Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 15 (11.4.1876)
- Date
- 1876-04-11
- Page
- Seite 236 (sequence 4)
- Language
- German
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236 ein fester, unverwüstbarer Kitt gewesen, so lange die Inden ausgeschloffen waren vom allgemeinen Leben. Unter den neuen Bedingungen und in der großen Wandelung war es unmöglich, ihn zu bewahren. Es war eine Existenzfrage für die Juden und für das Judenthum. Gerade aus diesem Gesichtspunkte wird uns der Evtwickelungsgang vollkommen verständlich und es zeigt sich auch hier, daß eine normale Reform wahrhaft conservativ ist, wahrend die Stabilität, die sich conservativ dünkt und nennt, auf die Dauer zerstörend wirkt, und falls sie zur Reaction d. h. zum kämpfenden Widerstand wird, einen revolutionären Charakter annimmt. Wir haben schon oben bemerkt, daß bei einem solchen Entwicklungsproceffe und einer Uebergangsperiode auch die zersetzenden Momente nicht fehlen. Es kommt darauf an zu erkennen, wo sie liegen und welcher Art sie sind. Die stabile.Orthodoxie verhält sich passiv; sie flößt in ihrer Consequenz Achtung ein; man kann sie nicht als intolerant verschreien; es kommt auf Zeit und Umstände an, wie lang sie ihr Dasein fristet. Anders aber ist es mit jener Neuorthodoxie, welche, soweit es ihr paßt, sich der Früchte der Culturbewegung und der Resormbestrebungen bedient, aber die Waffen gegen diese erhebt, und wie es bei allen ultramontanen Parteien geschieht, Waffen der Verketzerung, Verdächtigung und Schmähung. Es kann nicht anders sein; wo eine Partei behauptet, daß Alles, was außer ihr ist, die Unwahrheit und das Unheil enthält, daß sie allein die Wahrheit und das Heil besitzt, daß die letzteren in der Unfehlbarkeit ihrer Vorschriften, Satzungen und Gebräuche liegen: da ist von selbst die Verdammung und die Verketzerung jedes anderen Weges, jeder anderen Meinung, und was schlimmer ist, der Drang nach Alleinherrschaft, nach gefügiger Unterordnung Aller gegeben: da ist aber auch die bürgerliche Gleichstellung in sehr wesentlichen Theilen, jede höhere wiffenschaftliche Bildung, jeder freie Athemzug res Geistes ein Widerspruch, eine mehr oder weniger übertünchte Lüge. Daher ist diese Neuorthodxie ein zersetzendes Element für ras Judenthum. Sie stört nicht allein, soweit sie es vermag, jede gesunde Entwickelung und Gestaltung, sie vergiftet auch die Kanäle des inneren Lebens, sie führt ein so widerwärtiges Schauspiel auf, daß sie Viele von denen zurückscheucht, welche sich dem religiösen Leben und Geiste wieder nähern wollen. Praktisch zeigt sich denn auch diese zersetzende Kraft der Neuorthodoxie in dem, was seit dem Falle Jerusalems die Grundlage des jüdischen Bestandes bildete, im Gemeindeleben. Da sie in der Gemeinde die Oberhand durch die Majorität nicht erlangen kann, strebt sie mit zelotischem Eifer die Gemeinde zu sprengen; sie bildet Separatgemeinden, und in den Ländern, wo die jüdischen Gemeinden eine gesetzliche Verfaffung haben, will sie diese vernichten, und jammert so lange an den Pforten der gesetzgeberischen Factoren, bis sie es erlangt hat. So in Preußen, in Württemberg, in Baden, mit bald größerem, bald geringerem Erfolge. Sie weiß sehr wohl, daß mit der Verkümmerung des Gemeinvelebens der Entwickelung, aber auch dem Bestände des Judenthums große Schwierigkeiten und Nachtheile geschaffen werden. In ihrem zelotischen Egoismus kümmert sie sich hierum nicht. Ändeß kann sie sich doch irren. Solche feindliche Demonstrationen rufen oft eine heilsame Reaction hervor, welche, um dieses zersetzende Moment zu überwinden, bisher zerstreute Kräfte nachdrücklich vereinigt. Aber auch von einer anderen Seite ist ein solches nicht zu verkennen: es ist dies die religiöse Gleichgültigkeit, der religiöse Jndifferentismus, ein passives, aber darum doch nachtheiliges, ja gefährliches Moment. Die Religion einer Minorität, noch dazu einer in so zahllose kleine Gruppen zertheilten, bedarf des regsten Antheils Aller, wenn auch nicht, um zu existiren, doch um wirksam zu sein, abgesehen davon, daß zahlreiche Individuen, die an jenem leiden, in geistiger und sittlicher Beziehung nachtheilig beeinflußt werden. Allein auch dieses Moment lag und liegt in der Natur der Dinge. Das neue Berhältniß der Juden begann in einer Zeit, wo alle menschlichen Beziehungen eine ausnehmende Entwickelung, einen ungewöhnlichen Aufschwung nahmen. In früheren Zeiten war die große Maffe des Volkes lediglich mit ihren materiellen und kirchlichen Angelegenheiten beschäftigt; alles Jntereffe vereinigte sich auf diese beiden. Ganz besonders war dies mit dem alten Juden der Fall. Anders ist es in unserer Zeit geworden. Das politische Jntereffe hat alle Menschen bis in die kleinste Hütte ergriffen; die Bildung ist ein Gemeingut geworden und verlangt und bringt die mannigfachsten anregendsten Kenntniffe; die Wiffenschaft ist popularisirt, und hiermit sind die Augen Zahlloser auf sie gerichtet. Aber selbst der tägliche Erwerb, das Gewerbe ist nach allen Seiten hin complicirter geworden, und nimmt die Kräfte des Menschen in einem Umfange in Anspruch, wovon man früher keine Ahnung gehabt. Mit der Verfeinerung der Bedürfniffe ist endlich auch die Genußsucht gesteigert, und in früher davon unberührten Kreisen der Geschmack an zerstreuenden Vergnügungen ungemein gewachsen. Wie mußte durch alles Dies das religiöse Bedürfniß, der religiöse Sinn in den Hintergrund gedrängt werden! Man darf nicht zu scharf verurtheilen: der moderne Mensch wird, sobald er in's Leben tritt, in eine Welt versetzt, die ihn nach allen Seiten hin abzieht, der er gerecht werden muß, wenn er in ihr existiren will, und die ihm für die höheren Fragen des Menschen, für die Sammlung des Geistes, für die Vertiefung des Gemüthes wenig Raum und Gelegenheit bietet. Hierzu kömmt, daß die Richtung der Wiffenschaft und allgemeinen Bildung der Religion eher abals zugeneigt ist. Der Druck, den die orthodoxen Kirchen in allen Religionen allzulang und allzuschwer auf die Geister ausgeübt, hat diese mit einer extremen Kritik und einer gewiffen Feindseligkeit auch gegen die Religion, die man nicht genug von den Kirchen unterscheidet, und gegen alle religiöse Autorität, wie sie doch selbst die Geschichte der Menschheit den vergänglichen Geschlechtern auferlegt, erfüllt. So ist der Jndifferentismus auch in die Reihen der Juden gedrungen,