Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 18 (2.5.1876)
- Date
- 1876-05-02
- Page
- Seite 284 (sequence 4)
- Language
- German
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284 Den Mittelpunkt des ganzen Gebetcyklus, ja das Hauplstück deffelben, bilden die sg. „18 Benedictionen", riivr? rwaa, die jedoch am Sabbath und Festtag nur 7, zu Mussaph an Rosch- Haschanah ausnahmsweise 9 zahlen. Sie führen daher vorzugsweise den Titel nbsn „Gebet", und werden in jeder Gebetabtheilung mit wenigen Veränderungen wiederholt, so an jedem Wochentage dreimal, an Sabbath und Fest viermal, an Jom- Kippur fünfmal. Für Sabbath und Festtag unterscheidet sich die Thephillah von der für den Wochentag dadurch, daß sie zwar aus den drei ersten und drei letzten Benedictionen gleichmäßig besteht, zwischen diesen statt der zwölf eine Benediction, wie sie für den bestimmten Tag und den Gebetabschnitt paßt, eingeschoben ist. Diese oftmalige Wiederholung, welche durch den Gebrauch, mit Ausnahme beim Abendgebet die Thephillah erst leise von den Individuen, dann laut vom Vorbeter sprechen zu lasten, noch verstärkt ward, erweist auch ihrerseits, daß man mit diesen Gebeten ganz dem Opferritus analog eine osficielle, völlig fixirte Cultusform einsetzen wollte. Betrachten wir nun zuerst die drei Eingangs- und die drei Schlußbenedictionen, welche sammtlichen Arten der Thephillah gemeinsam sind. Die erste Benediction zählt eine Reihe der Eigenschaften Gottes auf, welche theils an die Vergangenheit und Zukunft Israels sich knüpfen, theils ganz allgemeiner Natur sind. Zuerst nämlich die Bezeichnung aus 5 Mos. 10, 17 bvwr; bsn 6m:m -nasn,ß) dann aus 1 Mos. 14, 18 ynb^bs, hieraus Gott als Vergelter alles Guten, das verschieden erklärte ban n:p, ,,der alles geschaffen" oder „dem alles zugehört" (vgl. l.Mos. 14, 19. 22.) Nach diesen die ganze Menschheit und Natur befassenden allgemeinen Attributen, folgen die nationalen, daß Er eingedenk der Thaten der Väter ist und deren Nachkommen in Liebe erlösen wird, und wird mit seinem Lobe als „Retter und Helfer und Schild" geschloffen, worauf die Benediction nach 1 Mos. 15,1 „Schild Abrahams" lautet. Man sieht, daß der von uns oben auseinandergesetzte Gedanke von der Vereinbarung des in der Geschichte und in der Natur waltenden und sich offenbarenden 6) Die Bedeutung, welche man der Aufnahme dieser Formel beilegte, ist aus Joma 69, 2 ersichtlich. Gottes hier, wie zum Eingang seinen dogmatischen Ausdruck findet. — Die zweite Benediction feiert Gott als ovin n-nv, was ebensowohl die Unsterblichkeit der Seele überhaupt, als auch das talmudische Dogma der Wiederbelebung der Todten bezeichnet. Jndeß wird dieser Gedanke nicht allein durch den Zusatz, daß Gott der allgemeine Helfer ist, generalisirt, sondern auch durch sein Lob als Erhalter der Lebenden, Stütze der Fallenden, Heiler der Kranken, Befreier der Gefangenen ergänzt. Hieran schließt die dritte Benediction, die Heiligkeit Gottes, wobei hervorgehoben wird, daß „Heilige" (Menschen und höhere Wesen) diesen heiligen Gott zu aller Zeit lobpreisen. — — Von den drei Schlußbenedictionen enthält die erste die Bitte, daß Gott die Gebete Israels wohlgefällig seien, wozu sich die gesellt, daß der Opferdienst in Zion wieder hergestellt werde, so daß die Formel lautet: „der feine Herrlichkeit nach Zion zurückbringen wird", wofür bei Ertheilung des Priestersegens gesagt wird: „dem allein wir in Ehrfurcht dienen". 7) — Die folgende ist gewiß merkwürdig. Das Dogma derselben lautet: Gott ist allgütig und der Mensch hat ihm in Freude und Erhebung Dank darzubringen. Nach kurzer Hindeutung auf die Geschichte, in welcher Gott stets „der Fels des Lebens und der Schild des Heils" für Israel gewesen, wird der Dank ausgesprochen für „das Leben, das in feiner Hand steht, für die Seele, die von ihm abhängt und für die Wunder, die Gott täglich, Abends, Morgens und Mittags für die Menschen vollführt". Diese beständigen „Wunder" werden stark betont gerade durch die Worte, welche sonst für die außerordentlichen Ereigniffe gebraucht werden, welche als Wunder bezeichnet werden "pss und “pmabs:. Hierauf werden alle „Lebenden" aufgefordert, Gott ihren Dank darzubringen. — Die letzte endlich bittet Gott um Frieden insbesondere für Israel, und spricht noch besonders den Gedanken aus, daß dieser Friede in der „Lehre des Lebens", die Gott verliehen, enthalten sei. — Schon diese sechs Benedictionen bezeugen den dogmatischen Character, welcher diesem ganzen Gebetcultus in Form und Inhalt eingesenkt worden ist. 7) “p:ib “msa, also „allein" nicht auf „wir", sondern auf Gott bezogen. 2be4>tou^| diuxc&zic&tew. Deutschland. München, 10. April. (Privatm.) Wenn am 26. v. M. in Wien das fünfzigjährige Jubiläum des Tempels weihevoll begangen wurde, so folgte ein ganz gleiches Fest der Münchener Synagoge am gestrigen Tage in solenner Weise. Da von dieser Feier nach außen hin nichts verlautet hatte, so beschränkte sie sich auf die Mitglieder der hiesigen Gemeinde. Es wurde m Verbindung mit dem Morgengottesdienste des ersten Paffahtages ein Festgottesdienst in dem festlich geschmückten Jubelgotteshause abgehalten. Nach einer einleitenden, vom Obercantor Herrn Löwenstamm componirten und gedichteten Cantate, welche von den Klängen der am Abend vorher erst eingeweihten Orgel begleitet wurde, verbreitete sich der Rabbiner Herr Dr. Perles in glänzender, edelgehaltener Rede über die Bedeutung des Tages und enttollte in kurzen, aber ftappanten Zügen die