Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 18 (2.5.1876)
- Date
- 1876-05-02
- Page
- Seite 293 (sequence 13)
- Language
- German
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293 sich denken, daß Vieles in der Verwaltung bei der Ordnungsliebe und Pünktlichkeit N.'s hat anders werden muffen. — Dieses Eingreifen in die alte Ordnung gab zu vielen Reibungen Veranlaffung. — Die Jntriguen gegen N. verursachten ihm zwar viele bittere Stunden, aber jene wurden alle vereitelt durch die Gradheil und Wahrheit, mit der er immer auftrat, und durch den großen Anhang, den er sich in seiner Gemeinde erworben. — Diese wahrhaft Frommen und Gutgesinnten strebten nach Licht und Wahrheit, und bildeten mit der Zeit sich unter denselben ein wahrer, inniger Freundschaftsbund, deffen Mittelpunkt das Haus des geachteten und geliebten Rabbiners wurde. — Hier waltete seine Gattin, die er 12 Jahre geliebt, und im Jahr 1843 heimführte. — Die kurze Zeit ihres Ehestandes belohnte sie für alle vorhin überstandenen Leiden. — Die Selige stand bei Allen, die sie kannten, in ungemein hoher Achtung. — Man bewunderte nicht allein an ihr, daß sie ihr schönes Vaterland, wo ihre Familie solches Ansehen genoß, verlassen, sondern ihr anspruchsloses und bescheidenes Wesen zog alle Herzen an. — In frommer Ergebenheit ertrug sie die vielen Widerwärtigkeiten, die ihrem Mann von seinen Mißgönuern bereitet wurden, und flößte ihm Muth und Trost ein, den er auch bei der Weichheit feines Gemüthes von ihr annahm. — Ihre Existenzmittel waren mehr als beschrankt. Aber sie verstand sie so zu verwalten, daß weder der Gatte noch die Kinder etwas entbehren mußten, oder selbst die nächsten Freunde irgend Mangel im Hauswesen bemerken konnten. — Das Haus des Rabbiners war Jedem zugänglich. — Orthodoxe und Fortschrittsmänner waren gleich willkommen; nur mußte Alles echt sein, Falschheit und Heuchelei fühlten sich unbehaglich in diesem Kreise und blieben weg. — Man suchte aber dieses Haus nicht auf, allein um die Zeit dort in gemüthlicher und belehrender Unterhaltung zu verbringen. Viele kamen dahin mit schweren Sorgen belastet, und von religiösen Skrupeln gequält --Sie verließen das Haus erleichterten Herzens. — Sie haben sich Rath, sie haben sich Trost, Stärkung, oft Stütze geholt.— Neugestärkt, sagten wir früher, fühlte er sich nach seiner Rückkehr von der Rabbinercommission. — Auch die materiellen Mittel fingen an sich zu bessern; die Gemeinde wurde wohlhabender und durch den erlaubten Zuzug der Fremden auch größer. — Als Belohnung für seine Verdienste wurde er im Jahre 1859 zum erblichen Ehrenbürger ernannt, und wiederholt von der Regierung mit ehrenden Aufträgen betraut. — Er kannte die ganze Bitterkeit und Last des Lebens, daher fühlte er in dieser Zeit das ihm zu Theil gewordene bescheidene Glück ganz, und war sein Herz von Dank gegen Gott für dasselbe erfüllt. — Aber nur kurze Zeit dauerte diese äußere Ruhe, mit häuslichem Glück verbunden. Durch eine anscheinend leichte Erkrankung wurde feine herrliche Gattin ihm plötzlich entrissen. Ein Schrei des Schreckens und des Schmerzes entrang sich seiner entsetzten Brust. — Aber da verstummte er. (-,-inrr c*n) Nicht verzweifelt stand er am Grabe seiner Jugendgeliebten, sondern wie unsere Großen und wahren Frommen hat er diesen erschütternden Schlag ertragen, in feinem Innern die hohe Aufgabe erkennend, welche ihm durch diesen Verlust zu Theil geworden. — Denn die irdischen Reste der zärtlich liebenden und aufopfernden Mutter umgaben fünf Waisen, von denen die älteste nur 13, der jüngste, der einzige Sohn, erst ein Jahr alt waren .... Bei diesen mußte er von nun an auch die Mutterstelle vertreten, und Alle, die ihn kannten, und ihn in seinem Häuslichen gesehen, müssen ihm das Zeugniß ausstellen, daß er ohne Murren gegen das Schicksal, unverdrossen, ja freudig jeglicher Mühe der Erziehung mit größter Sorgfalt und Zärtlichkeit sich unterzogen hat. — Er murrte nicht, er haderte nicht mit der Vorsehung; aber oft genug waren seine Augen von Thränen feucht, und entrangen sich stille Seufzer seiner beklommenen Brust. — Sie galten der Verklärten, deren Bild ihm bis zu den letzten Stunden seines Lebens vorschwebte. — Wenn er den Tod seiner Gattin mit der größten Fassung auch ertrug, und bald darauf zu seinen Amtspflichten zurückkehrte, so darf doch nicht verkannt werden, daß die Pflichten, welche ihm die Erziehung der Kinder aufbürdete, einen Hemmschuh für seine fernere geistige Thätigkeit bildeten; besonders als bald darauf der einzige Knabe von einer Krankheit heimgesucht wurde, welche 5 Jahre andauerte und endlich seinem jungen Leben ein Ende machte. — Die Pflege dieses Knaben (ras:: mvap '■»n tss: ■’n), die häuslichen Sorgen raubten ihm jede freie Zeit und jede freie geistige Tätigkeit. Daher ist es zu erklären, daß die bereits bestätigten Zeitungszirkel oder Feierlagsschulen nicht in Wirksamkeit traten, sowie die mit Hilfe Suworofls angeregten Fragen der Colonisation und des freien Domicils ohne Erfolg blieben. Wenn er in der Gemeindeangelegenheit speciell nach wie vor die größte Thätigkeit entwickelte, und sogar nach Ueberwindung großer Schwierigkeiten den Grundstein zur neuen Synagoge legte, und die Quelle für die Mittel aufdeckte, um den Bau zu Ende zu führen; so reichte seine Kraft nicht mehr aus, noch die allgemeinen Angelegenheiten der Juden im Auge zu behalten. — Auch erforderten dieselben nicht nur eine Kraft, und dazu noch von der Provinz aus wirkend, sondern die besten Kräfte sollten in der Residenz vereint, dem ersehnten Ziele nachstreben, welches zu erreichen damals nicht fern lag. — Dieses erkannte auch ein Mann, dem die Juden in Rußland viel Gutes verdanken, und deffen Wirken wir genauer im nächsten Kapitel besprechen müssen. Dieser Mann regte auch den Gedanken an, den Seligen als Rabbiner nach der Residenz zu berufen, und dieser Gedanke fand auch bei den wenigen in Petersburg anwesenden Juden Anklang. (Fortsetzung folgt.)