Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-04-11 · Heft 15 (11.4.1876) · p. Seite 239

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 15 (11.4.1876)
Date
1876-04-11
Page
Seite 239 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3227069-3227085--34366-3304236
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

239 Recht liebt, eine solche Schrift wie die des vr. Deutsch liest und beherzigt, ignorirt der Deutsche, Gelehrter wie Laie, jede Schrift eines Juden und bleibt lieber in dem Schmutze eines Rohling stecken, weil dieser eben — das Judenthum schändet. Dies ist Thatsache, die mich als begeisterten Deutschen genug schmerzt, die ich aber doch nicht verschleiern kann. Durch dieses Todtschweigen jüdischer Schriften wird es auch gekommen sein, daß der unparteiische vr. Wünsche von den Gegenschriften nichts erfahren hat. In diesem Falle kann uns dies nur angenehm sein, weil es sich dadurch erweist, daß vr. Wünsche selbst aus den Quellen geschöpft hat, er uns also ein willkommener Zeuge ist. Wenn ich Sie nun ersuche, die Hauptstelle des gedachten Artikels in diesem Blatte wiederzugeben, so geschieht es aus dem Wunsche, daß dieselbe Zweiter verbreitet werde und möglichst in andere Zeitungen übergehe; aber auch aus der Ansicht, daß jetzt die Mehrzahl der Juden vom Talmud selbst nichts mehr wiffen, und bei den immer wiederholten Jnvectiven schließlich glauben mögen, es sei doch etwas Wahres an diesen. Herr vr. W. sagt: Zunächst ist die Schrift („Der Talmudjude") des Prof. vr. Rohling, auf welche sich der berezte Artikel vorzugsweise beruft, in der That nichts weiter als ein „Pamphlet". Wenn dieselbe keine Gegenschrift hervorgerufen hat, so sehen wir darin nur einen Beweis, daß die mit dem talmudischen Schristthum vertrauten Juden es unter ihrer Würde halten, auf ein so hämisches, nicht einmal auf gründlichen Studien beruhendes, sondern nur aus älteren judenfeindlichen Schriften zusammengestoppeltes Machwerk nur irgend ein Wort der Bertheidigung zu sagen. Der Christ wieder kann Rohling's Schrift nicht widerlegen, weil er die jüdischen Quellenwerke entweder nicht zu lesen vermag, oder wenn er das letztere im Stande ist, so will er es aus leicht zu erkennender religiöser Tendenz nicht. Doch zur Sache! Wenn Rohling, behauptet, den Juden erscheine jeder Christ als Feind und es sei ihm erlaubt, Unrecht zu thun, und Wucher, an Christen geübt, sei ein verdienstliches Werk, ja sogar Pflicht, mit den Christen Erbarmen zu haben, sei Unrecht; hingegen sei es erlaubt, wenn das Interesse Israels es fordert, Liebe zu heucheln, so wird diese Anklage vielfach schon durch das alttestamentliche Gebot der Nächstenliebe widerlegt, welches auch Jesus im neuen Testament als allgemein sittlichen Kanon wieder aufgestellt hat. Das alte Testament geht sogar noch weiter; es fordert nicht nur ein liebevolles Betragen gegen den Mitmenschen, sondern selbst Mitleid und Erbarmen gegen das unter der Last seufzende Thier des Feindes. Dieses mosaische Gebot der Nächstenliebe wird nun aber mit Talmud und Midrasch nicht aufgehoben; im Gegentheil, durch fast unzählige Aussprüche und Beispiele der Rabbinen wird es bestätigt, verstärkt und thatsächlich begründet. Als eine steche und schamlose Lüge muß es ferner bezeichnet werden, wenn Rohling behauptet, „das jüdische Volk habe gegen den Ackerbau ein auf den Talmud gegründetes Boruriheil, der Erwerb durch körperliche Arbeit widerstrebe seinem Nationalcharakler, nur in der äußersten Noch greife es zum Handwerk." Diese Behauptung liefert uns den Beweiß, daß Herr Rohling den Talmud nicht gelesen, vielleicht in seiner Vollständigkeit nicht einmal gesehen, sondern nur aus unsauberen älteren Schriften abgeschrieben hat. Fast alle talmudischen Gelehrten lebten von den Früchten ihrer Arbeiten, und zwar solcher, welche sie sie selbst mit ihren Händen verrichteten und zum Theile der geringsten Art. Es war ein religiöser Fundamentalsatz, daß die Wissenschaft mit einer Arbeit verbunden sein muß, darum wählte sich jeder alte Jude eine Kunst oder ein Gewerbe, um für sich und seine Familie den Unterhalt für das Leben daraus zu ziehen. Wir finden unter den angesehensten talmudischen Gelehrten Gerber, Parfümeure, Schuhmacher, Schmiede, Bleicher, Müller, Holzträger. Auch an Ackersleuten fehlte es nicht; denn es werden in den talmudischen Schriften sogar einige Methoden, die Erve zu bearbeiten, erwähnt. Als die Juden noch im Besitze ihres Landes waren, müssen sie sogar eine gewisse Abneigung gegen den Handel gehegt haben. Erst in späteren Zeilen wird derselbe von einigen Männern als gewinnbringender dem Handwerke vorgezogen. Um das Gesagte zu begründen, lassen wir folgende dem Talmud selbst entlehnte Aussprüche folgen: „Wer von seiner Arbeit lebt, ist größer als der, welcher müßig Gott fürchtet." „Eine große Sache ist es um die Arbeit, denn sie ehrt den, welcher ihr obliegt." „Schön ist das Studium mit einem bürgerlichen Gewerbe." „Der Mensch ist zur Arbeit geboren." „Die Theurung mag sieben Jahre herrschen, an die Thür eines Handwerkers wird sie nicht pochen." „Kein Gewerbe ist unnütz und keins wird je aushören. Glücklich derjenige, dessen Familie ein ehrbares Gewerbe treibt; unglücklich derjenige, dessen Familie ein niedriges Gewerbe treibt; es muß Gerber und Spezereihändler in der menschlichen Gesellschaft geben." „Besser säen, als Früchte kaufen: beeile Dich und kaufe Grundstücke." „Wer sich zum Knechte der Erde macht, d. h. wer sie bearbeitet, genießt ihren Ueberfluß." „Wenn auch die Früchte wohlseil sind, ist doch der Ackerbau dem Handel vorzuziehen; denn jenes bietet sicheres und wohlfeiles Auskommen dar." „In der Zukunft wird der Ackerbau die vornehmste Beschäftigung sein." Ein Gelehrter sagte zu seinen Collegen: „Besuchet mich nicht in den Monaten Tischri und Nisan «d. h. in den Zeilen der Weinlese und Ernte), damit ich mir den Unterhalt für das Jahr verschaffen kann." „Der König selbst ist ohne Landbau nicht König." „Der Mensch, welcher keinen Grundbesitz hat, verdient Liesen Namen nicht, denn Gott hat dem Menschen die Erde gegeben." „Wer reich werden will, beschäftige sich .mit der Viehzucht." „Verkaufe das Feld für die Schafe, nicht die Schafe für das Feld." „Wer jeden Tag seine Felder besucht, findet jeden Tag eine Münze."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.