Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 14 (1.4.1876)
- Date
- 1876-04-01
- Page
- Seite 226 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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226 der sich's in den Kopf setzt, sein Zeug gedruckt zu sehen. Selbstverständlich nahm ich an, daß das Blatt mit Anstand und der gebührenden Achtung für die Gefühle Anderer geleitet werden würde, nicht weil es „ein amtliches Organ" war, was sehr wenig sagen will, sondern weil es sich in den Händen von Leuten befand, die sich Katholiken nennen. Es kam mir sicherlich niemals in den Sinn, daß irgend Jemand, der vorgiebt, ein Katholik zu sein, solch' eine schändliche Mittheilung schreiben, oder daß irgend ein Redacteur die Pstichten seiner Stellung so weit vergeffen könnte, um dieselbe in sein Blatt aufzunehmen. Ware Das der Fall gewesen, so würde ich sicherlich zur rechten Zeit mein Gewand von irgend einer möglichen Berührung mit denselben gesäubert haben. Ich beabsichtige nicht, nur die entfernteste Entschuldigung für den Schreiber dieses Artikels vorzubringen; aber ich kann nicht umhin, zu bemerken, daß, wenn das alte lex talionis: „Auge um Auge, Zahn um Zahn" noch in Kraft wäre, er wenigstens einen Schatten von Rechtfertigung in dem Betragen einiger jener Leute sinden könnte, die für Ihre Glaubensgenossen gelten. Ich habe es oft in den Correspondenzen engl. Blätter aus Deutschland wahrgenommen, daß mehrere deutsche Blätter, welche die stärksten Anhänger Bismärck's in seiner schmachvollen Verfolgung der Katholiken und der katholischen Kirche und am Bittersten in ihren Angriffen auf unsere Religion sind, von Juden geeignet und redigirt werden. Es wurde mir letzte Woche der Auszug eines Artikels aus einer hiesigen deutschen Zeitung gezeigt, welcher, nach dem inneren Gehalte und der Natur seiner Andeutungen zu urtheilen, von einem Juden geschrieben wurde, und der so abscheulichen Charakters war, daß, wenn ich Ihnen eine Uebersetzunz desielben zuschickte. Sie denselben nicht in Ihrem Blatte abdrucken würden. Dennoch angenommen, alles Dieses sei wahr, so habe ich doch kein Recht, das ganze jüdische Volk dafür verantwortlich zu halten, und noch weniger würde ein katholischer Journalist, wenn er eine Mittheilung solcher Art veröffentlicht, gerechtfertigt sein. „Zwei Mal Unrecht ist noch kein Mal Recht". Der Mann, welcher zuerst den Spruch that: „Werfe nur brav mit Koth um Dich, Etwas wird doch hängen bleiben", war selbst ein schmutziger Bursche und aller Grundsätze bar. Vor Allem aber sollten wir als Katholiken jede schimpfliche Art der Controverse vermeiden; denn wir leiden mehr, als alle Andetn, durch die fortwährenden Entstellungen alles Dessen, was wir als heilig betrachten. Abgesehen von allen Rücksichten der Moral oder Nächstenliebe ist das eine Weise des Angriffes, welche ihren eignen Zweck vereitelt; wie Jemand bei einem ähnlichen Betragen sagte: „Es ist schlimmer, als ein Verbrechen; es ist Thorheit". Es war, wie ich Ihnen versichere, eine große Kränkung für mich, selbst nur indirect in eine solche Sache, wie diese, verwickelt und der Annahme ausgesetzt gewesen zu sein, daß ich im Stande wäre, ihr meine Billigung zu geben. Es wird mich vorsichtiger in der Zukunft machen, nicht nur, daß ich bestrebt bin, selbst auf dem rechten Wege zu bleiben, sondern auch zu versuchen, Jene auf die richtige Bahn zu bringen, über welche ich Autorität und Controle habe. Schließlich erlauben Sie mir, meinen Dank für die höfliche Weife auszusprechen, mit welcher Sie meine Aufmerksamkeit auf den Artikel gelenkt haben, über welchen Sie mit so großem Rechte sich beschweren. Ich verbleibe sehr ergebenst Ihr I. Roosevelt Bayley, Erzbischof von Baltimore." — . Der eigentliche Inhalt dieses Brieses wird sicherlich befriedigen. Bon den Juden geht kein Angriff gegen eine andere Religionspartei aus, denn wir sind froh, wenn man uns in Ruhe läßt. Ein Verdammungsurtheil der gegen uns geschleuderten Jnvectiven, aus rem Munde eines Würdenträgers der katholischen Kirche, ist uns daher sehr erfreulich. Aber der Herr Erzbischof befindet sich doch in großer Unkenntniß, wenn er meint, daß diese „Gemeinheit" der kathol. Bolkszeitung in Baltimore vereinzelt dastehe. Hätte er eine Ahnung von dem, was die „Germania", das „Wiener- und das Bayerische Vaterlanp" und die gesammte Reihe der ultramontanen Blätter, was der Pariser „Univers“, was die römische „Civilta catliolica" auf diesem Felde leisten: so würde er, da wir voraussetzen, daß er dennoch seinen Gesichtspunkt festhielte, in große Verwunderung gerathen, und sich noch ganz anders ausdrücken müffen. Bei dieser Unkenntniß finden wir auch seine Voraussetzung entschuldbar, daß Aeußerungen in deutschen Zeitungen, welche in dem sg. Culturkampfe den Staat vertheidigen, gerade von Juden geschrieben sein sollten. Jnveß wünschten wir, diese Unbefangenheit des Erzbischofs Bayley fände bei der großen Mehrzahl der katholischen Priester statt, und die Verfolgungssucht gegen die Juden bildete die Ausnahme, wie unser würdiger Prälat vermeint. euitleton. I)r. S. Neumann. Eine Lebensskizze. (Fortsetzung.) ll. Riga. Hellere, wenn auch nicht ganz wolkenlose Tage sind für die russischen Juden unter Alexander II. herangebrochen. Der Befreier von 27 Millionen Leibeigene hat auch uns Juden seine väterliche Milde angedeihen laffen. In wahrhaft prophetischem Geiste begrüßte der Selige die Befreiung der Bauern als eine neue Aera auch für die Juden. „Auch unser Tag der Erlösung ist nicht mehr fern, auch uns wird bald das neue Licht vom Throne herab erleuchten und neu beleben", waren seine Trostworte, als er den großen Sieg der Humanität, die Befreiung der Bauern feierte. Theilweife, wenn auch nicht ganz, hat er