Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 14 (1.4.1876)
- Date
- 1876-04-01
- Page
- Seite 225 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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225 Nische Juden kamen in Menge hierher, und fanden eine liebevolle Aufnahme. Ein Theil derselben Hai diese zu würdigen und ihr zu entsprechen gewußt, so daß sie auch auf einen grünen Zweig kamen. Aber es ist auch nicht zu leugnen, daß ein großer Theil der polnischen Juden Unsitten und Fehler aus ihrer Heimath, in welcher sie unter so großem Druck und in so tiefem Elend gelebt, mitgebracht hat, welche sie zu mannigfachem Schaden ausgeübt haben. Hierüber kamen Klagen an die Staatsregierung, und diese fand es für gerathen, in der Aufnahme polnischer Juden fernerhin eine gebotene Vorsicht walten zu lassen. Es ist doch ein großer Unterschied, ob man irgend eine Beschränkung den Bürgern des Staates nach der Confessiou auserlegt, oder ob man einer bestimmten Klasse von Fremden das Bürgerrecht nur erst nach einer gewissen Prüfung erlheilt. Mit Amerika, das noch eines ungeheuren Zuwachses an Bevölkerung bedarf, ist dies gar nicht zu vergleichen, da aus Schweden vielmehr nicht unbeträchtliche Auswanderungen fiattfinden. Mit Vergnügen können wir allerdings constatiren, Laß sich auch unter ihnen manche ehrenhafte Charaktere finden, Biele, die redlich ihrem Erwerbe nachgehen und in ihren Kreisen alle Achtung genießen. Doch auch sie leiden unter dem Mißcredit, den ihre Landsleute verschuldet haben. Eine besondere Befriedigung erblicken die besseren Polen, trotz 'der hohen Cultussteuern, unserer Gemeinde anzugehören. Jndeß auch der Vorstand entschließt sich nur höchst ungern und sehr selten zu einer solchen Aufnahme, und auch er muß es sich schon gefallen lassen, wenn der Herr Correspondent in Norrköping es ihm übel deuten sollte, daß er gleichfalls sorgfältig prüft, ob die polnischen Juden durch ihre Aufnahme Nutzen oder Schaden bringen können. In Stockholm sind gegenwärtig circa 75 polnische Familien ansässig, über deren religiöse Institutionen ich, wenn es Ihnen genehm ist, später Bericht erstatte. — Der in Nr. 6 bezeichnete Almanach enthält keinen jüdischen Kalender, nur ganz beiläufig die Angabe der jüdischen Feste, die diesmal allerdings falsch ist. Inzwischen ist das von keinerlei Bedeutung weder für uns, noch für die große jüdische Welr, denn wer sich für die israelitischen Feste interessirt, besitzt wohl auch einen Luach. k. Amerika. Baltimore, 24. Februar. (Privatmitth.> Ich übersende Ihnen heute die Nummer des „Deutschen Correspondenten" vom 22. d.. und werden Sie gewiß von dem darin enthaltenen Briefe des Erzbischofs Bayley als einer eigenthümlichen und erfreulichen Erscheinung gern Gebrauch machen. Sie haben von dem in der hiesigen „Katholischen Bolkszeitung" erschienenen Schmähartikel gegen die Juden Notiz genommen, welcher seiner Zeit allgemeine Indignation hervorrief und von Leuten aller Confessionen bitter getadelt wurde. Eine Uebersetzung des Artikels wurde dem bekannten Rabbi Wise, Redacteur des „American Israelite“ in Cincinnati, zugeschickt, und dieser übermachte denselben mit einem Begleisschreiben, worin er auf die Absetzung des Verfassers der Schmähschrift antrug, dem hiesigen Erzbischöfe. Wir finden nunmehr Folgendes in der letzten Nummer des „American Israelite“: „Es gereicht uns zu großem Vergnügen, unsere Leser und das Publikum im Allgemeinen benachrichtigen zu können, daß wir uns in dem humanen und hochherzigen Charakter Sr. Eminenz, des Erzbischofs Bayley, nicht geirrt haben, wie aus dem nachfolgenden eigenhändigen Briefe hervorgehl: „Baltimore, 8. Februar, 1876. — Der Artikel in der „Volkszeitung," auf welchen Sie meine Aufmerksamkeit lenken, ist mir zuvor durch einen Priester unserer Stadt, der sich darüber sehr entrüstet äußerte, unterbreitet worden. Ich war gleichfalls sehr aufgebracht, aber nachdem ich den Artikel durchgesehen, erschien er mir so gemein, daß er sein eigenes VerdammungSurtheil in sich trug. Jeder, der den Artikel las, mußte unverzüglich wahrnehmen, daß er von einem rohen Menschen, der aus irgend einem Grunde gegen die Juden erbittert worden war und seine individuelle Feindseligkeit und Bosheit ausschütlete, herrührte. Solche Menschen isoliren sich selbst durch ihre Gehässigkeit, und Niemand, als sie selbst, und der Redacteur der Zeitung, in welcher er abgedruckt ist, sollten für solches Zeug verantwortlich gehalten werden. Es herrscht hier zu Lande eine Neigung, katholische Bischöfe mit Allem, was Katholiken und speciell Redacteure sogenannter katholischer Zeitungen sagen oder thun, zu identisiciren. Dieses ist, gelinde gesprochen, sehr sonderbar und erscheint mir ebenso unbillig. Man nehme z. B. dieses Blatt, die „Bolkszeitung". Es wurde begründet, wie ich annehme, <renn ich weiß Nichts von seiner Vergangenheit! von einem Katholiken aus Deutschland oder einem Mann von katholischer Abkunft. Einer meiner Vorgänger wählte es aus, um seine amtlichen Mittheilungen iConstrmationen, bischöfliche Besuche u. s. w.) dem deutsch-redenden Theile seiner Heerde zur Kunde zu bringen, und demzufolge nennt es sich daS amtliche Organ des Erzbischofs von Baltimore; aber Keiner von uns dachte jemals daran, daß er für irgend Etwas und noch weniger für Alles, was in dem Blatte erschiene, verantwortlich gehalten werden würde. Was mich selbst anbetrifft, so kenne ich den Eigenthümer oder Redacteur nicht dem Ansehen nach, habe kaum jemals ein Exemplar des Blattes gesehen und nicht mehr Kenntniß von Dem, was jede Woche darin erscheinen soll, als ich von dem editoriellen Inhalte des ,,American Israelite“ weiß, und dennoch, wenn etwas Anstößiges sich in das Blatt einschleicht, so werde ich von allen Seiten darüber zur Verantwortung gezogen, als wenn ich nicht nur den Artikel geschrieben, sondern selbst gesetzt hätte. Aber Einige werden einwenden: „Da es Ihr amtliches Organ ist, so sollten Sie es im Auge behalten." Ich müßte so viele Augen, als Argus, haben, wenn ich verpstichtet sein sollte, ein Auge auf jeden Thoren zu halten, 14