Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 12 (21.3.1876)
- Date
- 1876-03-21
- Page
- Seite 190 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227069-3227082--34314-3304181- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
190 sterium aus der Annahme des Vertrages eine Cabinetsfrage machte, an dem Resultate nichts geändert hätten, so wären sie doch nicht zwecklos gewesen. Das Parlament hätte aus dem Munde des Vertreters der ersten und größten jüdischen Gemeinde des Reiches erfahren, daß die Juden großen Werth auf ihre staatsbürgerlichen Rechte legen und es nicht gleich Herrn Fürth für ihre staatsbürgerliche Pflicht halten, diese Rechte zu Gunsten eines angeblichen, geheimen Staatsintereffes aufzugeben. Kurandas Auftreten im Reichsrathe für die Rechte der Juden hätte gewiß auch nicht verfehlt, alle österreichischen Gemeinden zur eifrigen Betheiligung an dem bevorstehenden 50-jährigen Jubiläum der Wiener israelitischen Gemeinde anzuregen. Zum Schluffe noch ein Wort über das Verhalten der Preffe in der leidigen Angelegenheit. Die tonangebenden Blätter waren der Convention nicht abgeneigt, wenn auch einige, um den Schein ihres Liberalismus zu retten, nicht umhin konnten, ihr Bedauern über die die Juden betreffenden Beschränkungen auszusprechen. Daß durch die Annahme des Vertrages die Gleichberechtigung der österreichischen Juden verletzt wird, wollte ihnen nicht einsallen. (Blos die „N. fr. Pr." schrieb euphemistisch, daß die Beschränkungen „staatlich kaum schicklich" seien). Schreiber dieses schickte nun eine dem wirklichen Sachverhalt entsprechende Auseinandersetzung an ein Blatt ein. Trotzdem er aber mit dem Blatte schon seit Jahren in Verbindung steht, weigerte es sich diesmal seinen gegen die Verletzung der Gleichberechtigung protestirenden Auffatz aufzunehmen. Wird man noch sagen, daß die Juden die Preffe beherrschen? Das zeigt aber auch, wie weit unsere liberale Preffe von dem Grundsätze: fiat justitia et pereat mundus noch entfernt ist. Frankreich. Paris, 7. März. (Privatmitth.) Die jetzt beendeten französischen Wahlen zu Senat und Deputirtenkammer sind von zu großer und allgemeiner Bedeutung, als daß sie nicht auch in diesem Blatte noch besonders besprochen werden sollten. Nicht die politische Seile, sondern die religiös-kirchliche in diesen Wahlen ist es, welche unter den obwaltenden Verhältniffen die ganze gebildete Welt interessirt. Es galt die Frage: Ist das französische Volk wirklich so klerikal, ja so ultramontan gesinnt, wie die Preffe dieser Partei es ausgeschrien, und wie die, wenn auch knappe Mehrheit der aufgelösten Nationalversammlung bethätigt hat, welche letztere an sich kein Urtheil über die Stimmung der Nakion zuließ, weil sie zu ganz anderem Zwecke und unter dem Einfluffe einer grenzenlosen Bestürzung und Verwirrung vor fünf Jahren gewählt war? Diese Frage ist entschieden beantwortet worden; sie ist in einem Umfange verneint worden, wie es Niemand vorausgesehen! 352 Republikaner und nur 26 Legitimisten wurden gewählt, und nur diese letzteren können für unbedingte Anhänger des Klerus angesehen werden, wenn auch die Orleanisten und Bonapartisten mit diesen liebäugeln, sobald sie sich Nutzen davon versprechen. Die Republikaner aber hatte» in ihren Manifesten und Reden als eines ihrer Ziele die Wiederaufhebung der in den letzten Jahren von der Nationalversammlung votirten klerikalen Gesetze offen ausgesprochen. Es hat sich also bewährt, was in diesem Blatte wiederholt geäußert worden, daß das Ansehen und der Einfluß des Ulttamonlanismus zum größeren Theile nur auf dem Lärmen beruht, den er selbst macht, und auf der Wichtigkeit, welche die Gegner, Parlamentsredner und Zeitungsschreiber ihm beilegen, um ihre eigene Opposition desto mehr zu betonen. Die Wahlurne giebt den bestimmtesten Maßstab für die wirkliche Gesinnung des Volkes ab. Denn von der einen Seite ist es das am wenigsten Anstrengung und Opfer kostende Mittel, seine Gesinnung zu bekunden, von der anderen das am wenigsten zu verfälschende. Wenn von dem deutschen katholischen Volke für den Reichstag eine ultramontane Partei von 90 Mitgliedern gewählt wird, so hat es seine Gesinnung hinlänglich damit dargethan — gewiß auch eine Nation von 35 Millionen, wenn sie nur 26 Klerikale in die Deputirtenkammer sendet! Bisher wurde immer behauptet, daß zwar die Bevölkerung der großen Städte in Frankreich freisinnnig sei, das Landvolk jedoch sich in den Händen des Klerus befinde. Auch dies ist nunmehr ans eine unzweifelhafte Weise dementirt. Was nun auch in nächster Zukunft geschehe, wie sich die Verhältniffe in unsrem Lande gestalten mögen, die Thatsache, die in diesen Wahlen liegt, ist abgeschloffen, steht für sich ein, ist ein unzweifelhaftes historisches Factum. Die französische Nation will den Syllabus nicht, will keine Priesterherrschaft, will keine Erziehung der Jugend durch die Jesuiten, will keine Beschränkung der Glaubens- und Cultusfreiheit, will keinen Krieg für die weltliche Herrschaft des Papstes gegen Europa, will Frieden, Recht und Freiheit! Die Niederlage des Ultramontanismus ist also größer als irgendwo, und das französische Volk gerechtfertigt vor ganz Europa. Daran ändert nichts, daß der Klerus bereits zu einem Umschwung sich anschickt und durch den Mund des Erzbischofs von Paris verkündet, er schließe sich der Republik an; er klammert sich jetzt nur an Mac Mahon, da Senat und Deputirtenkammer ihm verschloffen sind. — Es soll uns nicht wundern, wenn die Ultramontanen in Deutschland behaupten sollten, das hätten in Frankreich die Juden gemacht. Denn auf den Einwand, daß der Juden in Frankreich zu wenige seien, werden sie antworten: dann waren es die Judengenoffen. In Frankreich wagen dies selbst Univers und Monde nicht — das ist doch auch ein Unterschied! — . Aus dem Caffenbericht der Alliance isra&ite universelle für das Halbjahr vom 31. Juni bis 31.December 1875 heben wir hervor, daß die Einnahme 82,848 Frcs., die Ausgaben 72,799 Frcs. betrugen, so daß 10,048 Frcs. Ueberschuß blieben. Das Capital des Vereins beträgt jetzt 102,349 Frcs. Unter den Ausgaben sind zu bemerke» für die BorbereitungS-