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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-03-21 · Heft 12 (21.3.1876) · p. Seite 193

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 12 (21.3.1876)
Date
1876-03-21
Page
Seite 193 (sequence 13)
Language
German
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193 Bei der Redaction des „Neuen Tagblattes" fällt auch das Moment noch schwer in die Wagschale, daß die Operation des Schächtens von dem israelitischen Lehrer, Vorbeter, Vorsänger oder Religionslehrer ausgefuhrt wird. Jedenfalls hat aber dieses bisher füglich „unbesprochene Moment" mit der „Thierquälerei", welche doch einzig und allein das Verbot der jüdischen Schlachtmethode angeblich motiviren soll, nichts zu thun. Der Schmerz bleibt derselbe, wer auch die Tödtung vornimmt. Wir aber sehen auch in der Person des Operateurs einen großen Vorzug der jüdischen Schlachtmethode, weil nicht ein „Metzgerknecht", sondern ein Religionslehrer, und erst, nachdem er ein Gebet über deen Vollzug der religiösen Satzung gesprochen, das Schächten vollzieht. Die rohen Späße und zotenhaften Bemerkungen, welche man bei dem Widerstand und den Zuckungen des Thieres in Schlachthäusern oft hören muß, fallen bei dem Schächten weg, eben weil kein Metzger, sondern ein Mann diese Function im Namen der Religion vornimmt, der auch sonst Achtung genießt und hierzu von dem Rabbinat nach vorgängiger Prüfung approbirt ist und in seinem religiös-sittlichen Leben deshalb streng beaufsichtigt wird. Der Arzt, der Chirurg nehmen Operationen vor, die weit schauerlicher und schmerzvoller sind, ohne deshalb in ihrer Achtung in der menschlichen Gesellschaft zu verlieren. Nicht das Amt ehrt den Mann, sondern der Mann das Amt." Vermischtes. Wir haben in Nr. 52 v. I. die Notizen zusammengestellt, welche Rohlfs in seiner Reise durch Marokko gegeben hat. Dies erinnerte uns an das, was ftüher „Semilasso (Fürst Pückler-Muskau) in Afrika", Theil 3, über die Juden in der Berberei sagte, nämlich: „Da man annimmt, daß sich 700,000 Juden in sämmtlichen Staaten der Berberei befinden, so möge auch über sie hier Einiges bemerkt werden. Als eine grausame Politik an 200,000 Menschen dieses Glaubens aus Spanien und Portugal vertrieb, suchten sie eine Zuflucht bei den Barbaren. Sie fanden in Fez, Algier, Tunis und Tripolis eine große Anzahl ihrer Brüder, ursprünglich aus Judäa und Egypten hier eingewandert. Man erzählt viel von der harten und grausamen Behandlung, welche die Juden von den Muselmanen erlitten, doch ist das fast übertrieben. Daß sie noch immer mit Verachtung und Hochmuth behandelt werden, ist gewiß, wiewohl auch dies täglich geringer wird. Sonst durften sie z. B. vor keiner Moschee Vorbeigehen und ihre Schuhe anbehalten; jetzt habe ich nicht gesehen, daß irgend Jemand daran denkt, sie auszuziehen. Es ist ein Jrrthum, daß die Religion der Juden ein besonderer Gegenstand des Haffes der Muselmanen sei; wie die alten Römer, verachten sie die der Christen mehr, weil sie die Letzteren nur als eine Secte der Juden ansehen. Aber die Christen sind mächtig und furchtbar, die Juden haben keinen Beschützer, sie sind bei den Muselmanen, wie ftüher bei uns, als von Gott verlaffe», angesehen, — und dennoch, trotz dieser scheinbaren Unterdrückung sind sie es, die in Asrika wie in Europa den größten Einfluß ausüben. Sie sind in der Berberei die vorzüglichsten Handwerker, sie stehen an der Spitze der Douanen (Zölle), sie haben den größten Theil der Einkünfte wie der Ausfuhr mehrerer Handelsartikel gepachtet, unter ihrer Controle steht die Münze und sie reguliren den Werth des Geldes, sie haben des Bey Juwelen und Kostbarkeiten unter ihrem Verschluß, sind seine Schatzmeister, Geheimschreiber und Dolmetscher; das Wenige, was man hier von Künsten, Wiffenschaften und der Arzneikunde weiß, ist größtentheils aus die Juden beschränkt; sie sind im Genuß noch mehrerer anderer Monopole, und viele besitzen ungeheure Reichthümer. Mit solchen Mitteln kann ihre Unterdrückung nur scheinbar sein, und so verhalt es sich in der Thal. Wenn z. B. ein Türke einen Juden mißhandelt, fo kann dieser es nicht erwidern, er beklagt sich aber beim Bey und der Türke wird bestraft. _ Die kleine jüdische Gemeinde zu Lübbecke hat sich selbst geehrt, indem sie auf dem Grabe ihres um sie so wohl verdienten Lehrers Leeser ein schönes Denkmal errichten ließ. Die Moskauer Zeitung vom 6. Februar berichtet, daß einige Tage vorher in einer Entfernung von zehn Reitermeilen von Moskau sechs Schlitten, sogenannte Factorenfiaker, von Wölfen überfallen und sämmtliche Reisende und das Fahrpersonal bis auf einen Fuhrmann, welcher sich durch schnelle Flucht auf einem Pferde zu retten vermochte, von Len wilden Bestien zerriffen worden sind. Aus den auf der Unglücksstätte später noch Vorgefundenen Effecten und Papieren wurde festgestellt, daß unter den Reisenden fünf polnische Juden aus Lemberg, zwei aus Krakau, drei aus Moskau, ferner ein Schloffer Franz Richter aus Leipzig, ein Buchbinder Otto Martin aus Plauen i. V., ein Weber Bernhard Schlegel aus Zittau und fünf russische Zimmerleute sich befunden haben und nebst fünf Fuhrleuten, zusammen 23 Personen, umgekommen sind. Die Regierung in Moskau hat eine Belohnung von 20 S.-R. für jeden erlegten Wolf ausgesetzt. Die Tagesblätter brachten in letzter Zeit mehrfache Aeußerungen von Lehrern in den öffentlichen Schulen, die bezeugen, welchen peinlichen Situationen jüdische Kinder in den öffeutlichen Schulen noch ausgesetzt sind, wie sie die gröbsten Schmähungen gegen ihre Religionsgenosien aus dem Munde der Lehrer selbst immer noch zu ertragen haben! Was für Einwirkung auf die nichtjüdische Schuljugend davon zu erwarten steht, kann man sich denken, und die angestrengteste Wachsamkeit unsrerseits ist deshalb auf diesem Felde geboten. Die Grazer Tagesp. erzählt

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