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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-03-21 · Heft 12 (21.3.1876) · p. Seite 183

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 12 (21.3.1876)
Date
1876-03-21
Page
Seite 183 (sequence 3)
Language
German
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183 aufgedeckt, daß wir die Stunde, wo die öffentliche Meinung wieder gereinigt sein wird, nahe glauben können. Es ist, wie wenn man in einem Gewölbe voll schwüler Luft zu gehen hat, und nun werden die verschloffenen Fenster geöffnet, und die frische belebende Luft dringt herein . . . Die kleine Schrift, welche wir hier anzuzeigen haben, hat uns angenehm überrascht. Sie ist von einem Christen, einem Juristen im Amte, verfaßt, und spricht ihrerseits im Namen des Christenthums und des christlichen Volkes, freilich nickt des ultramontanen und pietistischen. Der Verfaffer wollte auch auf seine Schrift keine besondere Gelehrsamkeit, keine Untersuchungen mit Zahlen und Citaten verwenden; er beabsichtigte nicht, durch Glanz und Schwung der Sprache, durch hochklingende Phrasen die Leser zu blenden. Was aber seine Schrift überaus anmuthend und anziehend macht, ist das einfache und nachdrückliche Wort des Herzens und des gesunden Menschenverstandes, ist der Geist der Billigkeit und der Menschenfreundlichkeit, ist das warme Gefühl für Menschenrecht und Menschenwürde, die durch seine ganze Schrift gehen und dem Leser wohlthun. Er will nicht loben und nicht tadeln, sondern auf dem Grunde unparteiischer Beobachtung und Erfahrung ein richtiges Unheil feststellen, aussprechen und verbreiten. Er will nicht Richter, nicht Staatsanwalt und nicht Vercheidiger sein, sondern eine wahrhafte Darstellung der Thatsachen, ihrer Motive und Wirkungen geben. Dieses aufrichtige Bestreben wird seinen Eindruck nirgends verfehlen, wo man einer gerechten Würdigung zugänglich ist. Selbstverständlich nimmt der Verfaffer seinen Ausgangspunkt nicht von der rechtlichen Gleichstellung der Juden. Diese ist durch Verfaffung und Gesetz entschieden, und kann nicht* mehr in Frage kommen. Die gesellsckaftliche Stellung der Juden ist es daher, von der er ausgeht und die ihm durch Oie Unduldsamkeit und Antipathie der Christen noch so vielfach benachtheiligt erscheint. Hundert Jahre sind verflossen, seitdem Lesffng's Nathan erschienen, und dennoch sind die Vorurtheile und Ansichten nicht gewichen, denen jener ein Ende zu machen, bestimmt und befähigt war. „Das scheint mir", ruft er aus, „in der Thal eine ernste und höchst bedauerliche Thatsache zu sein, daß man heute noch überall im gesellschaftlichen Leben, leider hauptsächlich auch in den Kreisen, in denen vorzugsweise Humanität, Vorurtheilslosigkeir und echte Liebe zur Freiheit gefunden werden sollten, bezüglich der Juden auf Ansichten stößt, die dem Gedankenkreise der Daja, wenn nicht gar des Patriarchen in Lesffng's Nathan dem Weisen recht gut entlehnt sein könnten." Von hier gehl er aus, um die noch vorhandenen Vorurtheile und Ansichten gegen die Juden zu beleuchten und zu widerlegen. Er sagt: „Dabei muß ich mir aller Entschiedenheit verbleiben, daß wahre Geistesbildung, die sich auf der Höhe unsrer Zeit hält, und Judenfeindschaft zwei ganz und gar unverträgliche Dinge sind." Für diese Behauptung liefert er nun den Beweis, „insofern er die Bobenlosigkeit der Ansichten, worauf sich die Judenfeindschaft stützt, nachweist." Zunächst ist es die Meinung, daß die Juden noch eine eigene Nation ausmachen, die er widerlegt, und hinsichtlich der Sprache, des gemeinsamen Rechtsbewußtseins, des eigenthümlichen Gedankenkreises und besonderer Sitten, der Religion und der körperlichen Gestalt daS Gegentheil erweist. Er wendet dies besonders auf die deutschen Juden an, welche „Deutsche durch und durch, deutsch in ihren Denken, Fühlen und Wollen, deutsch in der Sprache und deutsch in der Sitte" sind und wofür er mit edler Wärme die Beweise aufführt. Hierauf gehl er auf die Anklage ein, daß die Juden eine besondere Neigung zu Uebervortheiluug und betrügerischem Handel härten. Er stellt hier in kurzen Zügen die geschichtliche Behandlung der Juden dar, welche sie aus den Handel beschränkte, einen Erwerbszweig, der bei Allen, die ihm obliegen, einige sittliche Nachtheile hervorbringt. Aber die Juden haben sich in den letzten 50 Jahren so weil von ihrem ehemaligen Standpunkt entfernt unv gehoben, daß der vorurtheilslose Beobachter auch in vieser Beziehung das sittliche Maß bei Juden und Christen gleichmäßig vertheilt finden wird. Der Verfaffer unterwirft dies einer eingehenden Besprechung. Er will durchaus die Juden nicht zu sittlichen Helden stempeln, aber jede Ueberlreibung, jedes Anschauen durch das Vergrößerungsglas, wenn es Fehler der jüdischen Mitbürger betrifft, will er beseitigt wissen. Zuletzt behandelt er die Frage, ob die Religion ein Hinverniß des gesellschaftlichen Verkehrs sein dürfe, und das Judenthum als Religion dem Christen Grund zum Gefühle einer Anthipathie gebe? Er verneint dies mir Entschiedenheit. Wir gestehen ein, daß diese Partie der vorliegenden Schrift, nicht in ihrem Resultate, wohl aber in der einzelnen Auffassung des Juvenrhums und des Christenthums uns weniger zusagte, und daß wir nicht Weniges darin zu bestreiten hätten. Es scheint nun einmal selbst dem aufgeklärtesten Christen nicht möglich, das Verhälrniß beider Religionen zueinander richtig zu erfaffen; besonders weil ihm eine genauere Kenntnlß des Zudenthums und die Fähigkeit, es ganz objectw in die Welt der geschichtlichen Erscheinungen und der geschichtlichen Entwicklung einzufügen, abgeht. Allein hierüber hinwegzusehen, sind wir genugsam gewöhnt worden, und in dem Resultate, daß die Religion für wahrhaft gebildete und echt religiöse Menschen durchaus kein Hinderniß im geselligen Verkehr, so wenig wie in der bürgerlichen Stellung ausmachen könne, stimmen wir mit dem Verfaffer vollkommen überein. Zum Schluffe würdigt der Verfaffer noch einige sittliche Vorzüge, deren sich die Juden erfreuen, besonders des lauteren und trefangelegten Familienlebens und ihres Wohlthätigkeitssinnes, der sich auch den Christen gegenüber nicht verleugnet. Auch die Freude der Juden an Intelligenz und Bildung, ihre Aufopferung, um ihre Kinder einer höheren Bildung theilhaftig zu machen, wird erwähnt. Wenn wir Juden so viel Esprit de corps besäßen, wie unsre Gegner, so würden wir für die Verbreitung dieses Schriftchens in der christlichen Welt angelegentlich Sorge tragen, wie daß sie in Casinos, in den Lesezimmern der Vereine, in den 12*

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