Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 16 (18.4.1876)
- Date
- 1876-04-18
- Page
- Seite 259 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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259 noch arger malen wollten, als man die Jesuiten schildert, und die Schläge, welche jetzt auf sie fielen, auf die Juden zu lenken suchten, um selbst Ruhe zu haben. Ich muß gestehen, als ich diese Corresponvenzen gelesen, hielt ich Len Verfasser für einen verkappten Jesuiten, der seiner judenfeindlichen Arbeit nur ein liberales Mäntelchen umhängte, um sie in das liberale belgische Blatt einzuschmuggeln. Denn schließlich hat er doch nichts weiter erreicht, als das von den Feinden der Wahrheit bereitete Gift auch da zu verbreiten, wo es bis jetzt noch eine ungekannte Waare gewesen. Der „Abonnent" that daher ganz recht, daß er sich auf jene Ausrede nicht einließ, sondern ausführte, daß Alles, was jene über den Talmud gesagt, Unwahrheit und Erdichtung sei, Entstellung und Verdrehung. Um die bei den Ultramontanen zur Gewohnheit gewordene Entstellung der Wahrheit in Betreff der Juden zu charakterisiren, führt er nach Nr. 12 dieser Zeitung die Kundgebung des österreichischen Kriegsministers über die Zahl der jüdischen Soldaten im österreichischen Heere an, und weist auch auf die ebendaselbst besprochene Schrift des Kreisrichters Kolkmann hin. Der Verf. dieses Artikels hat seine Pflicht vollkommen gethan. Aber ich meine doch, daß Len weitläufigen Ausführungen jener Corresponden; gegenüber mit den Versicherungen eines Anonymus nicht genug geschehen. Hier mußte eine in Belgien anerkannte Autorität mit ihrem Namen und Gewicht eintreten. Es scheint uns, als ob dies die Sache des Herrn Großrabbinen Astruc gewesen wäre, von welchem eine bestimmt ausgesprochene Auslastung über die Unrichtigkeit aller jener Anschuldigungen gegen den Talmud weitreichend gewirkt hätte. ') -- . Eine Ordonnanz des Königs der Belgier vom 7. Februar hat den israelitischen Cultus in Belgien reorganisirt. Ofsiciell ist derselbe constiiuirt in Brüstel, Antwerpen, Gent, Lüttich und Arlon. Jede dieser Gemeinden hat — unter der Aufsicht des israelitischen Consistoriums zu Brüssel — eine Gemeindeverwaltung, die aus dem Culmsbeamten und sechs gewählten Mitgliedern in Brüstel und vier in den anderen Gemeinden besteht. Diese sechs, resp. vier Mitglieder, werden aus sechs Jahre von sämmtlichen Gemeincemitgliedern, die 21 Jahre alt, und 1 Jahr im Sprengel ansässig sind, gewählt. Wählbar sind nur die, welche mehr als zwei Jahre im Sprengel ansässig sind. Alle drei Jahre scheidet die Hälfte aus, die AusscheidenLen sind wieder wählbar. 1) Wir können unsrem Correspondcntcn nur beistiinmcn. Die Zache muß in Brüssel viel Aufsehen gemacht haben, denn wir erbiellcn in den letzten Tagen mehre Exemplare der drei Nummern deü ..Kclio du Parlement'* zugeschickt. Die Rcdaction. S eu i t Aus dem „Pfälzischen Kurier" Nr. 7 9. 80. (S. Corresp. aus Edenkoben in dieser Nummer). Die Jude« haben Zesum gekreuzigt. Eine Fastenbetrachtung. .1. F. Es ist die Ausgabe derjenigen Presse, welche in die kleinsten Hütten eindringen will, um einen Lichtstrahl richtiger Erkenntniß hineinzutragen, irrige Anschauungen zu beseitigen und Vorurtheile zu zerstören, auch wenn sie noch so alt wären, eine Aufgabe, welcher gerecht zu werden bis jetzt auch der „Kurier" nach Kräften sich bestrebt hat. Auf einem solchen im Volke tief eingewurzelten Jrrthum beruht die Annahme, daß die Juden Jesum gekreuzigt haben. Diese Behauptung ist beinahe seit zwei Jahrtausenden unzählige Male gehört worden und wird namentlich um die österliche Zeit in den Fastenpredigten und den Passionsbetrachtungen immer wieder vernommen. Millionen Christen, die, ohne zu eigenem Denken herangebildet zu sein, blos zu blindem Glauben erzogen sind, Hallen noch heute an dieser Annahme fest, die nur geeignet ist, den Haß gegen die Juden zu nähren. Aus diesem Grunde wollen wir die diesjährige Fastenzeit auch einmal zu einer Betrachtung — zu einer freilich etwas verspäteten, auch, wie wir gerne eingestehen, die traditionelle Schablone der geistlichen Fasten- und Hirtenbriefe völlig ignorirenden weltlichen Fastenpredigt über diesen Gegenstand benutzen, so weit die engen Grenzen dieses Blattes es gestatten. „Einen Wahn l e 1 o n. verlieren", sagt Börne, „macht weiser, als eine Wahrheit finden". Aber wenn man einen Wahn verloren, so hat man auch eine Wahrheit gefunden. Sehen wir uns die obige Beschuldigung an, so finden wir, daß dadurch alle Juden, ohne Ausnahme, angeklagt werden. Es wird aber wohl eines weiteren Beweises nicht bedürfen, daß vorerst nur die gemeint sem können, die damals eben gelebt haben; denn man wird doch nicht die später geborenen Juden für das verantwortlich machen, was etwa ihre Värer verschuldet haben? Haben die Deutschen i. I. 9 nach Christus unter Hermann die Römer geschlagen (eine That, die bekanntlich noch in jüngster Zeit von den Herren Ultramontanen bemängelt wurde), so wissen wir doch sehr gut, daß die jetzt lebenden Deutschen es nicht gewesen sind. So viel wird also wohl dem einfachsten Verstände einleuchten, daß die jetzigen Juden an der Kreuzigung Jesu vollständig unschuldig sind. Wie steht es nun aber mit den damaligen? Aus der evangelischen Geschichte, d. h. aus den Schriften des neuen Testaments, wissen wir, daß Jesus zum Osterfeste nach Jerusalem ging und daß ihn viel Volk mit Hosiannahrufen begleitete. Es waren dies Juden aus der Provinz, die sich ihm angeschloffen hatten in den: Glauben, er sei der erwartete Messias. Diese Juden haben ihn offenbar nicht kreuzigen lassen; man ruft doch nicht „Hosiannah" und „Kreuzige" in einem Athem. 16*