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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-03-28 · Heft 13 (28.3.1876) · p. Seite 201

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 13 (28.3.1876)
Date
1876-03-28
Page
Seite 201 (sequence 3)
Language
German
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201 die Opfer ersetzten; sie sprachen hiermit nur aus, was seit dem Falle des Tempels sich als allgemeine Ansicht herausgebildet hatte. Aber dieser Ausspruch ist nicht blos dogmatisch-formal zu nehmen: er charakterisirt vielmehr die ganze Auffassung, mit welcher man an die Einsetzung res Gebetcultus ging, den ganzen Geist, mit dem man ihn einrichtete, und den man ihm einsenkte. Nur ein ganz äußerliches Moment der Analogie ist es, daß man die Gebetzeiten nach der Eintheilung und den Zeiten des Opfers bestimmte, und daß man die Lesung der Schriftsiellen über die einzelnen Opfer als Ersatz für diese ansah und den Gebeten einsügte. Tiefer liegt das Folgende: 1) Der Gebetcultus sollte ganz wie der Opfercultus das religiös-nationale Leben, die religiöse Gesammtheit, die Beziehungen Israels zu Gott vertreten und in die Erscheinung bringen. Es wurde daher von der ganzen bisherigen Entwickelung des Gebetes als des res Individuums, von der freien Bewegung der Seele im Gebete nach Stimmung und Situation, besonders von der poetischen, der lyrischen Gestaltung deffelben gänzlich abgesehen. Die für den Gebetcultus bestimmten Gebete wurden daher zu Pstichtgebeten erhoben, welche jeder Jude, nicht als Individuum, sondern als Glied der jüdischen Gesammtheit zu beten habe. Hieraus die Vorschriften über den Umfang dieser Gebete, um „seine Pflicht erfüllt zu haben", über die damit verbundenen Ceremonien, über die Bräuche, die in Haltung und sonstige Vornahmen bei diesen Gebeten zu beobachten. Es versteht sich, daß die Gebete in hebräischer Sprache abgefaßt wurden, und zwar um so mehr, als der Gottesdienst dadurch über die Volkssprache, die aramäische und zum Theil griechische erhoben ward.') 2) In diesem Gebetcultus — wir fassen selbstverständlich in diesem Augenblicke nur den Grundstock des jüdischen Gebetbuches, der die eigentlichen Pflichtgebete befaßt, in's Auge — hatte nun deswegen vor Allem die geschichtlichen und religiösen Beziehungen Israels zum Inhalt, obschon hiermit die zur allgemeinen Menschheit und zur Natur nicht ganz und gar ausgeschlossen waren. Hiernächst kamen die religiösen Ideen des Judenthums, natürlich nach damaliger Auffassung zur Aussprache. Endlich wurden neben den auf die Nation bezüglichen Bitten auch solche eingefügt, welche das Wohl und Weh des menschlichen Individuums betreffen, jedoch nur die von allgemeiner Natur oder doch allgemein gehalten. Dem Gebete des Individuums war darin kein Raum gegeben; man könnte sagen, daß es demselben überlassen wurde, bei dem Hersprechen dieser Gebete sich zugleich seinen eigenen Gedanken und Gefühlen hinzugeben, da schließlich die Gebetworte zu oft herzusprechen waren, um jedesmal eine tiefere Erregung der Seele bewirken zu können. Die Fassung dieser Pflichtgebete 1) In ähnlicher Weise wurde später, als das Aramäische nicht mehr vom Volke gesprochen und verstanden wurde, dasselbe dem Hebräischen als „heiliger Sprache" gleichgeachtet, und Gebete darin abgefaßt. Dem frommen Juden ward die Lesung der Sivra im Targum am Sabbath Nachmittag zum pflichtmäßigen Gebrauch. mußte daher mehr eine dogmatische und verstandesmäßige, als dem Affect und Gemüthe entsprechend sein. 3 > Für diese Pflichtgebete wurde denn auch eine eigene Form erfunden, nämlich die Benediction. Jedes dieser Gebete wurde entweder angefangen oder geschlossen mit der Formel 'n rrriN „Gepriesen seist Du, Ewiger", welcher in prägnanten Worten der Inhalt des Gebetes als eine Eigenschaft oder Thätigkeit Gottes hinzugefügt ward. -i Deshalb wurden auch alle diese Gebete zu den beiden Hauptzeiten, dem Morgen- und dem Abendgebete, durch die Formel eingeleitet: --aiin rt ns» ima „Preiset den Ewigen, den Preiswürdigen", also einen Aufruf an die Gemeinde, die Benediction zu sprechen, worauf die Gemeinde antwortet: 'n -nn „Gepriesen sei der Ewige, der Preiswürdige". In diese eine Form wurden alle Gebete gebracht; als man z. B. ausnahmsweise von den Psalmen das große Hallet für die drei hohen Feste, das Weihefest und die Neumondstage in die Pstichtgebete aufnahm, stellte man ihm eine Benediction voran, mit den Worten schließend: „Der uns geboten, daß Halle! zu beten." Der gesammte Cyklus von Pstichtgebeten bestand also aus Benedictionen. So war man zu einer völlig fixirten Form, zu einem in allen Theilen vorgeschriebenen Gebetcultus gelangt, welcher sich auf den Trümmern des Opfercultus erhob, diesem völlig analog, immerhin aber mit dem Vorzüge, daß sich alle Individuen daran betheiligten, während sie bei jenem nur Zuschauer abgaben. Bezeichnend aber ist dieser Vorgang, nachdem eine herrliche, unübertreffliche Blüthe des individuellen Gebetes vorangegangen war. Gehen wir nun näher in diese Benedictionen ein. Literarischer Wochenbericht. Bonn, 12. März. Bor einiger Zeit erhielten wir eine, mit wahrhaft fürstlicher Pracht ausgestattete Schrisl: An open letler addressed lo Sir Moses Monlefiore Barl., on the day of liis arrivai in the holy cily of Jerusalem. By the Rev. Meyer Auerbach and the Rev. Samuel S a 1 a n t. Togelher with a narrative of a forty days' sejourn in the holv land, bv Sir Moses Monlefiore Bart., F. R. 8., on bis return from bis seventh pilgrimage to the land of pronhse. (9 Eli ul, 5635 — September 9, IST5.) London, 1875. Die Schrift enthält also eine Adresse der beiden genannten Rabbiner in hebräischer Sprache und in englischer Uebersetzung, welche den besonderen Zweck hat, viele Bemerkungen in einem früher an 2) Die Formel '77 ^1-12 kommt bereits häufig in den Büchern der heiligen Schrift vor; aber auch rrrN “173 Psalm 119, 12, wo es jedoch noch nicht als Benediclion erscheint, da die zweite Vershälfie sprachlich nicht damit zusammenhängt, dagegen ganz im Charakter der Benediction 1 Chron. 29,10, wo es voran heißt: '737 'n ns Tn "pm. 13*

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