in allgemeinen jüdischen Angelegenheiten sehen wir ihn zu der Zeit mit Energie auftreten, sondern auch in den Rabbinatsangelegenheiten der Stadt Riga. — Die Anerkennung der hohen Beamtenwelt in St. Petersburg, besonders die dankbare Achtung von Seiten der Juden, selbst von den Chassidim für sein Auftreten daselbst, brachte alle seine Widersacher in Riga zum Schweigen. — Der Kahel und seine Anhänger nämlich konnten es nicht verschmerzen, daß N. im Jahre 1853 zum Rabbiner gewählt und bestätigt worden ist; diese ftommgefärbten Männer schützten zwar vor, daß ihnen nur ein polnischer Rabbiner mit allen Attributen Roth Ihne; im Grunde aber waren es ganz andere Motive, welche sie zu seinen Gegnern machten. — Der Rabbiner nämlich gehört nach dem Gesetze zum Kahel, und kann man es *