Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 16 (18.4.1876)
- Date
- 1876-04-18
- Page
- Seite 256 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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256 mäßiger Rückgang zu bemerken, aus welchem der erfreuliche Schluß gezogen wird, daß die wirkliche Armuth, von welcher ausschließlich kleine Beträge in vielen Scheinen ausgeliehen wurden, abgenommen habe, während das Institut gleichzeitig von kleineren Geschäftsleuten und Handwerkern für größere Summen erfolgreich in Anspruch genommen wurde und dadurch dem Zwecke, zu welchem es eigentlich vor 60 Jahren gegründet worden, in erhöhtem Maße gerecht werden konnte. — So wurden im Jahre 1875 nur 554 Scheine bewilligt,»eine Zahl, welche seit 10 Jahren stets überschritten worden war, obwohl die darauf ausgeliehene Summe M. 128649,60 betrug, und zwar die höchste, welche bis jetzt erreicht worden ist. Bon 1816 bis 1841 wurden ausgeliehen auf 11670 Scheine M. 1144079,40, von 1842 bis 1865 auf 19267 Scheine M. 2593947, und von 1866 bis 1875 auf 6411 Scheine M. 1155703,20. Mithin wurden seit dem Bestehen des wohlthätigen Instituts von 1816 bis 1875 auf 37348 Scheine die Summe von M. 4893729,60 ausgeliehen. — Das Capital des Instituts, welches Ende 1865 sich auf M. 64826,40 belief, hatte sich mit dem Schluffe des Jahres 1875 Lurch Legate und Geschenke auf M. 72030,45 vergrößert. Hamburg, 29. März. (Privatmitth.) In der hiesigen israelitischen Gemeinde vollzieht sich jetzt ein Sturm im Glase Waffer, wir meinen ein Stück Culturkampf. Er erweist im Kleinen, was im Großen in der Gegenwart die Geister so gewaltig aufregt, nämlich, daß überall, wo man der Hierarchie allzulang das Feld eingeräumt hat, schließlich die Bildung und das moderne Leben so gefährdet wird, daß endlich der Widerstand auch bei vorherrschender Indolenz unumgänglich erwacht. Auch hier ist das eigentliche Streitfeld — die Schule. Eine Collecte für die Talmud-Thora-Schule, welche Herr Oberrabbiner Stern seit einigen Wochen betreibt, erregt selbst in den speciell betheiligten Kreisen erhebliches Aufsehen. Die Sammlung wird mit einem angeblichen Deficit der Schulkasse motivirt: unter Hinweis auf die zahlreichen Ausgaben der Schule, welche in jüngster Zeit sehr erheblich gestiegen seien, zumal seitdem es sich darum handele, den Schülern ein solches Maß von Wissen beizubringen, daß sie die Prüfung zum Einjahrig-Freiwilligeudienst bestehen können. — Diejenigen, welchen bekannt ist, daß die in Rede stehende Schule durch Legate sehr gut dotirt ist, und daß die vom Gemeindevorstand derselben gespendete Subvention in den letzten Jahren allmälig die Summe von Crt.-M. 6000 p. a. erreicht hat, — pro 1875 ist außerdem noch ein extraordinärer Zuschuß von Crt.-M. 4000 geleistet worden, — fragen nun erstaunt, wie die Schulkaffe trotzdem zu einem Deficit kommen könne. Folgendes mag zur Aufklärung über diese etwas dunkle Angelegenheit beitragen. Es ist seit langer Zeit ein öffentliches Geheimniß, daß die Talmud-Thora-Schule hauptsächlich an ihrem Vorstande laborirt. Mit Ausnahme des Ephorus, des Herrn Oberrabbiners Stern, sind die Mitglieder des Vorstandes ledig- Kaufleute, sämmtlich sehr ehrevwerthe Männer, wohl aber t im Besitz derjenigen Eigenschaften, welche für eine leitende Schulbehörde unerläßlich sind. Nebenbei darf auch nicht übersehen werden, daß sie ohne Ausnahme der strengen Orthodoxie angehören und schon darum willig dem Herrn Oberrabbiner folgen, dessen pädagogische Erfahrungen wohl im Wesentlichen auf seine ftühere Thätigkeit als Religionslehrer in Homburg, von wo er als Rabbiner hierher berufen wurde, zurückzuführen sein dürften. So ist eS denn gekommen, daß die Talmud-Thora- Schule, welche dem Religionsunterricht und dem Unterricht im Hebräischen, als Pentateuch, biblische Exegese, Talmud-Commentare u. s. w. einen so außerordeullichen Platz eingeräumt hat, daß allein dadurch ein sehr großer Theil der Lehrstunden absorbirt wird, rücksichtlich der Realwiffenschaften und der neueren Sprachen ein ungenügendes Resultat erzielte, und daß außerdem in den letzten Jahren ein ungemein häufiger Wechsel der Lehrer für hervorragende Fächer (mit Ausnahme derjenigen Lehrer, die in den mittleren und höheren Klaffen den hebräischen Unterricht ercheileu) stattgefunden hat. Lehrern, die aus pädagogischen Rücksichten gegen gewisse, dem Zeitgeist widersprechende Anordnungen des Schulvorstandes protestirten, wurden ihre Stellungen derart verleidet, daß sie schließlich dieselben von selbst aufgaben. All' diesen Uebelstäudeu hat sich der Vorstand der deutsch-israelitischen Gemeinde, der, wie das Repräfentanteu-Collegium, zur Zeit keineswegs aus Männern der neueren Richtung besteht, nicht mehr verschließen können und auch in der Thal schon seit längerer Zeit nicht verschlossen. Als Herr Oberrabbiner Stern sich vor Kurzem Namens des Schulvorstandes wegen einer abermaligen höheren Subventton an den Gemeindevorstand wandte, hat Letzterer durchaus kein Hehl daraus gemacht, daß es der Schule vor allen Dingen an einer einheitlichen, tüchtigen LeiMng fehle; daß der Unterricht, wie er jetzt ertheilt werde, doch nur Stückwerk sei. daß die Schule trotz der großen Ausgaben den Ansprüchen der Gegenwart keineswegs entspreche. Der Vorstand mochte wohl auch besorgen, daß die Oberschulbehörde demnächst die Initiative ergreifen könne, um dem gegenwärtigen Zustande ein Ende zu machen, und daß eS deshalb doch wohl vorzuziehen sei, einer solchen Intervention aus eigenem Antriebe zuvorzukommen. Der Gemeindevorstand hat demgemäß Herrn Oberrabbiner Stern erklärt, daß es — bei aller Anerkennung seines bisherigen Wirkens und seiner Gelehrsamkeit — nun doch wohl gebotenerscheine, einen akademisch gebildeten Fach- und Schulmann an die Spitze der Schule zu stellen und diesen für die Leitung derselben ganz allein verantwortlich zu machen, wogegen dem Herrn Oberrabbiner die Oberaufsicht — und nicht bloß über den Religionsunterricht — Vorbehalten bleiben solle. Die hieraus erwachsenen Kosten bis zu jeder erforderlichen Höhe zu decken, hat der Gemeindevorstand mit Zustimmung des Repräsentantencollegiums sich ausdrücklich bereit erklärt. Dies will nun aber Herr Stern auf jede mögliche Weise verhindern,