Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-05-02 · Heft 18 (2.5.1876) · p. Seite 291

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 18 (2.5.1876)
Date
1876-05-02
Page
Seite 291 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3227069-3227088--34421-3304294
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

291 österreichisch-ungarischen Unterthanen in Rumänien, die in der größten Mehrheit Juden sind, gemacht habe? Er ist so, wie Sie ihn sich gewiß selbst vorstellen, nämlich der nieverschlagendsten Art. Was die Gemüther oft bewegte, war der Vorsatz, sich von der österreichisch-ungarischen Unterchanenschaft loszusagen, die nach diesem Vorgänge weder mehr zur Ehre noch zum Schutze gereicht. Dieser Gedanke war ganz allgemein verbreitet, und seine Verwirklichung wurde nur aufgehalten theils dadurch, daß der famose Handelsvertrag noch immer nicht in Kraft treten will, noch immer in der Schwebe ist, theils durch die neu eingetretene Zerrüttung der politischen Verhälmiffe in Rumänien, durch welche die Rothen wieder in das Bordertreffen treten. Da bedenkt man sich denn doch aufzugeben, selbst was nur eine sehr schwächliche Stütze zu sein scheint. — Was man sich über die Gründe hier erzählt, welche das österreichische Ministerium zu dieser merkwürdigen Schwäche veranlagten, während die Situation für Oesterreich so überaus günstig war, will ich Ihnen ebenfalls nicht verschweigen. Denn der Handelsvertrag sollte bekanntlich dazu dienen, Rumänien in seiner Unabhängigkeit von der Pforte wieder eine Swfe höher zu bringen, und dafür hätte es jedes mögliche Zugeständniß gemacht. Statt dessen spielte Oesterreich die Rolle der Nachgiebigkeit und Selbstaufopferung. Nun, der Grund soll im Fürsten Karl liegen. Dieser sollte den Rumänen beweisen, von welchem Einfluß er zu Gunsten Rumäniens sei, um seinetwillen sollten die fremden Mächte Rumänien die größten Opfer bringen und er so den Rumänen ein wenig unentbehrlicher erscheinen, als sie ihn sonst für ihr Land ansehen. Und dieses Verlangen des Fürsten Karl zu befriedigen, habe die österreichische Staatsregierung all' die Opfer gebracht, welche der Vertrag dem Kaiserstaate auferlegt. Ich will nun nicht behaupten, daß diese hier zu Lande allgemein verbreitete Ansicht die volle Wahrheit sei; doch charakterisirt sie jedenfalls, wie man das sonst unerklärliche Verfahren der Wiener Regierung beurtheilt. Fr. Nachschrift. In den Sitzungen der rumänischen Deputirtenkammer vom 12. Januar und 9. Februar sind wieder und ganz unprovocirt die abscheulichsten Reden gegen die Juden gefallen. Ich glaube aber nicht, daß es vernünftig wäre, Ihr Blatt mit diesen Ausgeburten der erbärmlichsten Beschränktheit zu beflecken. Rußland. Memel, 22. April. (Bon der russischen Grenze. Privatm.) Während unsere deutschen Glaubensbrüder ihr Peßach als Fest wirklicher Befreiung und Erlösung feiern und in Wahrheit sagen dürfen, daß uns Gott „aus Finsterniß zu Hellem Lichte geführt hat", — schweben unsere russischen Glaubensbrüder an diesem Feste und schon lange vorher in der entsetzlichsten Angst vor jener grausigen „Blutbeschuldigung", die vom Christenthum auf das Judenthum übertragen — ursprünglich war es nämlich das römische Heidenthum, welches das Christenthum beschuldigte, es bedürfe Menschenblut zu seiner Osterfeier — jedes Jahr wieder aufgerührt und aufgerüttelt wird. In der That kehren die zahlreich hier seßhaften russischen Juden, welche blos zu den Feiertagen nach ihrer Heimath reisen, um das Fest im Kreise ihrer Familien zu vollbringen, nach dem Osterfeste niemals hierher zurück, ohne zu berichten, diesmal hatte dieser oder jener Ort eine „Alilath-Dam", eine Blutbeschuldigung, und so wußten sie auch in diesem Jahre von zweien zu erzählen. Die erste spielt in Wilna und ist ziemlich harmlos verlaufen. Zwei nichlswürdige Subjecte, die es wahrscheinlich darauf abgesehen hatten, kommen in ein Spezerei- und Farbewaarengeschäft, woselbst auch alle die bekannten Peßach-Artikel verkauft werden, bemerken auf einem Gesimse eine Flasche mit rother Farbe und beschuldigen den Inhaber auf den Kopf, das ist das Christenblut, welches Du zu Deinem Osternfeste an Deine Glaubensgenossen verkaufst. Anderwärts würde man über solch entsetzliche Dummheit oder Bosheit lachen, in Rußland jedoch braucht man bloß dem Pöbel den leisesten Anstoß zu geben, und man stürmt, plündert, massakrirt, ganz nach Willkür; ja selbst der Strafrichter ist sofort bei der Hand, um das Delict in allem Ernste aufzunehmen und mit aller Strenge zu untersuchen. Der Beschuldigte weiß das und handelt darnach. Er nimmt sofort die Flasche vor den Augen der Schurken vom Gesimse herab, schließt sein Geschäft, macht selbst Lärm, und es sammeln sich viele Juden und Christen, die zunächst gar nicht wissen, um was es sich handelt. Man geht zunächst nach dem Chemiker und läßt den Inhalt der Flasche untersuchen, der findet selbstverständlich nichts als rothen Farbstoss. Damit ist die Sache aber noch lange nicht abgethan. Eine chemische Analyse kann einen russischen Pöbel nicht beschwichtigen. Die Vorstände und angesehendsten Männer der Gemeinde begeben sich zum Generalgouverneur und tragen diesem die Sache vor, der weiß auch gleich, woher der Wind weht; er läßt die angesehensten Popen kommen und befiehlt ihnen in allen Kirchen bekannt zu machen, daß jede Ausschreitung gegen die Juden in Folge jener falschen Beschuldigung gleich einem Aufruhr gegen die Staatsgewalt verfolgt und bestraft werden solle. Das hat geholfen, und bas Peßachfest ist in aller Ruhe verlaufen. Eine andere Beschuldigung ist leider minder harmlos verlaufen, eine ganze Familie ist ihr zum Opfer gefallen. Von Ponawies, einer Stadt nicht weit von der Gouvernementsstadt Kowno, fuhren zwei Juden durch den Wald nach einem entfernten Orte, und da sie des Weges nicht recht kundig waren, nahmen sie einen jungen Menschen von etwa 10 Jahren mit, rer ihnen begegnete und sich erbot, ihnen den Weg zu zeigen. Ein Paar Bauern, welche die Juden mit dem ihnen bekannten Jungen so rasch dahinfahren sahen, verfielen auf ren heillosen Gedanken, die Juden haben ihn gestohlen, um ihm das Blut zu Ostern 18*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.