Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 12 (21.3.1876)
- Date
- 1876-03-21
- Page
- Seite 192 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3227069-3227082--34316-3304183- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
192 der Uhr in der Hand, beim Schächten und bei anderen Veranlassungen gemacht wurden, tritt aber völlige Bewußtlosigkeit ein, wenn ein solches Thier ca. 16—20 Pfund Blutes verloren hat, die ungefähr seiner ganzen Blutmasse sind. Der Tod erfolgt durch das Verbluten in der Regel ganz sicher binnen 2 Minuten, ohne daß hierbei ein edles Organ zerstört ist; das Fleisch aber ist vollkommen ausgeblutet und deshalb zum Conserviren gut geeignet. Der Berfaffer zeigt dann die Nachtheile, Schwierigkeit unv Unsicherheit des seitherigen Schlagens und daß das Niederstürzen noch zweifelhaft lasie, ob vas Thier bewußtlos oder ob es bloß in vem Bewegungsvermögen gelähmt ist. In letzterem Falle erleidet es durch vas nolhwenvige Stechen in's Herz ven Schmerz zum zweitenmale. Bei dem Gebrauch der sogenannten 'Bouterole oder Schlachrmaske wird, nach Herrn vr. Herlwig, zum sichern Tövten eines Rindviehes erfordert, daß man die Lage der untern Partie des Gehirns kenne und beachte, daß die Maske festliege und der Bolzen mittelst eines kräftigen Schlags durch den Schädel tief in Vas Gehirn hineingetrieben werde. Treffen diese Bedingungen richtig zusammen, so erfolgt der Tod sicher und sogleich; die hierorts (Berlin) gemachten Versuche haben jedoch (obgleich vie Bouterole ein Originalinstrument war) an einigen Rindern gezeigt, daß der Bolzen zuweilen eine Abweichung in seinem Gange nimmt, wobei die Thiere übel zugerichtet wurden, aber nicht starben, sondern mit der Axt erschlagen werden mußten. Auch kostete das Anlegen der Maske an einem bösen Ochsen die größte und mit Gefahr verbundene Anstrengung; und in allen Fällen mußten die Thiere noch den Herzstich erhalten, um das Ausbluten zu bewirken. — (In H . . am Neckar ist die Schlachtmaske auf Kosten der Sladtkaffe angeschafft, und den christlichen Metzgern dabei nur empfohlen worden, sich ihrer zu bedienen. Das half aber nichts; nach wenigen Wochen lag sie unbenützt in einer Ecke, weil die Metzgersie nicht praktisch fanden. Bald paßt sie nicht auf den Kopf des Thieres, bald ist der Schläger zu klein over zu schwach, oft ist ein zweiter Schlag nöthig; nicht selten geht der Stichel schief und ist dann vas Abnehmen der Maske und der Schlag mit dem stumpfen Theil des Beiles noch nöthig. Nach der Abnahme der Maske vom Kopfe des geschlagenen Thieres wird noch vor dem Herzstich ein fingerdickes Rohr in die Oeffnung des Kiefers, welche der Bolzen erzeugt hat, durch das Hirn mehrmals in das Rückenmark gestoßen, wobei das verendende Thier wiederholt furchtbare Zuckungen macht, die den tiefsten Schmerz anzeigen unv das Erbarmen jeden Zuschauers wecken. Die Maske bedarf oft der Reparatur und wird bei Mangel eines weiteren Exemplars durch das Beil und sog. Genicken gerne ersetzt und ihre Anwendung auch jetzt nach obligatorischer Einführung nicht selten umgangen.) — Gleichviel, es kommt das Blut immer später zur Strömung als beim Schächten und verschlechtert dadurch die Haltbarkeit des Fleisches, besonders in der Sommerszeit. Biele christliche Familien kaufen deshalb lieber geschächtetes Fleisch, das auch wegen der nachfolgenden Visitation der Lunge :c. durch den Schächter alle Garantie einer völlig gesunden Beschaffenheit bietet. In Frankfurt hat der Thierschutzverein durch Anschaffung der nöthigen Geräthschaften und durch Vertheilung von Preisen vie sog. Schlachtmaske einzuführen gesucht. Jetzt, nachdem kaum Ein Jahr feit dem ersten Gebrauch der Bouterole verfloffen, ist dieselbe aus dem dortigen Schlachthause gänzlich verschwunden. (Die Kurzlebigkeit der Erfindung erklärte ein witziger Metzger der Mainstadt damit, daß sie vom dortigen Alterthumsverein als Antiquität angekauft worden sei.) Alles zusammengenommen, sagt Dr. Hertwig, Professor an der königl. Thierarzneischule, Medicinrlrath und Departements-Thierarzt in Berlin, ergiebt schließlich: „Daß die Schächtung, mit nur durch wenige Minuten dauernder geringer Schmerzerregung verbunden, sicher tödtend ist und in ersterer Hinsicht kaum nennenswerth den übrigen Schlachtmethoden nachfieht, — und in letzterer Hinsicht dieselben übertrifft." Stellen wir uns mit dem „Neuen Tagblatt" auch zunächst „einfach auf den Standpunkt der Humanität und der modernen Cultur, welchen deffen Redaction allein als maßgebend betrachtet", so kann nach obigen authentischen Mittheiluvgen und Erfahrungen, die rituale Schlachtmethode der Israeliten die Vergleichung auch mit der Anwendung der Schlachtmaske in jeder Beziehung ehrenvoll bestehen. Es ist deshalb unbegreiflich, wie die Redaction des „Neuen Tagblattes" in ihrem Urtheile, das sich lediglich auf „eigene Anschauung" eines Laien stützt, sich weiter wagt, selbst als der Ausschuß des württembergischen Thierschutzvereins, der darüber noch nicht zu einem „definitiven Urtheile" hat gelangen können. Warum auch verweist uns die Redaction in eine jüdische Dorfgemeinde, um die Procedur des Schächtens, von der sie ein so schauerliches Bild entwirft, zu schildern, warum nicht in das Schlachthaus Stuttgarts oder anderer Städte Württembergs? Wir erklären die Erzählung von der Procedur des Schächtens, wie sie das „Neue Tagblatt" giebt, als eine mit der Wahrheit in directem Widerspruch stehende Erfinvung. Das Thier wird ungebunden oder durch Zusammenziehen von Feffeln entweder auf den Boden oder auf einen Schrägen geworfen, gebunden und sofort geschächtet, in der Regel ohne einen Laut von sich zu geben. Wer hat ein solches Thier schon „jämmerlich schreien" hören? Höchst selten hört man von den Schlrchtthieren, und nur, wenn sie wild geworden sinv, ein Brüllen, sie mögen geschächtet oder geschlagen werden. Angst und Zittern ergreift die Opfer oft, nach welcher Art sie auch getödtet werden, wenn sie in's Schlachthaus kommen und der Geruch ihnen die Gefahr anzeigt. Man hebl das Thier nicht vom Boden auf den Schrägen und das Werk hat keine besondere Grausamkeit im Gefolge, wie die Redaction uns vormalt. Die competenten Behörden in der Schweiz haben das Gegentheil von dem ausgesprochen, was das „Neue Tagblatt" uns erzählt.