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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-04-01 · Heft 14 (1.4.1876) · p. Seite 228

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 14 (1.4.1876)
Date
1876-04-01
Page
Seite 228 (sequence 12)
Language
German
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228 Seitdem die Juden Rigas beim Fürsten durch Neumann vertreten waren, war natürlich die Macht des Polizeimeisters gebrochen, und dessen Revenuen ziemlich verringert. Ohne je über den Polizeimeister beim Fürsten Klage zu führen, verstand es N. allen Ungerechtigkeiten der Polizei Schach zu bieten. Grün war oft in Berzweistung, aber wagte es nicht in Gegenwart des Fürsten N. durch ein Wort nahe zu treten; dagegen hatte er überall seine Spione, vie ihm über jeden Schritt beim Fürsten, über jede Eingabe N.'s Bericht abstatteten. — Jedes Mal, wenn etwas zu Gunsten der Juden durch die Kanzlei dem Fürsten vorgelegt werden sollte, hatte N. immer eine Plänkelei mit Grün zu bestehen. In der Armee bestand das Gesetz, daß den jüdischen Soldaten statt zusammen mit den andern zu essen, auf ihr Verlangen Gelb ausgezahlt werde, damit sie nach jüdischem Ritus die Speisen sich bereiten könnten. — Obgleich das Gesetz schon 25 Jahre bestand, konnten die jüdischen Soldaten nie die Erfüllung desielben erreichen. Bon welcher Wichtigkeit aber diese Erfüllung des Gesetzes für das ganze Judenthum war, werden wir spater erfahren, wo wir das ganze Leben der jüdischen Soldaten in der russischen Armee näher zu beleuchten haben werden. Von vielen Militärbezirken gelangten die Bitten der jüdischen Soldaten an N., daß der Fürst für die Erfüllung des genannten Gesetzes einschreiten möge. In einer musterhaften Eingabe an den Fürsten verlangte N. die Durchführung des Gesetzes für die in den Ostseeprovinzen garnisonirenden Truppen. — Genehmigt der Fürst, so dachte N., seine Bitte für die in seinen Provinzen sich befindenden jüdischen Soldaten, so ist das Beispiel auch für die andern Provinzen maßgebend. Grün erfuhr von diesem Bittgesuch, welches zur Begutachtung nach der Kanzlei wunderte. Er lauerte 9i. auf, wenn er zum Director gerufen wurde, um näher die Sache zu erklären, und in Gegenwart aller Beamten greift er ihn mit den Worten an: „Was wollen Sie wieder für die Nichtsthuer, die jüdischen Soldaten. Die haben ja schon ihren Schabbes, ihre Feiertage, was die christlichen Soldaten nicht haben." — Auf allen Gesichtern der Beamten war der Unwille zu lesen über diese plebeische Herausforderung gegen den Seligen. — „Sehen Sie, Herr Polizeimeister," antwortete ihm dieser, „unser Kaiser ist gerecht, sehr gerecht. Der christliche Soldat kann" — indem er ihm auf die Schulter klopfte — „vom Gemeinen, Unterosficier, Ofsicier, ja selbst Obrist werden, was dem Juden nicht erlaubt ist. Habt Ihr das Ervenreich, sollen die Juden das Himmelreich haben." Die schadenfrohe Heiterkeit der anwesenden Beamten benahm Grün jede Antwort und jede weitere Einwendung gegen die besagte Vorlage. — In Riga war bald darauf eine besondere Küche eingeführt für die jüdischen Soldaten, und fand Nachahmung in dem größten Theile der Garnisonen des Reiches. — Die Zurechtweisung Grün's durch N. war bald der ganzen Stadt bekannt, die hanseatischen Judenfeinde schäumten vor Wulh. Grün sann auf Rache, und fand sie, indem er gleich darauf eine große nächtliche Judenhetze anstellte. — Ueber 80 Personen ließ er nach dem Thurm schleppen. — Dem Fürsten waren derartige Schritte der Polizei in der Seele verhaßt, denn schon damals hielt er alle Gesetze der Domicileinfchränkung für geradezu unsinnig und' dem Staate geradezu Schaden bringend. Er durfte aber offen dagegen nichts unternehmen, und stand es nur in seiner Macht die zu befreien, die wegen Legitimationsfehler verhaftet wurden. — Die Verhaftung verhindern konnte er nicht. N. behelligte den Fürsten nie mir diesen Plackereien, da die Polizei die Jnhastirten gewöhnlich gegen gute Worte selbst befteite. — Dieses Mal machte aber die Polizei Ernst. — Die Jnhastirten sollten aus Riga in ihre betreffenden Gouvernements transportirt werden. —N. wollte sich grundsätzlich in diese Angelegenheiten nicht mischen. — Aber der Zufall wollte es, daß er dem Fürsten auf der Straße begegnete. Der Fürst läßt halten und nöthigt N. in den Wagen. „— Ich fahre nach dem Gefängniß," sagte der Fürst, „und sie fehlen mir gerade." — Dort angekommen, ist seine erste Frage: „Sind viele Hebräer hier?" Aus dem überreichten Rapport ersieht er die Anzahl der Jnhastirten, und die Ursache ihrer Festnehmung. — „Das sind ja nur zwei, die sich mit Betteln beschäftigt haben; die andern haben sich, nach dem Rapport zu urtheilen, mit Handwerk und Kleinhandel ernährt. — Lauter arme, aber ehrliche Leute, wovon sollten ihre Familien leben, wenn sie eingekerkert sind? Man führe mir nur die beiden der Bettelei beschuldigten vor." — Die unterdessen erschienene Polizei mit dem Meister an der Spitze, stand wie niedergeschmettert da. — Die beiden Bettler wurden vorgeführt. — Beim Anblicke der beiden Unglücklichen wendete sich der Fürst zu N. — „Nun sagen Sie doch, Herr Doctor, meinen Freund Aron haben sie eingesperrt. —' Er sieht mir aber jetzt zu angegriffen aus, wie auch der andere, man möge sie daher beide nach dem Hospital bringen, wo sie gut verpstegt werden." — Solche Akte der Gerechtigkeit und Humanität von Seiten Suworof's gegen die Juden konnte ihre Wirkung auf die Bevölkerung nicht verfehlen. — Die Juden, von innen durch Wort und Thal des Seligen gestärkt, fühlten auch schon in den Anfängen der Fünfziger Jahre, daß es anders geworden, wie sie selber sagten. — Was Wunder?! Das Beispiel von oben war maßgebend. „Nehmen wir die Juden in unsere Gesellschaft auf, wollen wir sie zu Aemtern zulassen, sie werden nicht allein unser Vertrauen rechtfertigen, sondern auch unsere Freundschaft sich erwerben!" Solche und ähnliche Gedanken mußten unwillkührlich allen Gutdenkenden sich aufdrängen, wenn sie sahen, daß ein Fürst vom höchsten Adel des Reiches, hochgeschätzt und geliebt von seinem Monarchen, und von Groß und Klein in seinen Provinzen verehrt. wenn sie sahen, daß Suworof sein volles Zutrauen, ja seine Freundschaft dem Rabbiner schenkte. (Fortsetzung folgt.)

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