Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 15 (11.4.1876)
- Date
- 1876-04-11
- Page
- Seite 235 (sequence 3)
- Language
- German
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235 belebt unv neugestaltet und ist noch heute aufs Lebhafteste hiermit beschäftigt. Sie hat keine derselben ausgegeben; vielmehr gründet sie diese aller Orten von Neuem, wo sie fehlten; sie bringt zu diesem Zwecke große Opfer. Sie hat sie nach Wellgegenden verpflanzt, wo sie früher, weil Juden daselbst gar nicht existirlen; in Amerika und Australien sprießen sie wie aus dem Boden hervor, also in Welttheilen, wo äußerliche Momente auch nicht die geringste Einwirkung haben. Der Beispiele, wo jüdische Gotteshäuser als solche verlaßen worden, kennen wir noch nicht ein halbes Dutzend und die Ursache war daselbst, daß die Juden den Ort verlassen hatten. Hiermit ist schon ein beträchtlicher Theil unsrer Frage entschieden beantwortet. Denn daß bei einer reformistischen Entwickelung sich Verschiedenheiten im Detail Hervorthun, Specialsragen erörtert und verschieden beantwortet werden, man hier dem Alten strenger treu bleibt, dort weiter geht, hier die Mitte hält, dort zu weit geht, ist natürlich und von keiner Bedeutung. — Die zweite Frage ist positiver Natur. Hat diese reformistische Richtung auch innere Momente, verfolgt sie wirklich den Weg geistiger Entwickelung, ohne das Wesen und den Zweck des Judenthums zu alteriren? Wir bejahen dies mit voller Ueberzeugung. Der Zweck des Judentbums ist: die monotheistische Gotteserkenntniß durch alle Zeiten der Menschheit, allen dieser entgegengesetzten Momenten gegenüber, fort und fort zu bekennen und zu bezeugen, die monotheistische Gotteserkenntniß mit ihren sittlichen und socialen Consequenzen. Diesen Zweck spricht schon die Thora aus, und einen anderen vermögen wir nicht in dem ganzen weltgeschichtlichen Verlaufe zu erkennen, sowohl während des Bestandes als Staat, als auch in der Zerstreuung. Das Wesen des Judenthums ist, daß es eine ursprüngliche, ununterbrochen von Geschlecht zu Geschlecht überlieferte, Verstand, Herz und Glauben in Uebereinstimmung hallende Religion ist. Nun, alle Kundgebungen der reformistischen Richtung sind von diesem Zweck und Wesen des Judenthums erfüllt, bringen sie mit Begeisterung zum Bewußtsein, erfrischen und verjüngen sie in den Geistern. Das positive Streben der reformistischen Richtung ist daher einerseits die Gottesverehrung aus dem Boden des überlieferten Judenthums mit der Culturbewegung und Geistesentwickelung in den Bekennern des Judenthums und für sie zu vereinbaren und auszugleichen, andererseits auf demselben Boden des überlieferten Judenthums den Gedanken- und Lehrinhall des Judenthums zu neuer Lebenskraft zu befruchten, und ihn von veralteten unv abergläubischen Ansichten, wie sie theils schon früher von außen her, theils im Mittelalter aufgepfropft worden, zu reinigen und mit dem lautern Geiste der Thora und rer Propheten zu durchdringen. Es sind dies wahrlich keine Phrasen, sondern ganz thatsächlichen Inhalts. Weit entfernt davon, kindliche Anschauungen kindlich beschaffenen Geschlechtern zum Vorwurf zu machen, gebührt es doch dem entwickelten Geiste Rechnung zu tragen und ihm nicht mehr aufzudrängen, was ihm zu ertragen unmöglich ist. Dies ist es gerade, was die Zersetzung in allkirchliche Parteien hineinbringt, wenn sie den Geistern gewaltsam als unbedingtes Heil und unfehlbare Wahrheit verschreiben wollen, was diese mit Verstand und Gemüth, mit ihrem ganzen innern Wesen trotz aller Pietät verwerfen müssen. Die lautere Anschauung von Gott kann z. B. mit jener alten Vergeltungslehre, wie sie schon im Hiob bekämpft und beseitigt worden, im Talmud aber ganz criminalistisch-juridisch entwickelt wird, *j nicht bestehen. Die Auferstehung der Todten, die Idee eines persönlichen Messias und die Wiederherstellung der blutigen Opfer widersprechen dem entwickelten Geiste so sehr, daß er sie feftzuhalten keineswegs vermag. Der sittliche und sociale Inhalt des Judenthums war vor dem halachischen Element so sehr zurückgetreren, daß er der Wiederbelebung, der Zurücksührung auf die principielle Grundlage und der nachdrücklichsten Betonung seines Werthes durchaus bedurfte. Ja selbst der ceremonielle Theil der Religion hatte eine neue Vergeistigung, bas Licht des Bewußtseins in der Masse nothwendig. Die« Alles als das positive Streben der reformistischen Richtung zeigt unwiderlegbar, daß es sich hier um eine fruchtbare Entwickelung handelt, welche nicht zerstören, sondern aufbauen, nicht zersetzen, sondern neu verbinden und organisiren, nicht tödten, sondern beleben will. Fügen wir ' hinzu, daß durch das Bedürfniß und die Tendenz derselben die Kenntniß und Erforschung der Geschichte des Judenthums geweckt und kräftig gefördert wurde, da der historische Sinn selbst dem jüdischen Schriftthum vollständig abhanden gekommen war. Für alle diese Erscheinungen lag geradezu die Nolhwendigkeit vor. In den letzten Jahrhunderten, wo die Juden nicht mehr verfolgt, nicht mehr mißhandelt, aber schlecht behandelt wurden, war das Judenthum innerlich und äußerlich stabil geworden. Es war dies auch eine Folge der letzten und schließlichen Codisicirung im Schulchan - Aruch, welche nicht blos der bestimmten Vorschrift der Thora, sondern auch dem Geiste des Talmud widersprach, weil dadurch jedes flüssige Leben in der Tradition vereiste, und das Product sich den Charakter der Unfehlbarkeit aufprägte. Jetzt aber rüttelte der Geist der Cultur an den Thoren des Ghetto. Er drang nicht allein unvermerkt hinein, sondern riß auch die Mauern desselben nieder und versetzte die Juden mitten auf die Wege des allgemeinen Lebens. Hier galt es entweder zum Helotenthume herabsinken und untergehen, oder sich der Culturbewegung hingeben, sich mit ihr amalgamiren, die Chedarim verlassen, sich Kenntnisse, gesellschaftliche und wissenschaftliche Bildung aneignen und in allen Laufbahnen nach den allgemeinen Bedingungen vorwärts streben. Den Juden war hiermit eine Aufgabe gestellt, wie noch niemals im Laufe ihrer Geschichte, bedeutsamer und schwieriger noch, als nach dem Falle Jerusalems. Mit den Juden aber war auch dem Judenthume dieselbe Aufgabe gestellt. Das mittelalterliche Judenlhum war 1) ©. die ausführliche Darstellung in unseren „Weltbewegende Fragen", Band II, S. 401 :c.