Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 15 (11.4.1876)
- Date
- 1876-04-11
- Page
- Seite 234 (sequence 2)
- Language
- German
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234 daß in einem mit Rumänien abzuschließenden Handelsverträge des deutschen Reiches eine solche die deutschen Juden betreffende Ausschließungsklausel nicht ausgenommen, sondern die volle Reciprocität für alle deutschen Staatsangehörigen ohne confessionelle Unterscheidung gewahrt werde. Ich kann behaupten, daß die Anzahl deutscher Staatsangehörigen jüvischer Religion, die in Rumänien zu verweilen hätten, nur sehr gering ist und sein wird. Aber es gilt für uns die Vertheidigung eines Princips, welches uns das theuerste und werthvollste geworden ist, ohne confessionelle Berücksichtigung dem Baterlande anzugehören, und von demselben also behandelt zu werden. Der ich rc." Findet eine Zersetzung im Äudenthume statt? Evangelische Kirchenzeitungen, wenn sie, was ihnen oft begegnet, über das Judenthum handeln, weisen, den Zuständen in der christlichen Kirche gegenüber, mit großer Befriedigung, wie es scheint, und zu ihrer eigenen Beruhigung darauf hin, daß auch im Judenthume Zeichen und Elemente der Zersetzung vorhanden seien. ES versteht sich, daß sie für diese Behauptung die beiden sich entgegenstehenden, und nicht selten auch sich bekämpfenden Richtungen, die orthodoxe und die reformistische, anführen. Ob das Bestehen zweier solcher Richtungen an sich schon eine Zersetzung genannt werden könne, bleibt fraglich. Aber auch in jüdischen Kreisen spricht sich bisweilen eine solche Ansicht aus, und scheint daselbst wie ein von innen heraus sich kundgebendes, unmittelbares Gefühl zum Vorschein zu kommen. Es ist daher wohl eine Pflicht, diese Meinung genauer zu prüfen, um der etwaigen Gefahr schärfer in's Auge zu schauen. Das Bewußtsein über einen bedrohlichen Zustand legt eher die Mittel klar, ihn zu bekämpfen und weckt leichter den Eifer der Berufenen. Bor Allem aber bedarf es hierbei der Erwägung ohne jede Parteirücksicht, ohne von irgend einem Parteistandpunkte auszugehev. Sonst würde man auch sehr leicht mit der ganzen Frage fertig sein. Die sg. Orthodoxen werden einfach sagen: diese Zersetzung des Judenthums kommt von der reformistischen Richtung und Partei, denn sie hat von den alten Satzungen und Bräuchen so Vieles aufgegeben, daß ein Halt nicht mehr gegeben werden kann. Und doch wäre Nichts falscher als dies. Bor einem Jahrhundert war die ganze Judenheil noch streng orthodox. Woher ist also die reformistische Richtung gekommen? Doch nur aus dem Schooße der Orthodoxie selbst, da sie sonst gar nicht möglich gewesen wäre. Die Zersetzung wäre also in der Orthodoxie selbst gewesen und hätte da ihren Heerd gefunden. Und wenn die reformistische Richtung sich, wie das letzte halbe Jahrhundert erweist, immer weiter verbreitet, und die orthodoxe Masse immer mehr zusammenschmilzt, aus ihrer eigenen Mitte mit jeder Generation mehr Anhänger der anderen hergiebt: so könnte der Proceß der Zersetzung, faßt man ihn so äußerlich, nur in der Orthodoxie selbst vor sich gehen. Das Uebel ist, daß man, wie überall, so auch hier mit Worten willkürlich um sich wirft, ohne den rechten Begriff derselben zu faffen und festzuhalten. In allen menschlichen Angelegenheiten muffen Entwickelung und Zersetzung auseinandergehalten werden. Entwickelung findet da statt, wo aus einem Allbestehenden, ohne das Wesen desselben, ohne dessen Kern- und Mittelpunkt zu alteriren, ohne dessen Grundlage und Zweck aufzugeben, eine neue Gestaltung unter dem Einflüsse bedeutender, gar nicht hinwegzuräumender und wohlthätiger Factoren vor sich geht, beabsichtigt und bewirkt wird. Zersetzung hingegen ist die Auflösung eines Bestehenden, die Zertheilung seiner Elemente, das Ersterben seiner Lebensgesetze und Lebenskräfte, so daß sich seine Theile nach allen Winden zerstreuen. Dies ist auch der Kern unsrer Frage. Findet die erstere oder die letztere im Judenthume statt? Natürlich ist von vornherein zu constatiren, daß jede Entwickelung eine Uebergangsperiode mit sich bringt, in welcher die Dinge, die alte und die neue Schöpfung, noch sehr schwankend erscheinen; und ebenso daß, wenn ein Altbestehendes in neuen Fluß geräth, auch mancherlei kleinere Theile in allzuschnelle Bewegung kommen und über das Ziel hinauslausen. Wir sehen daher in der neueren Zeit auch Juden, welche innerlich oder auch äußerlich das Judenthum verlieren, sich dem Unglauben in die Arme werfen und selbst zu den Feinden des Judenthums und aller positiven Religion übergehen. Diese sind es eigentlich, welche die Meinung einer Zersetzung hervorzurufen pflegen und gewissermaßen anschaulich machen. Aber deren Anzahl ist verhältnißmäßig doch nur so gering, daß sie gegen die Gesammtheit nicht in Anschlag gebracht werden können, und, wie gesagt, solche Erscheinungen sind von einer Entwickelung gar nicht zu trennen, können aber für diese kein Charakteristikum abgeben. Ohne dieses letztere Moment übersehen zu wollen, behaupten wir, daß im Judenthume keine Zersetzung, sondern eine Entwickelung statt sin der, und daß diese gerade den Fortbestand des Judenthums sichert. Dies ist es, was wir zu beweisen haben. Wir heben zu diesem Zwecke die negative Seite zuerst hervor. Seit der Zeit der Zerstreuung galt es überall als Zeichen des lebendigen Judenthums, wenn Synagoge, Schule, Friedhof und Wohlthätigkeitsanstalten von den jüdischen Ansiedlern geschaffen, von den jüdischen Bewohnern eines Ortes erhalten, mit Opfern erhalten wurden. Die Frage ist einfach nun: hat die reformistische Richtung diese Beweise des thatkrästigen Judenthums aufgegeben, oder läßt sie dieselben in Verfall gerathen? Das wäre in der That ein Zeichen der Zersetzung. Aber gerade das Gegentheil fand und findet statt. Alle diese Institutionen waren unter dem Einflüsse der orthodoxen Stabilität bei deren Zusammenstoß mit der in den Juden erwachten Geistes- und Culturbewegung in Verfall gerathen. Die reformistische Richtung hat sie aus diesem Verfall erlöst und gerettet; sie hat sie neu-