Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 13 (28.3.1876)
- Date
- 1876-03-28
- Page
- Seite 202 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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202 Sir Moses gelangten Berichte zu berichtigen. Alsdann wird uns das Tagebuch des edlen Greises über seine ganze Reise dargeboten, einfach und wahrhaftig in Ausdruck und Inhalt, voll Würde und Liebe für die heilige Angelegenheit, der er sein Leben gewidmet. Wir bewundern darin die Energie, mit welcher Sir Moses, als ihn in Italien die Nachricht von dem Ausbruch der Cholera in Syrien ereilte, alle Zureden, von der Reise dahin abzustehen, zurückwies, sowie die Ausdauer, mit welcher er zahllose Besuche aus allen Standen und Confefsionen empfing, und, so weit seine Kräfte ausreichten, alles in Augenschein nahm, was ihn seines Zweckes wegen iuteresfiren konnte. Bon wesentlicher Mithülfe war ihm hierbei Herr vr. Lowe, der ihn auch diesmal begleitet hat, und welcher besonders alle Schulanstalten inspicirte und über den Befund genau berichtete. Ueber alle Einzelheiten müffen wir auf die Schrift selbst verweisen; denn sie haben eben nur im Ensemble eine Bedeutung. Geschmückt ist die Schrift mit einer schönen Photographie des Sir Moses, wie er in seinem Cabinet ein Schreiben lesend sitzt, ihm gegenüber das große Portrait der unvergeßlichen Lady Judith Montefiore. Bon der Neisse, 12. Marz. Schon langst ist die enge Verbindung erkannt worden, in welcher der Aberglauben mit dem Unglauben steht. Diese geschichlliche Verbindung macht sich auch bei der neuern sog. wissenschaftlichen Bibelkritik geltend, bei welcher sich der entschiedenste Hang zur Verneinung aller überlieferten Anschauungen mit einer Hypothesensucht vereint, die oft bis in's Abenteuerliche geht und mit der schnellen Kühnheit eines geübten Prestidigitateurs verfahrt. Ein abschreckendes Beispiel dieser phantastischen Geschichtsbaumeisterei in den biblischen Alterthümern gewahrt Ernst v. Bunsen's „Biblische Gleichzeitigkeiten oder Uebereinstimmende Zeitrechnung bei Babyloniern, Affyrern, Egyptern und Hebräern; Berlin, 1875, Milscher und Röstell". Der Berfaffer hat den löblichen Vorsatz gefaßt, die volle Uebereinstimmung der biblischen Zeitrechnung mit derjenigen der vorderasiatischen Völker und der Egypter, sowie der letztem untereinander nachzuweisen: einen Vorsatz, der um so schwieriger auszuführen ist, je unsicherer bekanntlich noch die Chronologie aller dieser Nationen ist, die ja bei keiner von ihnen irgendwie feststeht. Herr Ernst v. Bunsen aber wirft sich in diesen Haufen von Schwierigkeiten, der andem Sterblichen unüberwindlich erscheinen würde, mit todesverachteuder Kühnheit hinein; fteilich ist ihm jedes Mittel im Kampfe recht, und bald citirt er für seine Annahmen Censorinus und Barro „den gelehrtesten der Römer", bald die späten Kirchenväter Africanus und Orosius, bald die höchst zuverlässigen (!) Zeugnisse des Berosus und Stesias ohne Unterschied. Wenn es ihm paßt, ist nur das Evangelium Johannis werthvoll, die andern irrig; das hindert ihn aber nicht, sich auf der nächsten Seite auf das Evangelium Matthäi zu stützen, wenn es gilt, eine der geliebten Gleichzeitigkeiten zu retten. Da läßt sich freilich alles beweisen, ob aber ein solches Verfahren, das den elementarsten Grundsätzen historischer Kritik Hohn spricht, zu irgend verläßlichen Ergebnissen führt, das ist eine andere Frage. Ich will nur wenige Beispiele für des Verfassers Art der Beweisfühmng und seine Resultate anführen. Nach der Behauptung des Censorinus hat die große Fluth i. I. 2360 stattgesunden. Da nun nach der Genesis damals Sem 98 Jahre alt war (11. 10), so ergiebt das für die Geburt Sem's das Jahr 2458 v. d. gew. Zeitr. In diesem selben Jahre wurde nach Berosus das bidahin hamitische (?) Babylon durch die Meder, also Japhetiten, erobert: folglich bedeutet die Geburt Sem's nichts weiter, als daß die Semiten aus der Vermischung der Hamiten und Japhetiten entstanden seien (!!) Daß Sem als ein völlig gleichberechtigter Sohn Noah's neben Ham und Japhet in der Bibel bezeichnet wird, kümmert natürlich den Berfaffer nicht, obwohl schwer abzusehen ist, weshalb er dann überhaupt noch irgend ein Gewicht auf die Angaben der Bibel legt. Ebenso in einem andern Falle. Die Urvater von der Fluth nimmt Herr E. v. Bunsen als Repräsentanten ganzer Epochen, die von ihren angeblichen Lebensjahren begrenzt seien. Er rechnet also diese Lebensjahre unverkürzt zusammen, wie für Adam 930, Seth 912, EnvS 905 Jahre u. f. w., und gelangt so zu einem Zeiträume von 8225 Jahren vor der Fluth. Ein gewöhnlicher Mensch würde eiuwenden, daß es in der Bibel ausdrücklich heißt: „Als Adam 130 Jahre gelebt, zeugte er Seth"; „als Seth 105 Jahre gelebt, zeugte er Enos" u. s. w.; daß man also nicht nur so die gesammten Lebensjahre der Urvater zusammen addiren dürfe — aber eine solche hausbackene Schwierigkeit stößt unserm Berfaffer gar nicht auf. Er hat übrigens auch endlich das so vielfach gesuchte Paradies gefunden. Der Bezirk Udjüna auf dem Hochlande von Ponner im Quellgebiete des Oxus und des Indus ist zweifellos der „Garten Even" (S. 11). Wenn man nun das angebliche Geburtsjahr Sem's, 2458 v. d. gew. Zeitr., als den Ausgang aller hebräischen Zeitrechnung annimmt, dann läßt sich — Gott weiß durch welche Künste! — „die absolute Uebereinstimmung nachweifen zwischen der hebräischen Zeitrechnung und den uns bekannten und durch astronomische Berechnungen bestätigten Zeitangaben der Babylonier, Affyrer und theilweise auch der Egypter". Wir wollen nur einige der staunenswerthen Ergebnisse dieser Nachweisung anführen, indem wir sonst den neugierigen Leser auf das Büchlein selbst verweisen. Daß nach den neuern Forschungen von Lepsius, Brugsch u. A. Sethos I und RamseS II als die Pharaonen der Unterdrückung der Hebräer, Menephta als der Pharaoh des Auszuges, dieser letztere als um das Jahr 1320 d. gew. Zeitr. stattsindend nachgewiesen sind — das kümmert Ernst v. Bunsen nicht; er fabelt von dem ganz unmöglichen Jahre 1563, von Ahmes und Amenophis I. RamseS ist ihm nur der Name einer Gottheit, anstatt derjenige eines Herrschers <S. 17 rc.). Die Hebräer sind indischen also — nach Ansicht des Verfassers — hamitischen