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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-03-28 · Heft 13 (28.3.1876) · p. Seite 211

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 13 (28.3.1876)
Date
1876-03-28
Page
Seite 211 (sequence 13)
Language
German
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211 keit der Provinzialjuden einen sehr großen Antheil — vielleicht den größten daran hat, daß Riga seinen alten Ruf als Hafenstadt bewährt, und seine stolzen Hansaburger Reichthümer auf Reichthümer häuften. Diese Provinzialjuden — ich nenne sie so zum Unterschiede der angeführten 30 privilegirten Familien — waren in Riga allen möglichen Bexationen und Verfolgungen von Seiten der Bürgerschaft ausgesetzt, und vollständig der Willkühr der Polizei anheimgestellt. Letztere natürlich schuf sich aus diesem Umstande ein Californien, denn nur durch Geld konnte der Jude, selbst wenn er berechtigt war, dort seinen kurzen Aufenthalt erlangen.Von den privilegirten 30 bis 40 Familien war kaum der dritte Theil mäßig begütert, und zeigte den aufgeblasenen christlichen Millionären gegenüber einige Selbstständigkeit. Diese allein auch strebten darnach, ihren Kindern eine zeilgemaße Erziehung zu verschaffen; diese allein fühlten das Bedürfniß nach einer deutschen Predigt. Der größte Theil hingegen der ansässigen Familien, sei es aus Armuth, sei es aus Verstocktheit, war in Unwisienheit versunken. Kaum daß man die Jugend die gewöhnlichen Gebete herzusagen unterrichtete. Wie überall in Rußland, so sehen wir in Riga ebenfalls die bessere Klasse sich von der Verwaltung der Gemeinde zurückziehen und dieselbe unwissenden, verschmitzten Menschen überlassen, welche ein Gewerbe aus der Verwaltung machen, und mit der Zeit es als ein angestammtes Gut betrachten, immer in den Kahal gewählt zu werden. Solche Leute an der Spitze der Gemeinden zu sehen, war der Polizei, unter deren specieller Aufsicht die Judengemeinden zu der Zeit standen, sehr willkommen. Gegenseitig sorgten Kahal und Polizei für einander. Erpressungen, Willkühr bei der Rekrutirung, und hauptsächlich die Angeberei war an der Tagesordnung. So sah das Terrain aus, als Reumann, freilich mit schwerem Herzen, im Jahre 1843 nach Riga kam. — Ich sage, mit . schwerem Herzen — aus einem Briefe seiner Braut an ihn von dieser Zeit ersehen wir, daß es ihm einen großen Kampf kostete, dieser Berufung zu folgen; bewußt ist es mir, daß seine besten Freunde Alles aufboten, ihn von diesem Schritte zurückzuhalten. Aber er entschloß sich doch; und eben dieser Entschluß, und noch viele, die wir noch weiter in entscheidenden Momenten ihn fassen sehen, zeigen, daß er ängstlich lange überlegte, aber den ernst gereiften Entschluß mit Energie ausführte. Seine ersten Predigten in Riga stehen ganz von denen, die er in Deutschland gehalten, ab. Sie behandeln nicht allgemein religiöse oder philosophische Gegenstände in künstlich stylistischer Sprache. — Er erkannte nach kurzem Aufenthalte in seinem 3) Bekannt in gan; Rußland sind die sogenannten Judenhetzer, welche meist in der Nacht von der Polizei angestellt wurden, um diejenigen Juden;u verhaften, welche entweder ganz paßlos waren oder deren Paß die vorgeschriebene Galgenfrist zum Aufenthalte nicht, oder überschritten hatte. Ebenso aber bekannt ist die Freude der politischökonomisch-gebildeten Hansabürger, über solches Hetzen der Juden, die sie an der Börse, besonders ebenso die Menschenwürde, verletzend und erniedrigend behandelten. Corresp. Wirkungsplatze, was seinen Zuhörern noththut. Die gesunkene Moral mußte durch die Predigt gehoben, das echt religiöse Gefühl angefacht werden; Trost den unglücklich Bedrückten, den Verfolgten Muth zugesprochen, und das Vertrauen auf den Gott Israels wieder gestärkt werden. Daher sind seine Predigten von dieser Zeit schlicht, behandeln alltägliche Erscheinungen des gesellschaftlichen, Gemeinde- und Familienlebens, mit so vielem Gefühl und von Herzen gesprochen, daß sie in die Herzen dringen mußten, so daß bald selbst die Provinzialjuden die allgemeine Synagoge aufsuchten, um diese Worte zu hören.Schon aber war es ihm in der kurzen Zeit gelungen, die kleine Anzahl der bessern Klasse um sich zu schaaren, und das Vertrauen der ganz armen Klaffe zu gewinnen, als er auch nicht zögerte der heruntergekommenen Schule seine ganze Aufmerksamkeit zu widmen. Als Lehrer und Erzieher der Jugend will ich ihn groß nennen. Er bot in Wort und Thal Alles auf, um eine bessere Erziehungsmethode in seiner Gemeinde einzusühren. Dieses gelang ihm auch nach den gegebenen Verhältnissen vollständig. Bald war nicht allein die früher verödete Schule überfüllt, sondern aus entfernten Provinzialstädten, unter großem Kostenaufwand, schickten Ellern ihre Söhne nach Riga, um ihnen vom neuen 21 eine zeitgemäße religiös-jüdische Bildung angedeihen zu lassen. Denn er war so zu sagen der Erste in Rußland, der das eingefleischte Vorurtheil durch die That vernichtete, als würde eine zeitgemäße Bildung unmöglich, wenn die Kinder noch dabei streng im Sinne der alten Ritualgefetze erzogen werden sollten — durch das Wort der Predigt und durch die Thätigkeit als Lehrer fingen die von ihm ausgestreuten Keime an, Wurzel zu schlagen, und versprachen eine glückliche Ernte. Somit hatte er seine an ihn von der Gemeinde gestellten Ausgaben vollständig gelöst. Aber eben diese Erfolge machten die an der Spitze der Gemeinde flehenden und deren Clique ängstlich, sie ahnten mit Recht, daß er der unsauberen Wirthschafl ein Ende machen könnte. Daher sehen wir schon im ersten Jahre diese Partei gegen den neuen Prediger alle möglichen Jntriguen schmieden und seinem Wirken Hindernisse in den Weg legen. Erlassen Sie mir, hier Facta anzuführen, die so unerquicklich waren und so mächtig auf Reumann wirkten, daß er nach 1 >,2 Jahren Aufenthaltes entschlossen war, Riga zu verlassen, obgleich der größte Theil der Gemeinde ihn bestimmte zu bleiben. Er wartete nur noch auf die förmliche Berufung nach Wien, woher ihm ein Antrag ergangen war, die vacante Predigerstelle an der vorstädtischen Synagoge (?) anzunehmen. Während dieses Zuwartens erscheint wie der Engel in der mpr, der Fürst A. Suwarof in Riga, bekleidet mit den Vollmachten eines Generalgouverneurs der Ostseeprovinzen — die Verdienste und Tugenden dieses im Dienste des Vaterlandes und der Humanität ergrauten Vorkämpfers für Wahrheit und Recht, an diesem Orte wiederzugeben, wäre vielleicht ein Verstoß gegen j die Convenienz, da der Allgütige den Fürsten noch am Leben

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