Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 13 (28.3.1876)
- Date
- 1876-03-28
- Page
- Seite 210 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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210 spatern Aller äußerte er sein Bedauern darüber, daß er nicht Mediciner geworden. Und so wählte er die Theologie auf der Universität zu Würzburg im Jahre 1828. Seinen Doctortitel erhielt er später im Jahre 1843 zu Gießen. Von seinen Studienjahren ist mir nur bekannt, daß er mit mehreren jetzt noch lebenden allbekannten Männern unserer Nation zusammen studirte (Rabbiner Stein, Adler, Schwabacher, Bamberger rc), dann, daß er am meisten sich mit der Philosophie und Sthlistik beschäftigte und der streng orthodoxen Richtung angehörte-. Nach beendigtem Studium blieb er einige Zeit bei seinem Vater, predigte in verschiedenen Gemeinden der Umgegend, ohne sich irgendwo fest niederlasien zu wollen, — denn in ihm stieg der Wunsch auf, nach Amerika überzusiedeln, wohin viele seiner Glaubensgenoffen, worunter auch Verwandte, ihm der damaligen Bedrückung der Juden wegen vorausgegangen waren. Zu diesem Zwecke befleißigte er sich sehr der englischen Sprache, und brachte es auch in derselben zu einer gewiffen Vollkommenheit. Die Eltern waren vollständig mit diesem Plane einverstanden, aber ein viel engeres Band hielt ihn noch lange von der Ausführung dieses Planes zurück.Seine stille, aber glühende Liebe zu Fräulein Minna Götsch, welche er im Hause ihrer Großmutter Frau v. Pfeiffer in Weikersheim als Student kennen gelernt hatte, wurde mit Gegenliebe belohnt. — Bon diesem vortrefflichen Wesen sich nach Amerika loszureißen siel ihm schwer. — Daher nahm er bald eine Stelle als Hauslehrer in Würzburg bei Herrn Baron v. Hirsch an, um in der Nähe seiner Braut zu bleiben; in dieser Stellung abwartend, daß sich ihm eine Rabbinats-Vacanz darbiete, um sich häuslich niederlasien zu können. Es war ihm aber nicht bestimmt, seine Heißgeliebte so schnell und im eigenen Baterlande heimzuführen. Die wenigen Vacanzen, welche sich darboten, wurden meist von solchen besetzt, die Verwandtschaft oder Protection am Orte hatten; eine neue Rabbinatsstelle konnte aus vielen Gründen nicht creirt werden. Und so blieb er über 5 Jahre in diesen seinem Herzen so zusagenden Kreisen. — Es war aber natürlich, daß das mehrmalige Mißlingen, eine feste Stellung zu gewinnen, auf sein an sich schon zartes Gemüth einwirkte, und ihm das Vertrauen au: die Erreichung der Ziele raubte, welche damals so viele jüdische Geister in Bewegung und Thätigkeit versetzten. Wir sehen ihn daher nach vierjährigem Aufenthalte im Hause des Herrn von Hirsch wieder zu seinem alten Entschluffe greifen, nach Amerika auszuwandern. Er nimmt von Vater und Braut Abschied, und geht nach Hamburg, um sich dort einzuschiffen. Trotz seiner Aengstlichkeit war aber dieser Charakter durch seine wahrhafte Frömmigkeit und stricte Wahrheitsliebe, ausgerüstet mit jüdisch-talmudischen und allgemeinen Kenntnisien, zum Vorkämpfer für die Juden von der Vorsehung ausersehen, freilich nicht für Deutschland und auch nicht für Amerika, wo es des Kampfes nicht mehr bedurfte. In Hamburg angekommen, wird er durch seinen Verwandten Ernst und Rabbiner Frankfurter in die besten Kreise eingeführt. Hier kommt er mit dem vr. Rießer, Dr. Salomon rc. in Berührung. Ueberall findet man Gefallen an dem jungen Doctor, und sucht ihn von seinem Vorhaben, nach Amerika auSzuwandern, abzulenken. Er giebt auch wirklich diesen Rathschlägen nach, und nimmt auch wieder eine Hauslehrerstelle im Hause des Herrn Blumenthal in Harburg an. Hier traf ihn 1843 der Ruf als Prediger nach Riga, und er folgte demselben.2) — Berufen war er nur als Prediger und Lehrer an der dortigen jüdischen Schule. Um aber seine ganze Thätigkeit zu würdigen, muß man die Lage der Juden in Rußland, und speciell der in Riga zu dieser Zeit kennen. Die genaue Schilderung dieser Lage würde mich zu weit führen, und gehört sie dem künftigen Geschichtschreiber der Entwickelung der Juden in Rußland an. Hier genüge nur Folgendes. Die Stelle des Predigers in Riga wurde eben vacant durch den Abgang des vr. Lilienthal. Letzterer hat durch die ihm innewohnende großartige Energie viele Herkulesarbeiten unternommen, aber leider keine zur Ausführung gebracht. Die durch die Rabbinercommission vom Jahre 1841, deren Seele Lilienthal war, hervorgerufenen plötzlichen Reformen, fanden nur den allerkleinsten Theil der Juden vorbereitet — der großen Masse aber mußten diese Reformen mit Zwang aufgedrängt werden. Daher diese große Erbitterung der Juden überall, selbst in den Ostseeprovinzen, gegen den vermeintlichen Urheber dieser Zwangsmaßregeln, gegen den deutschen Row, wie sie Lilienrhal nannten. Die Erbitterung wuchs um so mehr, als die Juden mit neuen, schweren Abgaben zur Gründung und Unterhaltung der durch die Rabbinatscommission beschloffenenen Rabbinats- und Volksschulen belastet wurden — denn die Juden waren durch die im Laufe der 30er Jahre erlaffenen Gesetze förmlich an den Bettelstab gebracht worden. Es war eine Zeit gekommen, wie sie der Prophet schildert 'vrn -psp rrnb rrbTaa :c. Die Armuth hatte auch die Demoralisation im Gefolge. Die meisten getauften Juden in Petersburg und Moskau, deren Anzahl bis auf 100,000 geschätzt wird, datiren ihren Uebertritt von dem Anfänge der 40er Jahre her. — So in Kurzem die Juden innerhalb der Gemeinden. Wie stand es nun mit den Juden speciell in Riga? Das wirkliche Niederlaffungsrecht hatten nur 30 bis 40 Familien sich durch die Bemühungen des Herrn Michel Tietzner erworben. Aber in Riga lebten zu jeder Zeit gegen 8000 Juden, denn Riga ist der einzige Hafenplatz Rußlands von allen Provinzen zu jeder Zeit gewesen und die einzige Fabrikstadt, woher die Kleinstädter ihren Bedarf beziehen konnten. Man kann es mit Bestimmtheit behaupten, daß die Thätig- 2) Ergänzend bemerken wir, daß der Gememeindevorstand von Riga die Wahl deS Predigers zwei Male in die Hand des RedacteurS dieses Blattes gelegt hatte. Wir wählten das erste Mal den vr. Lilienthal und dann nach desien Abgang den vr. Neumann, der uaS durch Rieffer und die anderen Hamburger Freunde nachdrücklich empfohlen war. Die Redaction.