Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 11 (14.3.1876)
- Date
- 1876-03-14
- Page
- Seite 174 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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174 Ob auch in dem benachbarten Marktflecken LiSzka eine Trauerfeierlichkeil stattfand, haben wir nicht erfahren können. Jedenfalls verdient dieser Ort unsere Aufmerksamkeit, nachdem in diesem Augenblicke ein ehemaliger Bedienter des verstorbenen Rabbi dieser Gemeinde sein Unwesen als Heiliger treibt, und ein großes Publicum aus Nahe und Ferne heranlockt, das an den unwiffenden Jüng *) ebenso glaubt, wie an den selig entschlafenen Oberrabbi dieser Gemeinde, der, wenn auch Chassid, doch ein wahres Muster der Uneigennützigkeit war. Oberlehrer Rosenmeyer. Frankreich. Paris, 1. März. Nach den „Arch. isr." sind bei den Wahlen am 20. Februar zwei Israeliten in die Deputirtenkammer gewählt worden. Im Departement des Herault, im zweiten Bezirk von Montpellier, Herr Lisbonne, Präsident des Generalraths, unv im Departement der Rhone, erster Bezirk von Lyon, E. Millaud, Mitglied der Nationalversammlung. Man glaubt, daß noch einer oder der andere aus den Stichwahlen hervorgehen werde. — Als durch das bekannte Decret im Jahre 1870 die eingeborenen Israeliten von Algerien naturalisirt worden, eröffnete ein Herr Bertholon eifrigst einen Feldzug gegen das Decret. Bei den Wahlen am 20. Februar ist Herr Bertholon durchgefallen, obschon er hatte bekannt machen lasten, daß er in dieser Beziehung seine frühere Ansicht verändert und aufgegeben habe. — In der Sitzung der Akademie der moralischen und politischen Wiffenschaften vom 12. Februar ließ ein Herr Serrigny ein Memoire über das Gesetz des Jobeljahres vorlesen, in welchem er auseinandersetzte, daß dieses Gesetz im gegenwärtigen Zeitalter keine Anwendung finden könne. Wir glauben, dieser Nachweis war ziemlich überflüssig. Uns kann es nur darauf ankommen, wie dies in diesem Blatte, besonders auch in unsren „Vorlesungen" geschehen ist, das Princip des Jobelgesetzes zu erkennen, welches zugleich auf der gleichen Vertheilung des Bodens unter alle Familien des Volkes bei der Besitzergreifung des Landes sich stützte. Es war, in Verbindung mit anderen Gesetzen, bestimmt, die Anhäufung des Besitzes in einer Hand einerseits, und die Verarmung des Volkes andererseits zu verhindern. Wie die „Arch. isr." mittheilen, wird das Mitglied der Akademie, Herr A. Franck, nächstens auf dieses Memoire antworten. Es wäre interestant. Näheres von beiden Seiten zu erfahren. Italien. Turin, 2. März. lPrivatmitth.) Am 25. v. M. hat der hiesige Municipalrach einen Beschluß gefaßt, welcher die Angelegenheit des israelitischen Tempels in eine neue Phase versetzt. Nach lange» Studien und Gutachten, welche von sachkundigen Autoritäten eingezogen wurden, stimmte eine bedeutende Majorität des Gemeinderathes 200,000 Lire auszusetzen, um das schwierige 1) Provwzialausdrnck für^Bursche. Problem, den seit längerer Zeit unterbrochenen Bau des Tempels einem Ende zuzuführen, zu lösen. 80,000 Lire werden im laufenden Jahre verwendet, um das bereits monumentale Gebäude vor dem Verfalle zu sichern; 50,000 Lire im künftigen Jahre, um die Außeuwerke desselben nach den ästhetischen Anforderungen zu beendigen, und die übrigen 50,000 Lire werden der Jsraeliten-Gemeinde als Beisteuer übergeben, sobald diese darangeht, den Prachtbau seiner ursprünglichen Bestimmung gemäß als Gotteshaus zu vollenden. Es ist dies ein hochherziger Beschluß der Pattes conscripti dieser Königsstadl, welcher unsere Gemeinde zur endlichen energischen Betreibung des kostspieligen Tempelbaues anfeuern wird, wenn auch die ausgefetzte bedeutende Summe vielleicht nicht einmal zum Drittheil dessen heranreicht, was die Beendigung des seltsamen Gebäudes noch erfordern dürfte, und dasselbe bereits gegen 800,000 Lire bis jetzt der Gemeinde kostet. Spanien. Madrid, im Marz. (Privalmitth.) Der Bürgerkrieg ist in Spanien einmal wieder zu Ende. Die aufständischen Corps sind theils niedergeschlagen, theils nach Frankreich übergetreten; die letzteren werden amnestirt, die Fueros der baskifchen Provinzen aufgehoben und der Urheber verläßt die blutgetränkten Felder und Berge und die Trümmer der zerstörten und verbrannten Städte und Flecken, um, den Segen des Papstes in der Tasche, der ihm unterwegs zukam, und mit dem Vorbehalte, baldmöglichst die Greuel zu wiederholen, was ja das Wiener „Vaterland" bereits verheißt, sich an der reichen Tafel der Hinterlassenschaft des Herzogs von Modena „zum lecker bereiteten Mahle" niederzulaffen. Diese abermalige Niederlage der Carliften ist auch eine schwere Niederlage des Ultramontanismus, dessen geistliche und Laienanhänger in Frankreich und Deutschland ihre schweren Opfer vergebens gebracht haben. Jndeß die Regierung Alphons XII. ist ihrem Entfluffe nicht unzugänglich. Man fabricirt abermals eine spanische Verfassung, und schachert nun, wenn man aus ihr die Glaubensfreiheit nicht ganz streichen kann, um eine möglichst blasse unv verklausulirte Phrase zu Gunsten derselben. Das übrige Europa kann dieser Handel um Buchstaben nicht interessiren; da es denselben nicht zu beeinflussen vermag und es immerhin darauf ankommen wird, was die zukünftige Verwaltung aus der endlich beschlossenen Formel machen wird. Welche Wünsche man auch für das vielgequälte Spanien hege, man kann es sich kaum verhehlen, daß es noch immer nicht der letzte Sturm gewesen, der über die Halbinsel dahingerast ist. Denn jede, irgendwie nach einer Seite zu sehr gravirende Richtung, wird unfehlbar nach einer Pause das Unwetter wieder Hervorrufen. Wir halten es daher für völlig ungeeignet, an die gegenwärtige Regierung irgend ein Gesuch um Bewilligung der Cultussreiheit zu richten. Hier herrscht nur der Selbstunterhaltungstrieb der Parteien, und die Ansicht, welche sich jede von den Mitteln ihrer Befriedigung macht, ist entscheidend.