Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 18 (2.5.1876)
- Date
- 1876-05-02
- Page
- Seite 289 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227069-3227088--34419-3304292- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
289 Prag, im April. (Privatmitth.) Die hiesige Universität bietet seit 7 Jahren das erfreuliche Beispiel, daß die Studirenden israelitischer Religion einen Verein zur Unterstützung Hülfsbedürfliger aus ihrer Mitte gebildet haben, den sie selbst durch einen gewählten Ausschuß verwalten, und der in erfreulichster Blüthe steht. Solche Selbsthülfe ist höchst anerkennenswerth und der richtigste Weg um zu einem gedeihlichen Ziele zu gelangen. Es ist doch ein ganz anderes Bewußtsein, mit welchem ein armer Student als Mitglied eines Vereines von Standesgenoffen ein, später zurückerstattendes Darlehn entgegennimmt, als von einer ihm fremd gegenüberstehenden Verwaltung eine Wohlthat erbittet! Es versteht sich, daß diese Selbsthülfe die Vermehrung der Geldmittel von Seiten nichtstudentischer Mitglieder und Spender nicht ausschließt, ja zu kräftigem Bestände nicht entbehren kann. Es ist erfreulich, daß dieser „Unterstützungsverein für mittellose isr. Universitätshörer zu Prag" unter dem Protectorate des Prof. Kaempf auch in anderen Kreisen Mithülfe findet, und besonders unter den Professoren der Universität. Im verflossenen Jahre hat der Verein an 28 Mitglieder 43 Darlehen in Belauf von 1024 fl. gewährt, und zwar für Promolionstaxen 40 fl., Prüfungstaxen 686 fl., Collegiengelder 196 fl. und Unterhaltsbeirräge 102 fl. Das Vermögen des Vereins beläuft sich jetzt auf 3598 fl. Im Ganzen hat der Verein bis jetzt an 75 Mitglieder 166 Darlehen im Gesammtbetrage von 4094 fl. bewilligt, wovon noch 3522 ausstehen. Im verflossenen Jahre hatte er 193 fl. zurückgezahlt erhalten, was immerhin beweist, daß der Grundsatz ein richtiger ist, der in § 8 der Statuten die Zurückzahlung binnen 10 Jahre nach der Bewilligung zur Pflicht macht. Dem Vereine gehören 89 Studirende und 329 anderweitige Mitglieder an. Es wäre zu wünschen, daß diesem Beispiele auch auf anderen Universitäten gefolgt würde, (in Leipzig ist dies bereits geschehen, Redact.), der Ausschuß des hiesigen wird gern ein Exemplar seines revidirten Statuts dazu darbieten. Lemberg, 18. April. In Brzesko wurden bei den Gemeinderathswahlen im ersten Wahlkörper sieben Israeliten und ein Pole, im zweiten sieben Israeliten und ein Pole und im dritten acht Israeliten gewählt. Früher hatten die Polen die Majorität im Brzeskoer Gemeinderathe. Preflburg, 18. April. Der „N. fr. Pr." schreibt man: „Seitdem vor nun drei Jahren in der hiesigen jüd. Gemeinde, diesem alten Bollwerke der Orthodoxie, eine Scheidung eingetteten ist, indem sich die intelligenteren Elemente derselben zu einer Fortschrittsgemeinde zusammenthaten, sind die Altgläubigen derrtt aus dem Häuschen gekommen, daß bei ihnen ein öffentliches Aergerniß das andere ablöst. Erst neulich haben sie aus Anlaß eines Lehrerjubiläums den verdienten Prediger der Religionsgemeinde, Dr. David, öffentlich zu verunglimpfen gesucht, und gestern haben sie wieder ihr Müthchen an einem anderen hochgeachteten Manne gekühlt. Sie haben nämlich dem seit einer längeren Reihe von Jahren in der anzuerkennendsten Weise als Primarius des israel. Krankenhauses fungirenden vr. Kassowitz die Stelle lediglich aus dem Grunde gekündigt, weil derselbe, wie natürlich, Mitglied der Fortschrittsgemeinde ist. Die Indignation über diesen intoleranten Act ist in allen Schichten der hiesigen Bevölkerung allgemein, zumal 9r. Kassowitz, der — nebenbei bemerkt — Gemeinderath der Stadt Preßburg ist, auch bei dem nichtjüdischen Publikum sich allgemeiner Sympathien erfreut. In der Preßburger Zeitung veröffentlicht Herr Dr. Kassowitz einen offenen Brief an den jüd. Gesammtvorstand Preßburg, worin er seine plötzliche Entlassung damit erklärt, daß "er eine Humanitätsanstalt nicht nach den fanatisch-orthodoxen Principien des Vorstandes leiten wollte." Krakau, 19. April. (N. fr. Pr.) Heute ist in Neu- Sandec der Rabbi Halberstam gestorben, der durch ungefähr ein halbes Jahrhundert als Haupt der in Galizien weitverbreiteten Kaste der „Chassidim" die eigentliche Ursache war, weshalb trotz der allerorten sich kundgebenden Wirkungen des Fortschrittes gegenwärtig leider noch in Galizien ein bedeutender Theil der Juden sich in intellectueller und sittlicher Verkommenheit befindet. Chaim Halberstam war der Vater des in der Bann-Affaire verurtheilten jüngern Rabbis gleichen Namens. Er hat als junger Mann aus dem benachbarten Russisch-Polen den Wucherpil; des „Chassidismus" nach Galizien importirt und dergestalt verbreitet, daß nun die „Chassidim" die größere Hälfte der jüdischen Bevölkerung Galiziens bilden. Die religiös mystische Propaganda, die von dem verstorbenen „guten Jüd" ausging, und der Glaube an dessen wunderwirkende Macht haben nicht blos zur Förderung des Aberglaubens beigetragen, sondern auch in socialer Beziehung die schlimmsten Folgen für Galizien gehabt. Nun ist der Wunderrabbi in einem Alter von 84 Jahren gestorben. Der Unfug aber, dessen Mittelpunkt er war, wird wohl auch nach seinem Ableben auf dem „Heiligen Stuhle" von Neu-Sandec fortwuchern. Gewöhnlich wird vor seinem Absterben ein solcher jüd. „Heiliger" von seiner Umgebung befragt, welchem von seinen männlichen Erben er seinen „Geist" und seine Wundermacht hinterlasse. Der bezeichnet Nachfolger wird dann von den „Chassidim" sofort als „Heiliger" anerkannt. Wie uns mitgetheilt wird, sollen indessen zwischen den Söhnen des verstorbenen Wunderrabbi tumulMarische Austritte stattgefunden haben, weil jeder derselben darnach strebte, vom Vater als würdiger „Stellvertreter" designirt zu werden. Bis nun ist es noch unbekannt, wer der zukünftige Wunderrabbi in Neu-Sandec sein wird. Teplitz, im April. (Privatmitth.) Der Lenz ist da — ihm folgt der Sommer, und mit diesem suchen zahllose Kranke in Bädern die ersehnte Heilung. Deshalb versenden denn auch jetzt die auf die allgemeine Wohlrhätigkeit angewiesenen Hospitäler ihre Berichte und Gesuche, und die Pflicht auf diese das lesende Publicum aufmerksam zu machen, nimmt auch die periodische Presse in Anspruch. So liegt uns der 45. Jahresbericht des „Teplitzer Bade-Hospitals für in- und ausländische kranke Israeliten" vor. Im verflossenen Jahre wurden im gedachten