Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-04-01 · Heft 14 (1.4.1876) · p. Seite 227

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 14 (1.4.1876)
Date
1876-04-01
Page
Seite 227 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3227069-3227084--34353-3304222
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

227 auch die Erfüllung dieser, von ihm ausgesprochenen Hoffnung selber noch erlebt. Denn was die Militärpflichtigkeil betrifft, sind die Juden vollständig Len andern Bewohnern gleichgestellt, und rer Kaiser selbst erhob unlängst 2 Juden in den Officiersrang. — Wie sah es aber gerade mit der Rekrutirung der Juden vor 23 Jahren aus? Abgesrhn von allen andern Einschränkungen, war der unerklärliche Mißbrauch gebilligt, Kinder von 10 Jahren ab, als Rekruten statt Erwachsener auszuheben. In dem Anfänge der fünfziger Jahre, herrschte eine förmliche Willkür bei diesen Aushebungen. Ohne Loos oder Wahl wurden Kinder von den sogenannten Greifern, in Schulen, auf den Straßen aufgefangen und unter die Rekruten gesteckt. Ob der Ergriffene einer andern Gemeinde angehörte, ob er der einzige Sohn seiner Eltern war.Einerlei — Rückgabe oder Rückkehr war unmöglich, sobald das Kind von der Commission für tauglich befunden, und ihm als Zeichen dafür Borderkops rasirt wurde. Einen Militär wieder befreien, konnte nur die höchste Gewalt. — Der Jammer unter den Juden war allgemein; keine Eltern waren sicher, daß ihnen nicht am andern Tage die Söhne, im zartesten Kindesaller, für immer entriffen würden. Unzähliche Klagen über diesen Mißbrauch und die Willkür der Gemeindevorsteher gelangten an die höhere Obrigkeit, besonders an den Fürsten Suworos. „Mein Herz bricht mir beim Lesen dieser Bittgesuche", äußerte er sich dem Seligen gegenüber, „aber ich kann dabei nicht helfen". — Da ereignete es sich, daß in einem Städtchen von Kurland, einer Wittwe der einzige Sohn, ein Knabe von l 2 Jahren, entriffen wurde. Schon war der Knabe rasirt und eingekleidet, und gelangte nach Riga mit den übrigen Rekruten, um nach dem Innern transportirt zu werden. Der Selige machte sich mit der Mutter des Knaben zum Fürsten auf. Im Audienzsaale wendet sich der Fürst zuerst an ihn. „Was haben Sie da? die da", auf die Mutter zeigend, „sieht ja wie aus dem Grabe entstiegen aus". Der Selige trug die ganze Angelegenheit vor. — „Man lasse den Knaben frei, und zwar den Augenblick", war sein Befehl. — Ein Beamter wagte die Bemerkung gegen den Seligen: „Sie veranlaßen ja den Fürsten zu Ungesetzlichkeiten". „Ich halte es mit der Menschlichkeit und nur mit der Menschlichkeit", gab der Fürst dem Beamten laut die Antwort, und verließ von Mitleiden gerührt den Saal. Was alle Bittschriften nicht bewirkten, wurde durch diesen Act der Gerechtigkeit erreicht. Und nur durch solches Einschreiten konnte diesem Unfuge und der Mißdeutung des kaiserlichen Willens durch die eigennützigen Beamten abgeholfen werden. Die Bittschriften gelangten nicht an den Kaiser; wohl aber diese Uebertrelung des Gesetzes durch den Fürsten. — Suworof rechtfertigte nicht allein sein Verfahren beim Kaiser, sondern es gelang ihm auch, daß von nun an die Willkür der Gemeindeältesten aufhörte, und meist nur Erwachsene bei der Rekrutirung auszehvben wurden. „Sie veranlaßen den Fürsten zu Ungesetzlichkeiten", klingt uns aus obiger Erzählung nach. — Ein Vorwurf, den die Rigaer eingefleischten Judenfeinde dem Seligen oft machten. Ist dieser Borwurf begründet? Wir antworten darauf: „Nein und abermals Nein!" —daß die Juden seit dem Amtsantritt Suworos's nicht mehr wie die Parias von der Polizei und Bürgerschaft behandelt werden konnten, erschien den letzteren als etwas Ungesetzliches, zu dem der Selige den Fürsten veranlaßte. Wer aber diesen näher kannte, oder gar mit ihm geschäftlich in Berührung kam, der wird gerade behaupten wüsten, daß ihm jedes Gesetz, jeder obrigkeitliche Erlaß heilig war. „Es kommen andere Zeiten, und andere Gesetze", waren seine Worte, „vor der Hand wüsten wir diese mit Geduld ertragen". Diese Ehrfurcht vor dem Gesetze kannte der Fürst bei Neumann vollkommen. — Daher er selten die Richtigkeit und Gesetzlichkeit einer Vorlage oder Bitte von Seiten des letzteren noch zuerst untersuchen ließ, und die Meinung der Beamten einholte, sondern er entschied solche selbst und sofort. — Dagegen kannte er keine Schonung, wenn irgend ein Gesetz, nach dem damaligen Brauche, von den Beamten zu Ungunsten der Juden verschärft oder gemißbraucht wurde, oder wenn irgend ein Gesetz, welches zu Gunsten der Juden war, nicht erfüllt geblieben. — Der zur Ausführung gelangte Erlaß, daß die jüdischen Grenzbewohner in einer Entfernung von 80 Werst von der Grenze nach dem Innern übersiedeln sollten, berührte auch einige Orte Kurlands. — — In keinem Gouvernement hatten selbst die uiedern Beamten das Herz mit der Verjagung zu beginnen. — Von Petersburg aus erfolgte immer ein provisorischer Aufschub der Ausführung des Erlastes. — Der dritte Aufschubstermin ging zu Ende, ein neuer war noch nicht erfolgt. — In keinem andern Gouvernement wagte man die Juden zu belästigen. Die kurischen Beamten aber wurden von der auf der Höhe der Civilisation sich glaubenden christlichen Bevölkerung aufgehetzt, und fingen die Verjagung damit an, daß sie den Juden die Geschäfte schlosten und den Besitz derselben unter Taxation brachten u. s. w. Ein Schrei des Entsetzens und Jammers ging durch alle Grenzprovinzen. — Selbst die christlichen Bewohner verdammten die Grausamkeit der Kurländer.... Der Fürst Suworof erfuhr die traurige Kunde durch den Seligen, und schleunigst ließ er nicht allein alle zur Verjagung ergriffenen Maßregeln aufheben, sondern der strengste Verweis war die Belohnung der Beamten für ihren zu großen Eifer. — Bald darauf erfuhr der Kaiser Nikolaus durch den Fürsten die wahre Sachlage dieses Gesetzes, und welche unselige Folgen die Ausführung destelben für alle Provinzen haben könnte. — Der Kaiser zögerte nicht das Gesetz, wenn auch nicht sofort ganz zu annullircn, doch dastelbe in die Archive wandern zu lasten. Den Borwurf, daß der Fürst zu viel Milde gegen die Juden übe, bekam der Selige besonders oft von dem Polizeimeister Grün zu hören. — Letzterer in der Armee zum Fähnrich befördert, avaocirte im Dienste der Polizei bis zum Oberst. — 14 *

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.