Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 16 (18.4.1876)
- Date
- 1876-04-18
- Page
- Seite 258 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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258 hier der größten Achtung erfreut, wurde zum Präsidenten der Dundeer Handelskammer gewählt. A. B. London, im Marz. Ein Jude, getauft oder ungetauft, mag er sich noch so viele Verdienste erworben und eine noch so hohe Stellung errungen haben, wird immer die Erfahrung machen, Daß man ihm seine jüdische Abkunft nicht vergißt, und sie bei Gelegenheit hervorholr, um daraus eine Schmähung oder doch wenigstens eine Sachre zu machen. Derjenige, welcher ein treues Her; für das Jucenthum hat, wird dies als nun einmal damit verbunden, und nicht den Juden, sondern die Gegner bezeichnend, hinnehmen, für den aber, welcher sich seiner väterlichen Religion abgewendet, ist es ein Stachel in seiner Seite, den er sich gefallen lasien muß. so unangenehm es ihm auch ist. Daß Obiges auch in England der Fall ist, ersahen wir dieser Tage. D'Jsraeli, der Tory, der Beschützer der anglikanischen Kirche, der Premierminister. hat bekanntlich eine Bill eingebracht, der Königin den Titel einer Kaiserin von Indien zu gewähren. Der wachsenden Opposition gegenüber hat er im letzten Moment, bei der dritten Lesung der Bill, sein wahres politisches Motiv ausgesprochen, nämlich den fortschreitenden Eroberungen Rußlands in Mittelasien gegenüber, die indischen Besitzungen Englands für einen integrirenden Theil der englischen Krone zu erklären. Demungeachtet haben die Gegner nicht Unterlasten, ihn desfalls auch mit Spott und Hohn zu überschütten. Man sagte unter Anderem: „D'Jsraeli habe als Semit eine Vorliebe für orientalischen Prunk, und gebe dem leuchtenden gelben Ocker den Vorzug vor allen Nuancen der Farbenlehre. Er setze eine Art Trumpf darauf, als Abkömmling des jahrhundertelang unterdrückten Volkes eine Kaiserin machen zu können; es sei dies ein Unternehmen, in welchem er keine Concurren; zu besorgen habe, falls nicht etwa ein Nachfolger im Amte ihn mit der Creirung eines Papstes übertrumpfen wollte." Daß der Titel Kaiser kein Product des Orients, sondern des Occidents, daß er in Rom erfunden i und von europäischen Herrschern in neuerer Zeit gern angenommen wrrd, übersieht man, um nur den Semiten hervorzukehren. l>. London, im April. (Privarmitth.) Die Gesellschaft zur Colonisirung von Palästina und Syrien, welche erst seit wenigen Monaten in England besieht und sich die Ausgabe stellt, Grundstücke im heiligen Lande aufzukaufen und dieselben mit tüchtigen Auswanderern gleichviel ob Juden oder Christen zu besiedeln, hielt dieser Tage hier eine Versammlung ab. Eigentlich hat sich die Gesellschaft noch gar nicht constituirt, sondern ihre Gründung wird erst dann Thatsache sein, wenn die zum Beginne ihrer Thatizkeit erforderlichen 50.000 Pfv.-Sterl. aufgebracht sind. Die deutschen iwürttemb.) Cclonisten Palästina's werden bei dem englischen Colonisirungsunternehmen als Vorbild dienen. Schweiz. Aarau, 3. April. iPrivatmittheil.) Daß es auf allen Gebieten, großen und kleinen, Fanatiker giebt, wer wüßte dies nicht? Wir Juden haben genugsam unter dieser Landplage des Menschengeschlechts gelitten. Neu aber ist es jedenfalls, auf einen Fanatiker gegen das rituelle Schächten zu stoßen. Der um seinen Kanton sehr verdiente Keller von Aarau ist ein solcher. Am 28. Marz fand hierselbst der neunte Congreß des Schweizerischen Thierschutzvereins stall. Alsbald brachte Landammann Keller das jüdische Schlachtversahren wieder einmal als eine arge Thierquälerei zur Sprache, und trug darauf an, diesen Gegenstand auf dem internationalen Congreß der Thierschutzvereine in Frankfurt am Main anzuregen, vorher aber Gutachten wistenschafrlicher Autoritäten einzuholen. Bekanntlich sind dergleichen.Gutachten schon sehr viele eingeholt worden; da aber die meisten derselben entschieden gegen Herrn Keller ausfielen, so hält er sie nicht für Gutachten, und verlangt nach anderen, die mehr nach seinem Sinne sprächen. Die Versammlung trat seinem Anträge bei. Hervorheben wollen wir aus den diesmaligen Verhandlungen noch, daß über die Anwendung der Bouterole zum Tödlen res Viehs doch noch sehr unangenehme Erfahrungen gemacht worden sind, so daß der Verein beschloß, vorläufig von einer obligatorischen Einführung des Verfahrens noch abzusehen, um dastelbe der Freiwilligkeit, unterstützt durch die Thierschutzvereine zu überlasten. Dieses Zugeständniß wollen wir uns doch merken. Will man doch in St. Gallen die Bouterole durchaus erzwingen! Belgien. Brüssel, 30. März. (Privatmitth.» In der Nummer des „Echo du Parlement“ vom 27. Mär; hat „ein Abonnent", wie er sich unterzeichnet, einen gut abgefaßten Artikel veröffentlicht, in welchem er zwei Berliner Correspondenzen deffelben Blattes in den Nummern vom 22. und 23. März ergänzt und berichtigt. Er bemerkt einleitend, daß sich unschwer der aufgeklärte Geist und die liberalen Tendenzen des gedachten Corresponventen erkennen ließen. Wir glauben ihm hierin, müsten aber dann das alte spanische Sprüchwort wiederholen: „Gon schütze mich vor meinen Freunden, vor meinen Feinden will ich mich schon selber schützen!" Denn der Correspondent beschreibt spaltenlang die Angriffe der Ultramontanen von Münster, Paderborn und Berlin gegen die Juden, breitet sich weitläufig über das aus, was jene gegen diese Vorbringen, zieht aus dem Pamphlet von Rohling, dem des Bonisaciusvereins und anderen dieses Gelichters aus, was dort über den Talmud gesagt, d. h. gelogen wird, und zwar mit auffallender Ausführlichkeit. Er wiederholt auch die bekannte Lüge der Ultramontanen, als ob diese, nur durch Fälschungen und Erdichtungen hervorgebrachten Jnvektiven gegen den Talmud noch niemals widerlegt worden seien, während dies doch schon ein Dutzend Male geschehen. Allerdings will der Correspcndent diesem dadurch begegnen, daß er meint, mit geringen Ausnahmen wollten die Juden gar nichts mehr vom Talmud wisten, und erklärt das Borgehen der Ultramontanen damit, daß sie die Juden