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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-04-11 · Heft 15 (11.4.1876) · p. Seite 237

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 15 (11.4.1876)
Date
1876-04-11
Page
Seite 237 (sequence 5)
Language
German
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237 nachdem er in anderen Confessionen verheerende Wirkung genug geübt hatte. Hier aber ist es, wo wir dem unverwüstlichen religiösen Bevürfniß des Menschen, der Unzerstörbarkeit des religiösen Theils seines Wesens vertrauen müssen. Glaubenslosigkeit und Kritik vermögen die Menschen nicht lange zu befriedigen, und aus den socialen Wirren und Uebeln rettet sich zuletzt die Seele doch nur zu den Erkenntnissen und Tröstungen wahrhafter Religiosität. Und dann hüten wir uns, die Individuen nach der religiösen Seite hin zu beurtheilen. In einer Zeit wie die unsrige, kann man die Religiosität nicht blos an den äußeren Kundgebungen bemessen; und es kommt bann oft eine Gelegenheit, wo Individuen, die wir für religiös ganz gleichgültig ansahen, thatsächlich erweisen, daß sie für die Religion durchaus nicht abgestorben sind. Freilich wäre es zu wünschen, daß alle Diejenigen, welche ein aufrichtiges und warmes Herz für das Zudenthum haben, sich vielmehr anstrengten, Len religiösen Jndifferentismus zu bekämpfen. Durch vereinigte Kräfte könnte hier viel geschehen. Die Hauptsache ist die häusliche Erziehung der Jugend. Wenn in zahllosen Häusern nicht blos das religiöse Leben, sondern auch der religiöse Geist gänzlich geschwunden, wenn die Kinder die Lippen der Eltern niemals von einem Gebete, niemals von einer Erinnerung an die Religion bewegt sehen, und selbst dann, wenn, wie an den höchsten Feiertagen, der Religion der Eintritt auf einen Moment gewährt wird, dies mit geringem Interesse, gewissermaßen mit vornehmer Kälte geschieht — dann kann man sich nicht wundern, daß das aufwachsende Geschlecht das Dasein der Religion fast so gut wie übersieht. Wir glauben hiermit mit der größten Objectivität die an die Spitze gestellte Frage beantwortet zu haben. Trotz der vorhandenen zersetzenden Momente, die in der Neuorthodoxie und im Jndifferentismus liegen, ist das Judenthum von aller Zersetzung fern, und nicht in einer solchen, sondern in einer gesunden normalen Entwickelung begriffen, wie sie ihm durch die Bildung des Geistes und die Ausgleichung mit der Cultur auferlegt ist. Literarischer Wochenbericht. Bonn, im März. Die Mißhandlungen, denen man in unserer Zeit die Bibel aussetzt, die Spitzfindigkeiten, für die man auf dem Boden der h. Schrift einen freien Spielraum zu haben sich einbildet, mehren sich von Tag zu Tag. Wie man in früheren Zeiten das Bibelwort für alle mögliche Mystik mißbrauchte, und in dasselbe das barockeste Zeug hineindemonstrirte: so ist es jetzt die Kritik, die ihr Unwesen mit ihm treibt. Bald dieser, bald jener macht sich eine Hypothese zurecht, die ihm natürlich für eine unzweifelhafte, doch aber erst durch ihn entschleierte Wahrheit gilt, und wenn nun der Schrifttext undankbar genug ist, sich der neugebackenen Idee nicht fügen zu wollen, so wird er dermaßen umgestaltet, verschoben und durchstrichen, bis er allenfalls gehorsamer geworden; oder man ruft die etymologisirende Kunst zur Hülfe, und schafft auf Wegen und Umwegen aus allen möglichen Sprachen Bedeutungen der Wörter herbei, an die sonst Niemand gedacht, und welche auf's Klarste die erdachte Hypothese erweisen sollen. Doch dies schadet nichts. Wir hoffen, daß aus diesem Uebermaß eine Reaction entstehen werde, welche rem gesunden Menschenverstände, der richtigen Sprachenkunre und der vernünftigen besonnenen Kritik wieder zur Herrschaft verhilft. — So erhielten wir jüngst aus Paris: Memoire sur le texte primitif du 1er recit de la creation (Genese ch. I—II. 4), suivi du texte du pretnier recit par M. Gustave d'Eichthal. Paris, Sandoz et Fischbaclier. 1S75. Der Verf. findet einen Widerspruch zwischen B. 1, 3 und 7, weil er nicht einsieht, daß V. l einleitend die Hauptidee voranstellt, welcher nun von V. 2 an die nähere Ausführung folgt. Er findet, daß der Wechsel von Tag und Nacht, bevor die Gestirne vorhanden sind, auffällig; weil er eben nicht weiß, daß die Alten sich Licht und Finsterniß gar nicht zunächst durch den Auf- und Niedergang der Sonne bewirkt, sondern selbstständig Lachten, so Laß die Sonne vielmehr nur der Führer des Lichts sei und zwischen Licht und Finsterniß „unterscheidet" (vgl. Hiob 38, 12—15. Hesiod Theog. 748 :c.). Er meint endlich, baß die jetzige Ordnung im 1. Kap. der Genesis erst von Esra so getroffen worden, um dem Parsismus, der bekanntlich einen Gott des Lichts und einen Gott der Finsterniß lehrte, Opposition zu machen, etwa wie man das von Jesajas 45, 7 meint; obschon in der Schöpfungsgeschichte wohl das Licht, aber nicht die Finsterniß von Gott geschaffen wird, indem diese sich einstellt, wenn jenes verschwindet. Aus diesen Gründen wollte nun der Verfasser sich für berechtigt ansehen, das 1. Kapitel der h. Schrift völlig umzuwanbeln, die Verse willkürlich zu versetzen und Einiges sogar zu streichen. Daß man auf diese Weise alles Mögliche zusammenbrauen kann, fiel dem Vers, nicht ein. Seine Gründe stehen, wie wir kurz angedeutet haben, auf sehr schwachen Füßen, weshalb wir uns nicht bewogen fühlen, hier noch näher darauf einzugehen, und verweisen wir vielmehr auf eine ausführliche, mit A. D. Unterzeichnete Recension in den „Gotting, gel. Anzeigen 1875. St. 29", welche Zeitschrift jetzt von den krausen Ideen des alten Ewald befreit ist. — Derselbe Recensent bespricht auch eine umfängliche Schrift: „Die Erzväter der Menschheit. Ein Beitrag zur Grundlegung einer hebräischen Alterthumswiffenschaft von Pr. Julius Grill, Diaconus in Calw. Erste Abth.: Zur Methode der urgeschichtlichen Forschung. Die ersten Menschen. Leipzig, Fues Verlag. 1875." Herr Grill, der übrigens seine umfassende Sprachkenntniß bereits in früheren Schriften erwiesen hat, leidet in der genannten Schrift an mannigfachen Grillen. Zunächst behauptet er, daß die Israeliten eigentlich gar keine Semiten gewesen, sondern Arier, die sich erst später zu den hebräischredenden Semiten geschlagen hätten. Und

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