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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-03-28 · Heft 13 (28.3.1876) · p. Seite 200

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 13 (28.3.1876)
Date
1876-03-28
Page
Seite 200 (sequence 2)
Language
German
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200 Sie hängt mit dem Gepräge zusammen, welches dem Judenthume von seinem Beginne an aufgedrückt worden, nämlich daß der Israelit sich einerseits nur als ein Glied der Gesammtheit zu betrachten habe, aber andrerseits als ein vollberechtigtes, das daher trotz seiner Ein- und Unterordnung betreffs der Gesammtheit doch zum vollen Gefühl seiner Individualität kommen mußte. So im mosaischen Gesetze, so auch im talmudisch-rabbinischen Gesetze. Jeder Jude, welchen Standes und welcher Bildung er auch sei, ob vornehm oder gering, ob reich oder arm, ob gelehrt oder unwissend, ob Rabbiner oder Amhaare;, jeder Jude hat dieselbe Verpflichtung, dem religiösen Gesetze gegenüber, eben als Jude, als Glied der Gesammtheit: er ist ein gleichgestalteter Krystall, in jedem einzelnen lebt die Gesammtheit, sowie diese sich wiederspiegelt in jedem Einzelnen. Diese Gesammtheit war zunächst die israelit. Ration, später die israelitische Religionsgemeinschaft, dann aber auch die ganze Menschheit, wie denn z. B. die Zehn-Worte, abgesehen von dem Zusatz zum ersten, nichts Nationales haben, sondern allen Menschen gegenüber gelten, das Sabbathgebot sogar aus die Thierwelt sich ausdehnt. Ohne dies hier weiter ausführen zu wollen, glauben wir doch, daß in dieser Hindeutung der Schlüssel zu den Erscheinungen auf dem Gebiete des jüd. Cultus liegt. Der Opfercultus mit seinem symbolischen Wesen ist für die Nation als solche eingesetzt; er befaßt das Individuum nur da, wo es sich entweder als Glied derselben bekundet z. B. im Darbringen und Verzehren des Peßachlammes, oder wo es zum Heiligthume in Beziehungen tritt, wie bei den Reinigungsopfern und den Erstlingen. Ob Jemand und in wie weit auch als Individuum durch Dank- und Friedensopfer sich bethätigen wolle, steht ihm ganz frei. Der ganze Opfercultus war durch das in der Thora enthaltene Opfergesetz als ein fiftrtes und geschloffenes Ganzes festgesetzt; etwaige Lücken in Detailbestimmungen füllten sich durch den Gebrauch aus und der Talmud hat sie uns überliefert, wie sie sich in den letzten Zeiten des Tempels ausgestaltet hatten. In diesem Opfercultus hatte das Gebet gar keine Stelle; es war dem Individuum aus seiner persönlichen Stimmung und Lage überlassen. Die einzige vorgeschriebene Formel bei Darbringung der Erstlinge und Zehnten ist vielmehr Bekenntniß, und spitzt sich nur am Schlüsse zu einem kurzen Gebetwort zu (5 Mos. 26, 15). Es versteht sich, daß das Gebet neben dem symbolischen Opfer zu allen Zeiten dem bewegten Herzen des Menschen entfloß, ohne aber in dem officiellen nationalen Ritus eine Stelle eingeräumt erhalten zu haben. Im Pentateuch finden sich nur wenige Andeutungen; so bas innige Gebet Jakob's vor seinem Zusammentreffen mit Esau (1 Mos. 32, 10—13); der kurze Gebelausruf desselben mitten im Segen der zwölf Stämme (1 Mos. 49, 18.) Der Hymnus am Rothen Meere drückt die Gefühle der geretteten Nation mit wunderbarer Kraft aus, und merkwürdig neben ihm ist das kurze Gebetwort, das Moses, um die Heilung »seiner Schwester zu erbitten, spricht und das auch in seiner sprachlichen Form höchst eigenthümlich ist (4 Mos. 12, 13). Jahrhunderte hatte der Opfercultus bestanden, bevor das Bedürfniß der Seele, sich im Gebet vor Gott auszusprechen und den Empfindungen der Bewunderung, Ehrfurcht, Liebe, Dankbarkeit, des Gottvertrauens, des Verzagens, der Bitte um Rettung und so weiter, Ausdruck zu geben, sich in den Psalmen zum höchsten Aufschwünge erhob, und zur lyrischen Meisterschaft sich entfaltete. Aber auch diese Psalmendichtung blieb das Eigenthum des Individuums, und erst spät drang dieselbe in den officiellen Opferritus ein, wie uns die Mischna Thamid diejenigen Psalmen verzeichnet, die an den verschiedenen Tagen der Woche von den Leviten gesungen wurden; es ist aber immer nur ein Psalm für jeden Tag. Schon oft ist hervorgehoben worden, daß in den Psalmen nur äußerst selten auf den OpserrituS hingeleitet, hingegen an mehreren Stellen energisch gegen die Werkheiligkeit, die sich mit jenem verbunden hatte, proteftirt wird; ein „neues Lied^ dem Herrn darzubringen, wird als die lauterste Opfergabe mehrere Male bezeichnet. Ja, jemehr das Verständniß der ursprünglichen symbolischen Gedanken, die im Opfercultus ihren Ausdruck gefunden, sich aus dem gesummten Volke verloren hatte, aus den Priestern, Gelehrten und Laien, jemehr in ihm nur die formale Aeußerung des national-religiösen Gedankens in seiner Centralisation übrig blieb: desto mehr trat das Bedürfniß, sich im Gebet auszusprechen hervor. So haben wir z. B. das Gebet Salomo's bei der Einweihung des Tempels (1 Kön. 8.) Das Gebet Hiskia's bei seiner Genesung (Jes. 38, 3. 9 :c.), Esra's (9, 6), Nehemia's (9, 5). Uebersehen darf hierbei die merkwürdige Stelle Koheleth 4, 17. 5, 1 nicht werden, wo einerseits geboten wird, mit guten Thaten und treuer Pflichterfüllung zum Hause Gottes zu gehen, was besser sei als Opfer zu bringen, andererseits besonnen, nicht leidenschaftlich, sondern immer im Bewußtsein der göttlichen Majestät, darum mit wenigen Worten zu beten. Es zeigt sich hier, daß ras Opfern des Individuums für indifferent erklärt wird, daß man zum Tempel ging, um sein Herz vor Gott im Gebet auszuschütten, und daß hierbei nicht minder gefehlt ward. Endlich wurde der Opfercultus eingestellt, und an dessen Stelle der Gebetcultus gesetzt. Hier ttitt nun die merkwürdige Erscheinung auf, auf die wir von Anfang dieser Besprechung an hindeuteten. Eine Anknüpfung für den Gebetcultus war schon gegeben. Die Nothwendigkeit, dem Volke Unterweisung in Lehre und Gesetz zu geben — der Volksunterricht war bei den Juden niemals auf ein schulpflichtiges Alter beschränk — hatte neben dem Tenipel, in welcher jene nicht stattfand, seit langer Zeit Versammlungshäuser Herstellen lassen, in welchen die h. Schrift verlesen, in die Volkssprache (aramäisch) übertragen und erklärt ward. (Eine Andeutung hierzu kann man schon 2 Kön. 4, 23 finden.) Mit diesen Vorlesungen und Auslegungen verband sich allmälig auch ein Gebet. Diese Institution gab den Grundstock zur Herstellung des Gebetcultus ab. Die Talmudisten erklärten, daß die Gebete

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