Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 11 (14.3.1876)
- Date
- 1876-03-14
- Page
- Seite 175 (sequence 11)
- Language
- German
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175 Jeuilleton. Das Schilftueer (Schluß.) Was ist also dieser „Sirbonische See", welchen Brugsch zum Schauplatz des Durchzuges durch das „Schilsmeer" machen will? Die Sache ist interessant genug, um die Beschreibung nach den Worten des Verfassers in getreuer Uebersetzung wiederzugeben. „Nachden Andeuwngen der Monumente, in Uebereinstimmung mir der klassischen Tradition, führte der egyptische Weg von Migdol gegen das Mittelmeer bis zur Mauer von Gerrhon (Schur der Bibel) am äußersten Ende des Sees Sirbonis gelegen. Dieser letztere, von den Alten sehr wohl gekannt, war lange Zeit in Vergessenheit gerathen, und noch im vergangenen Jahrhundert gestand ein französischer Reisender in Egypten ganz naiver Weise, daß „ „vom See Sirbon sprechen, sei so viel als deutsch mit den Arabern sprechen." " Durch eine Landzunge vom Mittelmeer getrennt, die in den alten Zeiten den einzigen Weg von Egypten nach Palästina bot, verbarg dieser See oder vielmehr diese mit reicher Vegetation von Schilf und Papyrus bedeckten, aber in unseren Tagen fast gänzlich ausgetrockneten Lagune unvorhergesehene Gefahren durch die Natur ihrer Ufer und das Vorhandensein gefährlicher Abgründe, von denen ein klassischer Schriftsteller (Diodor 16, 46) uns folgende Beschreibung macht: Von Osten ist Egypten theils durch den Nil, theils durch die Wüste und die sumpfigen Ebenen, bekannt unter dem Namen ßuQu&Qu (Schlünde, Abgründe) geschützt. Zwischen Coelosyrien und Egypten ist ein wenig breiter See, von wunderbarer Tiefe und einer Länge von 200 Stadien ungefähr. Er heißt Sirbonis und bereitet dem Reisenden, der sich ihm nähert, unvorhergesehene Gefahren. Sein Becken, das wie ein Band und seine Ufer, die sehr breit waren, wird öfter von einer Masse Sandes bedeckt, welchen die steten Südwinde herbeiführen. Dieser Sand läßt dem Blicke die Wasserfläche verschwinden und vermischt seinen Anblick mit dem des Erdbodens. Auf diese Weise sind ganze Armeen verschlungen aus Unkenntniß dieses Ortes und des Weges. Der Sand, leicht hingeweht, läßt Anfangs die Fußspuren erkennen, und verleitet durch ein verhängnißvolles Sicherheitsgefühl die Anderen zu folgen, bis, von der Gefahr unterrichtet, sie sich in dem Augenblick zu retten suchen, wo kein Mittel zur Rettung mehr übrig bleibt. Denn ein so in den Schlamm versunkener Mann kann weder schwimmen, da die Körperbewegungen behindert sind, noch sich daraus befreien, da er keine feste Stütze hat, um sich darauf zu erheben. Diese feste Verbindung von Wasser und Sand bildet eine Art Mischung, in der man weder schwimmen, noch gehen kann. Auf diese Weise sind diejenigen, die sich darin verloren, bis in die Tiefe des Abgrunds gezogen worden, denn die Ränder des Sandes versinken mit ihnen. Dies ist die Natur dieser Ebenen, für welche der Name ßuQa&Qov (Abgrund) vollständig paßt." Und weiterhin: „Nachdem die Hebräer, die zu Fuße gingen, die Niederungen, die sich zwischen dem Mittelmeere und dem See Sirbonis ausbreiten, passirt hatten, überraschte die egyptischen Reiter und die Befehlshaber der Streitwagen, welche die Hebräer verfolgten, eine hohe Fluth. In ihren Bewegungen gehemmt durch die wildgewordenen Pferde und die in Unordnung gerathenen Streitwagen, geschah den Befehlshabern und seinen Reitern, was im Laufe der Geschichte häufig nicht allein einzelnen Reisenden, sondern auch ganzen Armeen passirt ist. —" Dies war der Sirbonische See, welchen Brugsch-Bey zum rps-;r der Bibel. welchen die ganze Tradition für das rothe Meer erklärte, machen will: ein schmaler See mit breiten Ufern von Flugsand. War es nun ein Gefühl der Schwäche, welches den Verfasser zu der wiederholten Versicherung veranlaßte, daß seine Deutung genau mit den Angaben der h. Schrift übereinstimmt? Wir können dieseUebeinstimmung durchaus nicht finden. Wir sehen davon ab, daß das angeführte Beispiel, ein Theil eines persischen Heeres habe sich auf diesen verrätherischen Sandboden verirrt und sei untergegangen, in unsrem Falle wenig beweist, da man von einem egyptischen Heere eine solche Unkenntniß dieser Gegend nicht voraussetzen durste, um den flüchtigen Israeliten mit den Rossen und schweren Streitwagen dahin zu folgen. Aber in der Beschreibung, welche die h. Schrift von dem ganzen Vorgänge giebt, widersprechen alle einzelnen Ausdrücke der Annahme unsres Autors. Wir wollen auf die Worte der Siegeshymne kein Gewicht legen, weil diese poetisch sind, aber auch in der prosaischen Schilderung konnte doch vom Untersinken in mit Wasser gemischten Flugsand, über welchen die Israeliten glücklich hinweggekommen sein sollten, nicht gesagt werden: „Spalte das Meer, daß die Söhne Israels mitten durch das Meer im Trockenen gehen." «2 Mos. 14, 16. vgl. V. 21.), und „das Wasser war ihnen eine Mauer zur Rechten und zur Linken." (B. 22.), oder: „Der Ewige stürzte die Egypter mitten in das Meer, und die Gewässer kehrten zurück und bedeckten die Wagen und Reiter." (B. 27, 28.) Verlieren wir doch, wie schon ein Recensent in der „A. A. Z." bemerkt, das Wasser ganz aus den Augen und behalten nur Sand übrig. Doch die Hauptfrage ist uns: Kann die Bibel unter cpo-a-» den Sirbonischen See haben verstehen wollen, oder zwingen uns ihre Ausdrücke, das rothe Meer darunter zu verstehen? Zuerst fällt es uns auf, daß häufig, und zwar ohne daß im Vorhergehenden qis-a*' erwähnt worden, „das Meer" gesagt wird, z. B. 2 Mos. 14, 2. 9. Mit dieser allgemeinen Bezeichnung konnte schwerlich auf einen so kleinen, einem schmalen Bande gleichen See gedeutet sein, sondern nur auf ein großes bekanntes Meer. Noch schwerer fällt in's Gewicht, wenn 4 Mos. 21, 4. gesagt wird: „Dann brachen sie aus vom Berge Hör, auf dem Wege zum 11*