Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 18 (2.5.1876)
- Date
- 1876-05-02
- Page
- Seite 283 (sequence 3)
- Language
- German
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283 Naturerscheinungen, z. B. Donner, Blitz, Meer, aus jede Art Genuß, z. B. einer Frucht, eines Getränks. 3) Die zweite Folge war, wie wir schon bemerkt, daß jedes dieser Gebetstücke einen dogmatischen Charakter annahm, den Gedanken dogmatisch aussprach. Es geschah dies besonders durch den Zusatz, der der Formel '77V3 (gewöhnlich mit 255377 “572 -ir-ribs«) hinzugefügt werden mußte und den Inhalt des Stückes kurz und prägnant aussprach, z. B. z'zvzn rrr.Ta ,5j',Tpn bsn ,rmrn zri" u. f. w. Daß hiermit allerdings dem poetischen Ausdruck, der das Gemüth anregenden, die Einbildungskraft entflammenden Phrase, dem geistigen Aufschwünge überhaupt nur geringer Raum gewahrt werden konnte, ist einsichtlich; und da zu jener Zeit die hebräische Sprache den kräftigen Fluß des Lebens verloren hatte, konnte, im Ganzen betrachtet, nur ein einfacher, nicht selten steifer Styl erreicht werden, der jedoch immer noch Vorzüge vor dem der späteren Peilanim besaß. Bevor wir nunmehr in diesen Gebetcyklus selbst eintreten, müffen wir zum richtigen Berständniß eine nicht unwesentliche Bemerkung voranschicken. Charakteristisch für daS Judenthum ist, daß in ihm vom Beginn an das Streben verwaltete, die Einheit, so zu sagen, des Naturgottes und des geschichtlichen Gottes zum Bewußtsein und zum Ausdruck zu bringen. Der Schöpfer des Alls, der in den Naturkrästen, die er hervorgebracht, mit den Naturgesetzen, die er geschaffen, waltet, ist derselbe Gott, welcher in der Geschichte der Menschheit seine Vorsehung bechätigt und besonders in der Geschichte Israels sich kundgethan. Es versteht sich dies im Monotheismus von selbst; aber für die Menschen, welche die höhere Stufe der Geistesentwickelung noch nicht erreicht haben, und dies ist noch heute die Mehrheit, ist diese Erkenntniß schwierig; die einen neigen sich der Auffasiung des geschichtlichen Gottes zu, kommen über die Vorstellung eines nationalen oder confessionellen Gottes nicht viel hinaus, während eine Minderzahl sich lediglich an den Gott in der Natur halten, alle Erkenntniß und Vorstellung der Gottheit aus der Geschichte von sich weisen will und von diesem Standpunkte aus freilich leicht in den Unglauben hineingedrängt wird. Gerade deshalb suchte das Judenthum beide Vorstellungsweisen zu vereinigen und im Geiste seiner Bekenner zu verschmelzen. So beginnt die heilige Schrift mit der Schöpfung der Welt durch Gott, zeigt dann Gott waltend in der Urgeschichte der Menschheit und dann in der Geschichte des israelitischen Volkes, um dieses zum Träger des Monotheismus und der diesem in Consequenz entfließenden socialen und Sittengesetze zu machen. So wird 2 Mos. 3, 14. 15 dem höchsten Gottesbegriffe rrrtK ncs 77-778 und 'n sofort hinzugefügt: „der Gott Eurer Väter, der Gott Abrahams, der Gott Jsaacs und der Gott Jakobs." 4) So wird an unzähligen 3) So heißt es Berach. 35, 1: ■pa 77:77-25 nnxb ib -iiv« “3"i3 853 75777 255377, es ist dem Menschen nicht erlaubt, etwas in dieser Welt ohne Segensspruch zu genießen. 4) Daß hierin nichts Zufälliges, sondern völlig Beabsich- Stellen der h. Schrift an die Werke Gottes in der Natur, an die göttlichen Eigenschaften, die sich in der Schöpfung und Erhaltung der Wesen belhätigen, erinnert und zwar unmittelbar nachdem von der Geschichte Israels oder von dessen Schicksalen die Rede war.5) So auch im Cultus. Wir erinnern nur daran, daß in den drei hohen Festen sich die Feier geschichtlicher Ereignisie mit der Feier der Vorgänge in der Natur vereinigte. Peßach, das den Auszug aus Egypten und die Berufung Israels zu seiner nationalen und religiösen Mission zum Inhalt hat, war zugleich das Fest des Anfangs der Getreideernte, und vom ersten Tage ab durfte erst von dem neuen Getreide gegesien werden. Schabuolh war das Fest der Darbringung der Erstlinge, der erstgereiften Früchte und mit ihm verband sich später die Erinnerung an die Gesetzgebung auf Sinai. Im Sukkorh sollte sich das Leben des Volkes in der Wüste mit rer Dankseier für die Obst-, Wein- und Oelernte vereinigen; in jenem Sinne sollten die Israeliten an diesem Feste in Laubhütten wohnen, in diesem das Fest symbolisch mir den Repräsentanten der dortigen Pflanzenwelt begehen. Man braucht endlich nur die Formel zu lesen, welche dem Israeliten beim Darbrinzen der Erstlinge und des Zehnten des dritten Jahres zu sprechen aufgezeben war, um diese Vereinigung der geschichtlichen und rer natürlichen Erkenntniß, wie sie beabsichtigt war, wahrzunehmen (5 Mos. 20, 5 :c.). Sie beginnt mir den Irrfahrten der Stammväter, dem Zuge nach Egypten, wo die geringe Anzahl zu einer mächtigen Nation ward. Sie fährt fort mit der Knechtschaft in Egypten und mit der wunderbaren Befreiung aus derselben, feiert dann, daß Gott Israel dieses Land gegeben und die Früchte aus diesem von Gott verliehenen Boden gesprosien seien,, von welchen die Erstlinge dargebracht werden. Prägnanter konnte das Bewußtsein, daß alle Gaben der Natur aus der Hand Gottes kommen, und daß dieselbe Hand die Schicksale des Volkes geleitet, bis ihm solche Früchte aus dem Boden sprießen, nicht ausgedrückt, geweckt und genährt werden. Wer nun den jüdischen Gebetcyklus richtig fasten und verstehen will, muß diesen Gedanken nicht aus den Augen lasten. In diesen Gebeten sollte immer und überall nichts Anderes ausgedrückt werden. Gehen wir nicht von ihm aus, so wäre es uns unerklärlich, wie der ganzen Maste der Individuen durch alle Jahrhunderte hindurch zu allen Tages- und Jahreszeiten, an Wochen-, Festlagen und Sabbathen Gebete auferlegt wurden, welche zum großen Theil die Geschichte der Vorzeit zum Inhalte haben und statt des Wohls und Wehs des Einzelnen die großen Ereigniffe der Nation und zwar aus längstgeschwundener Vergangenheit besprechen. ligtes liegt, ersieht man aus der Form. V. 14 heißt es: 23-58 -rnbo 77-758, und 35. 15: ... . 23-r52S -7rb8 'n 23'’58 -:nba. 5) Sehr häufig findet sich dies im zweiten Jesajas, z. B. 45, 11 :c., wo nach der Bezeichnung Gottes als bsicci5p auf das Schöpfungswerk Gottes nachdrücklich hingewiesen wird. 18*